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Zum Tod von Robin Williams : Der Mann, der zu gut war für Hollywood

Robin Williams starb im Alter von 63 Jahren Bild: dpa

Robin Williams, der wohl durch Suizid aus dem Leben schied, war ein Schauspieler, der sich in unsere Erinnerung eingebrannt hat. Und nicht nur durch Bilder, sondern auch durch Töne.

          Als am Dienstagmorgen die Meldung kam, dass Robin Williams tot aufgefunden wurde, mutmaßlich aus eigenem Willen gestorben, da sausten Bilder durch den Kopf – und ein langgezogener Ruf. Denn wer zu jung war, um Williams in der Rolle gesehen zu haben, die ihn berühmt gemacht hat (aber auch bei ebenjenen, die nur davon gehört hatten, berüchtigt, denn Fernsehen galt damals noch nichts), der Titelpartie in der von 1978 bis 1982 produzierten Fernsehserie „Mork vom Ork“, der lernte ihn spätestens 1987 kennen, als „Good Morning, Vietnam“ in die deutschen Kinos kam.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Da war Robin Williams 36 Jahre alt, und seine markerschütternde morgendliche Begrüßung, die dem Film über einen Radiomoderator, der die amerikanischen Truppen im Vietnamkrieg bei Laune zu halten hatte, den Titel gab, setzte sich im Ohr selbst derjenigen fest, die gar nicht ins Kino gingen. Denn dieser Film wirkte akustisch weit über sein Medium hinaus. Er war, wenn der Kalauer in diesem traurigen Moment erlaubt ist, damals der letzte Schrei.

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          Und Williams war die Idealbesetzung, denn auch wenn er ein ausgewiesen sarkastischer Stand-Up-Comedian auf den amerikanischen Bühnen war, verstand er sich doch auch immer als amerikanischer Patriot. Also spielte er diesen zwangsweise lustigen Radioreporter in einem grausamen Krieg mit jener Ambivalenz , die die Rolle brauchte, um etwas anderes als die Kriegsgroteske „M.A.S.H.“ zu werden, die bis dato als Non-Plus-Ultra der humoristischen Hollywood-Behandlung amerikanischer Kriegsführung in Fernost galt (in diesem Fall Korea)*. „Good Morning, Vietnam“ war aber nicht mehr zynisch, dieser Film war bitter, und er löste wie „M.A.S.H.“ starke Emotionen aus, die aber in Amerika nicht mehr aus Zorn über Veralberung entstanden. Robin Williams gab dem Patriotismus seine Würde zurück, ohne irgendetwas zu beschönigen.

          Zum Weltstar aber wurde er zwei Jahre später mit der Rolle eines Englischlehrers in Peter Weirs Film „Club der toten Dichter“. Aus heutiger Sicht ist dieser Film über die moralische Wirkung von Poesie, die vor dem Hintergrund eines traditionell-hierarchisch geführten Knabeninternats vorgeführt wird, nahezu unerträglich pathetisch. Doch wer würde gerade deshalb die Abschiedsszene vergessen, die seine Schüler dem menschenfreundlichen und literarisch begeisterten John Keating bereiten, als er die Schule gerade dieser Eigenschaften wegen verlassen muss? Wie er es ihnen gegen anfänglichen Spott beigebracht hat, stehen sie in Anwesenheit der Internatsleitung auf und deklamieren für ihn aus einem Walt-Whitman-Gedicht „O Captain! My Captain!“ Wieder war Robin Williams vor allem in unseren Ohren gespeichert, diesmal indirekt.

          Doch dann kam – wieder zwei Jahre später - „König der Fischer“, die Rolle seines Lebens, für die er den Oscar hätte erhalten müssen, den er erst 1997 für seinen Psychiater in Gus van Sants „Good Will Hunting“ bekommen sollte. Diese Auszeichnung galt einer Nebenrolle, und das war auch seine Darstellung des Parry in Terry Gilliams „König der Fischer“. Aber was für eine Tour de force! Sie zeigte endlich den ganz großen Akteur, der Williams war. Wie immer bei Gilliams Regiearbeiten war es ein maßloser Film, ein Wagnis von Anfang bis Ende, und es gibt gute Gründe, den Film nicht zu mögen, aber Robin Williams muss man lieben für die Leidenschaft, mit der er den geistig verwirrten Gralssucher Parry verkörperte. Jeff Bridges, der eigentliche Hauptdarsteller des Films, hatte nichts dagegen zu bestellen.

          Dann kamen in den neunziger Jahren Kostüm- und Trickspektakel  wie „Hook“, „Mrs. Doubtfire“, „Jumanji“ oder „Birdcage“, das amerikanische Remake von „Ein Käfig voller Narren“, die Robin Williams zum zeitweiligen Megastar machten, aber den wunderbaren Schauspieler wieder vergessen ließen. So gesehen war der Oscar für „Good Will Hunting“ doch noch eine rechtzeitige Belohnung, denn Williams drohte mittlerweile in Rollen verheizt zu werden, die seiner schauspielerischen  Intelligenz unangemessen waren. Ohne diesen Oscar hätte er nicht 1999 die Hauptrolle in der amerikanischen Verfilmung von Jurek Beckers Roman „Jakob der Lügner“ bekommen – in der zweitbesten Rolle seines Lebens – oder 2002 in „Insomina“ neben Al Pacino gespielt – in der bösartigsten Rolle seines Lebens.

          Dann wurde es stiller, oder es kamen wieder Klamaukfilme wie „Nachts im Museum“ – erfolgreich, aber belanglos. Williams war zu gut für Hollywood, und das war schlecht für ihn. Mehrfach rettete er sich selbst aus Alkoholabhängigkeit, wurde sie aber nicht endgültig los. Seinen letzten prominenten Kinoauftritt hatte er im vergangenen Jahr in Lee Daniels‘ Spielfilm „The Butler“ als amerikanischer Präsident Eisenhower. Es war eine Winzrolle, aber sehr witzig besetzt, weil Williams in „Nachts im Museum“ schon einen anderen Präsidenten, Teddy Roosevelt, gespielt hatte. Sein jüngster Versuch, mit „The Crazy Ones“ aber auch wieder Star einer großen Fernsehserie zu werden, scheiterte: Der produzierende Sender stellte sie nach einer Saison wieder ein.

          Mag sein, dass diese Enttäuschung Robin Williams in die Depression getrieben hat, an der er zuletzt gelitten haben soll. Seine Frau Susan Schneider aber ließ nun mitteilen, sie habe keine Anzeichen für eine solche Tragödie bemerkt. Als am gestrigen Montag ein Notruf bei der Polizei seines Wohnorts einging, konnten die Beamten wenige Minuten später nur noch den Tod des dreiundsechzigjährigen Schauspielers feststellen. Am Dienstagabend dann teilte der stellvertretende Chef der Gerichtsmedizin in Tiburon bei San Francisco mit, dass es keinerlei keinerlei Hinweise für einen Kampf oder andere Auswirkungen von außen gebe. Die Polizei gehe daher weiter von einem Suizid aus.

          * Korrektur: In einer früheren Version des Beitrags ist versehentlich Vietnam als Schauplatz von „M.A.S.H.“ genannt worden. Wir danken für den Hinweis und haben den Fehler korrigiert. FAZ.NET 12. August 2014

          Quelle: FAZ.NET

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