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„Der Affront“ im Kino : Nach der Flucht und vor der Rache

Kann Vernunft den Hitzkopf zügeln? Shirine (Rita Hayek, links) versucht es bei Toni (Adel Karam). Bild: Alpenrepublik

Ein Bagatellfall erschüttert ein Gemeinwesen: Der Film „Der Affront“, im vergangenen Jahr für einen Oscar nominiert, ist mehr als eine Zustandsbeschreibung des Libanons – er ist eine Warnung.

          Wie kurz ist unsere Gesellschaft davor, sich von Hass aufeinander zerfressen zu lassen? Wie viele falsche Fronten durchziehen sie schon, die nicht zwischen Wohlmeinenden und Kriminellen verlaufen, sondern zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft? „Der Affront“ zeigt, wie es aussieht, wenn eine solche Konstellation eskaliert: Eine sinnlose Feindseligkeit zieht Kreise, bis alles in Sichtweite zerstört ist.

          Tony (Adel Karam) lebt mit seiner schwangeren Frau (Rita Hayek) in Beirut. In der Straße sind Bauarbeiter beschäftigt, darunter der palästinensische Flüchtling Yasser (Kamel El Basha). Weil Tonys Balkon keinen richtigen Abfluss hat, tropft das Wasser auf die Arbeiter. Sie legen einen vorschriftsmäßigen neuen Abfluss – aber Tony schlägt ihn mit einem Hammer kaputt, ehe sie überhaupt damit fertig sind. Die beiden Männer geraten in Streit, Yasser nennt Tony einen „Scheißkerl“. Der beschwert sich bei der Baufirma, deren Chef Yasser am nächsten Tag dazu bringen will, sich zu entschuldigen. Bei dieser Gelegenheit brüllt Tony rassistische Parolen: „Scharon hätte euch alle auslöschen sollen!“. Yasser schlägt ihn nieder, und die beiden sehen sich vor Gericht wieder – der Christ Tony auf der einen, der Muslim Yasser auf der anderen Seite.

          Die Handlung weitet den europäischen Blick auf einen Konflikt, der hier kaum thematisiert wird: Der Libanon hat im Laufe der letzten siebzig Jahre Hunderttausende Palästinenser aufgenommen, von denen die meisten nie richtig angekommen sind. Sie sind aus Israel, Jordanien oder Syrien geflohen und leben seitdem in Flüchtlingslagern oder abgeschlossenen Siedlungen. Sowohl die Bevölkerung als auch die Regierung stehen ihnen misstrauisch oder offen feindlich gegenüber. Der libanesische Bürgerkrieg, in dem sich unter anderem arabische Nationalisten und prowestliche Christen bekämpften, hat das Verhältnis nicht verbessert. „Wir sind die N***** der arabischen Welt!“, sagt Yasser über seine Landsleute.

          Die differenzierte Sichtweise gehört den weiblichen Figuren

          „Der Krieg im Libanon endete 1990 ohne Gewinner oder Verlierer“, beschreibt Regisseur Ziad Doueiri die Situation. „Alle Beteiligten wurden freigesprochen, und diese Generalamnestie verwandelte sich in eine Generalamnesie. Wir haben sozusagen alles unter den Teppich gekehrt.“ Er selbst lebt inzwischen wie viele Libanesen in Frankreich. Der Vorfall, der in „Der Affront“ alles auslöst, geht auf ein persönliches Erlebnis des Regisseurs in Beirut zurück: Er stritt mit einem Klempner ähnlich vehement wie Tony mit Yasser, wollte sich später entschuldigen – und sah sich schließlich gezwungen, den Mann gegenüber dessen Chef zu verteidigen, weil der ihn rauswerfen wollte.

          Ziad Doueiri ist Sunnit, seine Exfrau Joëlle Touma Christin. Das Drehbuch schrieben die beiden gemeinsam. Es ergreift nicht Partei, es bildet nur ab – und ist gerade dadurch erschreckend. Während vor allem Tony völlig verbohrt wirkt, scheint die differenzierte Sichtweise den weiblichen Figuren zu gehören: Die Ehefrauen der Streithähne wollen vermitteln und Lösungen finden. „Sie sind klüger. Man würde sich wünschen, dass die arabische Welt eines Tages von Frauen geführt wird“, sagt der Regisseur.

          Sie alle sind traumatisiert

          Doch vorerst sind die Männer am Ruder, und sie sind laut und aggressiv: Der Streit, der vor Gericht ausgetragen wird, schwappt bald auf die Straßen über. Es gibt Tumulte, später wird ein unbeteiligter Pizzabote auf dem Roller gejagt und verunglückt dabei schwer. Das Kind von Tony und seiner Frau kommt viel zu früh zur Welt, und als der Chef einer Großkanzlei die Sache an sich reißt und seine Tochter als Anwältin die Gegenpartei vertritt, um ihrem Vater Kontra zu geben, geht es endgültig nicht mehr um die Beleidigungen vom Anfang. Es geht um den Rassismus, der die ganze Gesellschaft spaltet, um Publicity und Geld, um Geltungsdrang und um kaputte Familien.

          Die Anwälte schrecken vor nichts zurück, verdrehen Aussage um Aussage und stellen ihre eigenen Mandanten bloß, um den Fall zu gewinnen. So kommt schließlich heraus: Alle sind traumatisiert. Alle haben aus dem Bürgerkrieg und anderen militärischen Konflikten schreckliche Erfahrungen, die sie nie aufgearbeitet haben. Sie stehen exemplarisch für ein Land, in dem Trauma und Schweigen sich in Feindseligkeit verwandelt haben. „Der Affront“ zeigt eindrücklich, wie schnell tiefe Gräben aufreißen, wenn die Stimmung der Gesellschaft derart angespannt ist. Damit ist der im vergangenen Jahr für einen Oscar nominierte Film mehr als eine Zustandsbeschreibung des Libanons – er ist eine Warnung an alle anderen Länder, dem Hass rechtzeitig Einhalt zu gebieten.

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