27.12.2007 · Nicolette Krebitz hat „Das Herz ist ein dunkler Wald“ ambitioniert inszeniert. Die Geschichte von der Doppelbödigkeit bürgerlicher Existenzen hat einen so flirrenden Reiz, dass man sich einfach gerne noch länger in dieser Märchenwelt aufgehalten hätte.
Von Michael AlthenNina Hoss und Devid Striesow sind quasi das Paar des Jahres im deutschen Film, auch wenn ihre beiden Begegnungen eher verhalten, geradezu somnambul verlaufen sind. In Christian Petzolds „Yella“ war ihre Beziehung zwar mehr geschäftlicher Natur, aber wie die beiden ihren Geschäftspartnern die Hölle heiß gemacht haben, war von einer Lust am Spiel geprägt, von der man sich fast hätte anstecken lassen können, wenn der Geschichte nicht ihr fatales Ende schon von vornherein eingeschrieben gewesen wäre.
In „Das Herz ist ein dunkler Wald“ hat Nicolette Krebitz die beiden nun ebenfalls zusammengespannt, und wenn man sich die Ungereimtheiten wegdenkt, dann könnte dies wie ein kleiner Bruder, eine Art imaginierter Fortsetzung sein – er nie ganz greifbar, sie wie gefangen in einem bösen Traum. Das Paar des Jahres, aber glücklich werden sie miteinander nie.
Der Realitätsverlust der Heldin ist spürbar
Die Schauspielerin Nicolette Krebitz, den meisten eher durch den „Tunnel“ als ihre Kinoauftritte bekannt, hat schon einmal Regie geführt. „Jeans“ war entstanden aus einem Gefühl, dass in Berlin Dinge passieren, von denen das Kino erzählen müsste, ehe sie sich wieder verflüchtigt haben. So wurde mit loser Hand von ein paar Typen erzählt, deren Wege sich am Rande kreuzen. „Das Herz ist ein dunkler Wald“ ist nicht unbedingt konzentrierter erzählt, aber ambitionierter inszeniert.
Gerade die Ambition scheint dem Film allerdings nicht immer gutzutun, weil er durch allerlei formale Sperenzchen die Geschichte immer wieder zu einer Spielanordnung herunterbremst, wo sie genauso gut auf ihre schiere Wucht vertrauen könnte. Da sieht man dann Hoss und Striesow auf einer Theaterbühne, wo sie durchdeklinieren, was hätte sein können oder sollen. So schleicht sich immer wieder der Irrealis in dem Film ein, obwohl der Realitätsverlust der Heldin auch so schon spürbar genug ist.
Eingeübte Zärtlichkeit
Doch erst mal hat die Realität in Form des Ehealltags das Paar fest im Griff. Der Mann ist Musiker, ist spät heimgekommen und erwacht auf dem Sofa. Es gibt Frühstück mit den Kindern, die eingeübten Zärtlichkeiten, eine ganz normale Familie, aber mit Blick für die charmanten Details inszeniert. Dann vergisst der Mann sein Instrument, die Frau radelt ihm hinterher und stellt fest, dass er nicht zur Arbeit fährt, sondern weiter zu einem anderen Haus, mit einer anderen Frau, einem anderen Kind, einem anderen Leben.
Das Bestürzende an diesem Doppelleben ist, auf wie beklemmende Weise es dem eigenen ähnelt. Das Haus ist derselbe flache Klinkerbau, die Frau ist auch nicht direkt ein Gegenentwurf, und das Kind heißt auch noch so, wie man den eigenen Sohn hätte nennen wollen. Es ist also, als würde die Frau in einen Spiegel blicken, und was er zeigt, ist dasselbe stinknormale Glück, das sie ihr Eigen nennt.
Bilder, in denen sich Ohnmacht und Lähmung verdichten
Das Besondere an Krebitz’ Film ist, dass er sich nicht auf die Widrigkeiten des Doppellebens versteift, sondern einen Blick in den Schlund wirft, der sich unter dem Leben der Frau auftut. Zusammen mit der Kamerafrau Bella Halben, die auch schon den Erstling „Jeans“ fotografierte, findet die Regisseurin Bilder, in denen sich die Ohnmacht und Lähmung verdichten und die gähnende Leere spürbar wird, die kaum in Worte zu fassen ist.
Es gibt keine Auseinandersetzung, kein Geschrei, nur stummes Leid und Wahn – und die hilflos dumme Geste des Mannes, den psychologischen Hilfsdienst nach Hause zu schicken, der nach dem Wohlergehen der Kinder schaut. Von da an – auch darin ist der Film „Yella“ nicht unähnlich – kann die Frau immer weniger unterscheiden, ob alles nur ein böser Traum ist.
Nina Hoss splitternackt
Der zweite Teil wirkt dann vollends traumverloren, denn die Frau folgt ihrem Mann auf ein herrschaftliches Anwesen, auf dem ihr Mann als Musiker bei einem Maskenball spielen soll. Als ungebetener Gast irrt sie da durch die Räume, von niemandem richtig beachtet, dem Mann immer nur knapp auf den Fersen. Einerseits hat man den Eindruck, dass dieser zweite Teil nicht richtig zum ersten passt, andererseits muss man aber auch die Kühnheit bewundern, mit der sich Krebitz dem ewiggleichen Lauf der Dinge verweigert, mit dem sich Geschichten von der Doppelbödigkeit bürgerlicher Existenzen bei uns so oft im bloßen Durchbuchstabieren des Unglücks verlieren.
Kann sein, dass da ein eigener Film drinsteckt, der sich ohne den Ballast der Vorgeschichte auf diesem Fest freier bewegen könnte. Aber die Art, wie hier Geschichten nur am Rande angerissen werden und doch der Imagination Flügel verleihen, hat einen so eigenen flirrenden Reiz, dass man sich einfach gerne noch länger in dieser Märchenwelt aufgehalten hätte.
Und wenn dann am Ende Nina Hoss splitternackt in einem Bus sitzt, weiß man, dass sie nicht mehr von dieser Welt ist. Und für atemberaubende Momente wie diesen muss man den Film einfach lieben.