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Michel Piccoli zum Neunzigsten : Sein Gesicht ist ein Jahrhundert

Michel Piccoli 1991 mit Emmanuelle Béart in Jacques Rivettes Film „Die schöne Querulantin“ Bild: Picture-Alliance

Er war niemals jung. Nicht so, wie man im Kino jung ist, strahlend vor Unschuld und Charme. Schon mit dreißig spielte er gefallene Priester, Offiziere, Polizisten. Und wurde berühmt. Dem Kinozauberer und Theatertier Michel Piccoli zum Neunzigsten.

          Man muss ihn gesehen haben: wie er in Jean-Luc Godards Film „Die Verachtung“ von Brigitte Bardot im Bett verhört wird und auf alle ihre Fragen mit „Ja“ antwortet - „Liebst du meine Brüste? Meine Schultern? Meine Schenkel? Mein Gesicht?“ -, bis er schließlich den Satz sagt, der die Handlung des Films vorwegnimmt: „Je t’aime totalement, tendrement, tragiquement.“ Vollkommen, zärtlich und tragisch.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und man muss ihn gehört haben - in dem Lied, das er zusammen mit Romy Schneider in Claude Sautets „Die Dinge des Lebens“ singt, dem „Chanson d’Hélène“, das vom Ende einer Liebe handelt und von dem Abschiedsbrief, den er ihr geschrieben hat: „Die Flugzeuge werden ohne uns abfliegen ..., wir müssen unsere Erinnerungen auswechseln, es ist besser so.“ Oder in „Mado“, wieder von Sautet, wieder mit Romy Schneider, wo er einen bankrotten Bauunternehmer spielt und sie seine alkoholkranke Ex-Geliebte, und als sie vor seinen Augen zusammenbricht, sagt er: „Ich bin ein Feigling“ und schaut sie unverwandt an, als könnte er mit Blicken wiedergutmachen, was das Leben den beiden angetan hat.

          Sein Kino ist Erinnerung geworden

          Und man muss ihn erlebt haben, als Minetti und König Lear, als Misanthrop Alceste und Lebensversager John Gabriel Borkman, in Inszenierungen von Luc Bondy, Patrice Chéreau, Bob Wilson, Peter Brook: wie er den Theaterraum mit zwei, drei Gesten ausfüllte, wie er alltägliche Gegenstände auf der Bühne so berührte, dass man sie zum ersten Mal sah. Und wie er schweigen konnte, beredt wie keiner.

          Das alles ist Michel Piccoli: Stimme, Auge, Filmschauspieler, Theatertier. Dass er jetzt, an diesem Sonntag, neunzig Jahre alt wird, nimmt den Bildern, die sein Name in der Erinnerung aufruft, nichts von ihrem Zauber, aber es gibt ihnen etwas Endgültiges, als wäre der Strom, der Piccolis Schauspielerleben war, zum Gletscher erstarrt. Vor zehn Jahren, als er in Filmen von Rivette, Manoel de Oliveira und Theo Angelopoulos zu sehen war und gerade sein viertes eigenes Werk „C’est pas tout à fait la vie dont j’avais rêvé“ - „Das ist nicht ganz das Leben, von dem ich geträumt hatte“ - gedreht hatte, stand er noch mitten im Scheinwerferlicht. Inzwischen sind die meisten Regisseure, mit denen er gearbeitet hat, tot. Wir müssen unsere Erinnerungen nicht auswechseln. Aber das Kino, das Michel Piccoli groß gemacht hat, das Kino der Buñuel, Sautet, Chabrol, Godard, Raúl Ruiz ist Erinnerung geworden, es ist in den Kanon des zwanzigsten Jahrhunderts eingegangen, und nur diejenigen, die in die Tiefe dieses Bilderbergs eindringen, werden darin eine Wahrheit finden, ohne die der Schauspieler Piccoli nicht zu begreifen ist.

          Das ewige Versprechen des Kinos

          Er war niemals jung. Nicht so, wie man im Kino jung ist, strahlend vor Unschuld und Charme. Schon mit dreißig spielte er gefallene Priester, Offiziere, Polizisten, und als er durch „Die Verachtung“ und Buñuels „Belle de jour“ berühmt wurde, war ihm die Rolle des älteren Mannes, des Großbürgers, Grafen, inspecteur oder Geschäftsmanns zur zweiten Natur geworden. Ebendeshalb war Romy Schneider bei Sautet für ihn die perfekte Partnerin, und wenn man sieht, wie die beiden in „Das Mädchen und der Kommissar“ einander belauern - sie eine Prostituierte, er ein degradierter Richter -, spürt man förmlich, wie in ihrem Rücken die Uhr tickt. Die Jahre, die gingen, die Jahre, die kommen. Die Synkope des Glücks.

          Filmtrailer : „Die Verachtung“

          In Michel Devilles „Le Paltoquet“, einer Gangsterkomödie von 1986, spielt Piccoli einen Mann, der in einer Hafenkneipe die Gäste bedient. Sie spielen Karten, er serviert die Drinks und legt die Musik auf, und manchmal drückt er auf einen Schalter, und alles steht still. Die Zeit anhalten, das ist das ewige Versprechen des Kinos. Michel Piccoli, der Jahrhundertschauspieler, hat es eingelöst. Monsieur Cinéma: Wir gratulieren.

          Quelle: F.A.Z.

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