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Ornella Muti zum Sechzigsten : Der Blick, dem Männer verfallen

Alles liegt in ihrem Blick und ihrem Zögern: Ornella Muti im Juni 2014 Bild: Picture-Alliance

Der Ruhm kam über sie wie eine Sturzflut. Am Ende war das, was entstand, kein Lebenswerk, sondern ein Sichvergeuden. Zum sechzigsten Geburtstag der italienischen Schauspielerin Ornella Muti.

          Man sollte sich nicht zu viele alte Filme mit Ornella Muti anschauen. Denn man könnte dabei bedauern, nicht jung gewesen zu sein zu der Zeit, als Ornella Muti für das Kino entdeckt wurde, und nicht jeden Schritt dieser Karriere mitverfolgt zu haben, zuerst mit fasziniertem Staunen, dann mit Befremden und Verwirrung, zuletzt mit Trauer und Resignation.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Vielleicht hätte alles doch eine andere Wendung genommen, wenn sie, sagen wir, statt in „Flash Gordon“ irgendwo bei Scorsese und statt in Ferreris „Letzter Frau“ in Bertoluccis „Letztem Tango“ mitgespielt hätte, vielleicht war nach Schlöndorffs „Liebe von Swann“ und Rosis „Chronik eines angekündigten Todes“ der Weg auf die Bühne der Stars immer noch offen. Aber dann hat es doch nicht gereicht, und es folgte mal dieser, mal jener Film, zuletzt eine Nebenrolle bei Woody Allen, als alternde Schauspielerin in „To Rome With Love“. Ein Postkarten-Part, Abschiedsgrüße eines Gesichts, das einmal der Traum der Leinwand gewesen war.

          Im Grunde hat sie gar nichts getan

          Ornella Muti war nie eine große Schauspielerin. (Das war auch Rita Hayworth nicht, oder Brigitte Bardot, oder Michelle Pfeiffer.) Aber sie hatte die Gabe, die Atmosphäre in den Räumen zu verändern, die sie vor der Kamera betrat. In „La stanza del vescovo“ (Das Zimmer des Bischofs), einem Film von 1977, gibt es eine Szene, die ihre Wirkung andeutet. Sie kommt in einem weißen Badeanzug aus einer Umkleidekabine, geht ein paar Schritte und legt sich dann auf das Vorderdeck der Segeljacht, auf der Ugo Tognazzi und Patrick Dewaere auf sie warten. Dewaere schaut sie von der Seite an, Tognazzi reckt sich im Hintergrund hoch, und man spürt sofort, dass die beiden von nun an Todfeinde sein werden, Konkurrenten um ihren Körper und ihre Seele, und dass beide am Ende an ihr scheitern werden. Und so geschieht es.

          1977 in Georges Lautners „Der Fall Serrano“ Bilderstrecke
          1977 in Georges Lautners „Der Fall Serrano“ :

          Dabei hat sie, wie in fast allen ihren Filmen, im Grunde gar nichts getan, nur ein paar träge Blicke geschossen aus ihren dunkel umrandeten grünen Augen in dem Katzengesicht, dazu ein leichtes Zucken der Mundwinkel, ein zögerndes Wiegen der Hüfte, als träten ihre nackten Füße auf Dornen, ein kurzes Heben des Kopfes wie aus tiefer Versunkenheit. Und doch liegt alles in diesem Blick und diesem Zögern, alles, wovon das Kino der tödlichen Leidenschaften je geträumt hat und wovon auch Jeremy Irons als Charles Swann träumt, wenn er an Odette de Crécy denkt, die Frau, die er hässlich findet und der er unheilbar verfallen ist.

          Eine leise Traurigkeit

          Ornella Muti war vierzehn, als sie von Damiano Damiani für die Hauptrolle in „La moglie più bella“ (die schönste Frau) engagiert wurde, und obwohl der Film von einer Kämpferin handelt, kann man den Titel als Motto ihres Lebens lesen. Der Ruhm kam über sie wie eine Sturzflut, der sie nichts entgegenzusetzen hatte. Sie spielte Nonnen, Arbeiterinnen, rebellische Teenager, Flittchen, Prinzessinnen, Psychiatriepatientinnen, sie wurde geprügelt, vergewaltigt, begehrt, sie zog sich aus hinter Seidenvorhängen und in der Brandung des Mittelmeers, und am Ende war das, was so entstand, kein Lebenswerk, sondern ein Sichvergeuden.

          Die Klatschpresse aber blieb ihr treu. In diesen Tagen ist Ornella Muti wieder in den Schlagzeilen. Wegen eines Dinners bei Putin hat sie einen Theaterauftritt in Italien versäumt und muss nun eine hohe Geldstrafe zahlen. So prangt ihr Name noch einmal auf den Titelseiten.

          Bevor sie bei Woody Allen auftrat, war Ornella Muti in einer Filmtrilogie des Belgiers Lucas Belvaux zu sehen, die in drei verschiedenen Episoden dasselbe Geschehen umkreist. Darin spielt sie eine Lehrerin, die zwischen zwei Männern steht. Eine leise Traurigkeit liegt dabei in ihrem Gesicht, von der man nicht weiß, ob sie der Zeit gilt, die vergangen ist, oder der, die noch vor ihr liegt. An diesem Montag wird Ornella Muti sechzig Jahre alt.

          Quelle: F.A.Z.

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