23.07.2009 · Neil Armstrongs kleiner Mondspaziergang hat der Menschheit viele Erkenntnisse beschert, doch er hat ihr auch eine mythische Projektionsfläche genommen. Wo die Wissenschaft profitiert, hat die Kunst gelitten: Seit 1969 ist der Mond im Kino entzaubert - fast zumindest.
Von Christian HegerBeim Abgrasen der öffentliche Agenda war auf Hollywood bislang bislang immer Verlass. Um so mehr überrascht es, dass die Filmstadt das öffentlich zelebrierte Apollo-11-Jubiläum ungenutzt verstreichen ließ: Ein tricküberfluteter Science-Fiction-Blockbuster hätte sich doch angeboten, angesiedelt irgendwo zwischen „Apollo 13“ (1995), „Indepence Day“ (1995) und „Armageddon“ (1996). Doch eine neue Weltraum-Renaissance ist nicht in Sicht, erst recht nicht mit dem Schauplatz „Mond“.
Seit Jahrzehnten fristet der Erdensatellit in Los Angeles nun schon ein bemitleidenswertes Schattendasein. Mit Michael Jackson, dem legendären Verfechter des „Moonwalk“ trat jetzt auch noch der letzte Pop-Apologet eines Gestirns ab, das seine Schuldigkeit getan zu haben scheint. Sicher, für die Menschheit mag Neil Armstrongs kurzer Spaziergang ein großer Schritt gewesen sein, für den Erdtrabanten selbst aber begann damit der Anfang vom Ende - nicht nur, aber auch in Hollywood, der kollektiven Traumfabrik.
Von Méliès bis Kubrick
Und dabei hatte alles so gut angefangen: „Le voyage dans la lune“ („Die Reise zum Mond“) hieß 1902 jener Film, mit dem George Méliès noch in Frankreich den Grundstein des Science-Fiction-Films legte: Eine Gruppe Wissenschaftler reist darin zum Mond, malträtiert mit ihrem Raumschiff dessen vermenschlichtes Auge und gerät danach mit einem Stamm kurios geschminkter Einheimischer aneinander. Danach folgten unzählige Abenteuer, von Fritz Langs „Die Frau im Mond“ (1929) bis zu Arthur Hiltons unsäglichem Trashfilm „Catwomen of the Moon“ (1953), bevor sich der Mondfilm ins Dokumentarische verlagerte.
Der astronautische Wettlauf zwischen Amerikanern und Sowjets gipfelte in den fünfziger Jahren in dramatisch-pathetischen Weltraumepen wie Irving Pichels „Endstation Mond“ (1950) oder Robert Altmans „Countdown - Start zum Mond“ (1968), in denen der Erdsatellit zum Schauplatz des Kalten Krieges wurde. Statt mythischem Entdeckergeist herrschte hier schnöde Machtpolitik und der Mond verlor im Zuge seiner fortschreitenden empirischen Erschließung zunehmend an Flair. Die Ausnahme bildete hier - wie so häufig - Stanley Kubrick, der kurz vor Apollo 11 mit einer Weltraum-Oper „2001 - Odyssee im Weltraum“ (1968) noch einmal das Rätselhafte bemühte: Der ominöse Monolith, den Mondreisende im Film entdecken, verklärt den Himmelskörper zu einer mystischen Traumlandschaft, zu einer „(extra-)terra inkognita“ in der die Grundfragen jedweder Existenz verhandelt werden.
Asyl auf dem Mars
Schon ein Jahr später wäre das wohl so nicht mehr möglich gewesen: Die lunare Welt war entzaubert und fortan wanderten alle Geheimnisse, all die außerirdischen Spezies und Geschöpfe, die sie so lange fiktiv bevölkert hatten, in verletztem Stolz in Richtung Mars ab. Seither gedeiht auf dem roten Planeten der kreatürliche Mainstream jeglicher Science-Fiction, wie ein Blick auf die filmische Genregeschichte eindrücklich belegt: Von William Cameron Menzies' legendärem B-Film „Invasion vom Mars“ (1953) bis hin zum Tim Burtons beißender Satire „Mars Attacks!“ (1995) reicht die lange Ahnenreihe, die jüngst erst Steven Spielberg das Klassiker-Remake „Krieg der Welten“ (2005) um einen neuen Eintrag ergänzte.
An Marsianern, man sieht es, fehlt es heute kaum - doch wird das auch in Zukunft so bleiben? Längst scheint es nur eine Frage der Zeit, bis das menschliche Entdeckerstreben auch dort den großen Alien-Exodus einläuten wird: Die erste bemannte Mars-Expedition wurde jetzt von der NASA für das Jahr 2030 angekündigt; spätestens dann dürfte die Science-Fiction auf den Jupiter ausweichen. In puncto Artenvielfalt hat ein solch unentwegtes Vorwärtsdringen seinen Preis: Nicht nur viele irdische Gefährten - vom Dodo bis zum Beutelwolf - sind der Menschheit inzwischen entglitten, sondern auch liebgewonnene Weggefährten wie H.G. Wells' Mondkalb oder der joviale Mondmann, den Hans Albers als Lügenbaron von Münchhausen noch 1943 im Auftrag der UFA besuchte. Zurückgeblieben ist heute auf ihrer einstigen Heimat nur ein kaltes und unwirtliches Geröllfeld - das schnöde Bild einer profanen Wirklichkeit. War der Schritt für die Menschheit also wirklich so lohnend?
Zäsur und Konstanz
In der kulturellen Mondrezeption war Apollo 11 sicherlich die größte Zäsur, nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der Kunst - nur dort mit verkehrten Vorzeichen. In Belletristik, Malerei und Film steht die aktuelle Mondrezeption noch immer im Schatten ihrer prunkvollen Vergangenheit. Der Mond - das war bis 1969 vor allem erzromantisches Symbol, schwärmerisch besungen von Eichendorff und Ludwig Tieck, Wordsworth und Coleridge, Lamartine und Victor Hugo. Romantische Landschaftsmaler hatten ihn sich zu eigen gemacht, allen voran Caspar David Friedrich in „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ (1819) oder „Mondaufgang am Meer“ (1822). Beethoven war ihm musikalisch mit der berühmten „Mondscheinsonate“ beigesprungen.
Über kulturelle Mittlerfiguren wie Washington Irving, Edgar Allan Poe und Nathaniel Hawthorne gelang diese motivische Begeisterung schließlich auch in die Vereinigten Staaten, wo sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Hollywood dankbar aufgegriffen wurde - nicht zuletzt auch von deutschen Emigranten wie Friedrich Wilhelm Murnau, in dessen Film „Sunrise“ (1927) eine nebelverhangener Mond ein finsteres Mordkomplott bezeugt. Und auch wenn der Mond als Science-Fiction-Topos inzwischen verpönt ist, so lebt die Tradition seiner romantischen Rezeption doch fort: Nicht mehr aus nächster Nähe wird er betrachtet, sondern als ferne numinose Verheißung.
Fantasy statt Science-Fiction
Da ist zum Beispiel Steven Spielbergs schon fast ikonisch reproduzierte Einstellung aus „E.T. - Der Außerirdische“ (1982), in der der kleine Junge Elliot mit seinem extraterrestrischen Freund mit dem Fahrrad vor der riesigen Vollmondsilhouette den Sternenhimmel entlang fliegt (und die danach prompt zum Logo der Produktionsfirma Amblin avancierte). Da ist Joe Dantes Film „Gremlins - Kleine Monster“ (1984), der mit einer bezaubernd künstlichen Märchennacht schließt, umschmeichelt von Jerry-Goldsmith-Klängen. Und da ist George Lucas' „Star Wars“-Saga, deren letztes sinnendes Bild im Anblick einer doppelten Monddämmerung schwelgt.
So ganz scheint die filmische Popkultur auf den Reiz des Lunaren also doch nicht verzichten zu wollen: Was der Science-Fiction verloren ging, lebt fort im Reich der Fantasy - als poetischer Nachhall von Sehnsucht und Weltschmerz, Träumerischem und Unterbewusstem: Noch immer ist der Horrorfilm bevölkert von Vampiren und Werwölfen, jenen beiden klassischen Nachtgeschöpfen, die nicht erst Len Wisemans „Underworld“ (2003) als ewige Antagonisten etablierte: Während sich die einen im vollen Mondenschein verwandeln, bringt die Sonne für die anderen die Vernichtung.
Eine unendliche (Mond-)Geschichte
Wie das für dieses Jahr angekündigte Spektakel „The Wolf Man“ mit Benicio Del Toro belegt, braucht man sich um die Zukunft der mondsüchtigen Kreaturen auch in Zukunft wahrscheinlich keine großen Sorgen zu machen: Neben der Neuauflage des klassischen Universal-Streifens aus dem Jahr 1941 sorgt derzeit auch Genreheld Harry Potter für allerlei Mondflair - zum Beispiel mit den Werwölfen Remus Lupin und Fenrir Greyback oder der emblematisch benannten (und wunderbar spleenigen) Luna Lovegood.
Das spannendste Mondprojekt des Fantasy-Genres allerdings plant derzeit Leonardo DiCaprio: Angefacht von einer kindlichen Begeisterung für Wolfgang Petersens „Die unendliche Geschichte“ arbeitet er an einer Neuverfilmung von Michael Endes Kultroman. Wie wir uns erinnern, muss der kleine, schüchtere Bastian Balthasar Bux darin die Märchenwelt Phantásien vor dem Untergang retten. Gelingen kann ihm das nur, indem er der kranken kindlichen Kaiserin einen neuen Namen gibt. Seine Wahl ist so süßlich wie bezeichnend: „Mondenkind“.