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Cristian Mungiu : Der Gewinner der Goldenen Palme

Verbeugung mit Palme: Cristian Mungiu Bild: REUTERS

Cristian Mungiu war der frühe Favorit und blieb das bis zum Ende. Sein Beitrag wirkt, als habe er das Leben gefilmt, was einen Teil seines Erfolgs erklären mag in Cannes, wo das Leben doch stillsteht. Ein Porträt von Verena Lueken.

          Obwohl Cristian Mungiu bereits im Jahr 2002 mit seinem ersten Film „Occident“ in Cannes in der Reihe „Quinzaine des Realisateurs“ präsent war und 2005 mit einem Kurzbeitrag im Kompilationsfilm „Lost and Found“ bei der Berlinale, hatte vor Beginn des Filmfestivals ihn niemand auf dem Radar als möglichen Gewinner der Goldenen Palme. Nach der Vorstellung von „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“ dann allerdings schon. Er war der frühe Favorit und blieb das bis zum Ende.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mungiu, 1968 in Iasi geboren, ist Teil einer Art Nouvelle Vague im rumänischen Kino, die seit einigen Jahren in Cannes präsent ist. Zu ihr gehören Cristi Puiu, der 2005 in „Un Certain Regard“ mit dem „Tod des Herrn Lazarescu“ den Hauptpreis holte und dort in diesem Jahr Mitglied der Jury war, die ihrerseits wiederum einen Rumänen auszeichnete, nämlich Cristian Nemescu für „California Dreamin’“.

          Mindestens zwei weitere Regisseure, Catalin Mitulescu, der ebenfalls mit einem Film in einer Nebenreihe in Cannes war, und Radu Muntean, gehören noch auf diese Liste. Sie zeigt, dass unter den osteuropäischen Ländern, deren Filmschaffen mit dem Zusammenbruch des Sozialismus eine wesentliche Förderquelle abhandenkam und das sich bis heute nur langsam im internationalen Markt positionieren kann, der rumänische Film im Augenblick der lebendigste ist. Vielleicht auch, weil er sich nicht der bloßen Vergangenheitsbewältigung verschrieben hat.

          Über allem ein grauer Schleier

          Mungiu jedenfalls ist nicht daran interessiert, die Geschichte seines Landes zu sezieren, wie das mit einiger Ironie seine Kollegen tun, ohne allerdings in vollständige Trübsal zu verfallen. Mungiu geht es vielmehr um die Figuren und ihre Gefühle, die er möglichst roh und undekoriert auf die Leinwand bringt. „4 Monate“ ist ein Film über eine existentielle Erfahrung, die man normalerweise für sich behält. Es geht um eine illegale Abtreibung in den letzten Jahren der Ceauescu-Herrschaft, um zwei Freundinnnen, die alles tun, sie hinter sich zu bringen, um die Navigation eines Alltags, in dem nichts selbstverständlich funktioniert und niemand ohne den Empfang von Schmiergeld irgendetwas tut.

          Gleichzeitig vermeidet der Regisseur jede Stereotypisierung und benutzt den politischen Hintergrund nur insoweit, als er zu seiner Geschichte gehört. Keine Landeskunde, keine Lehrstunde in Totalitarismus werden uns zugemutet, sondern eine Geschichte unter bestimmten Bedingungen erzählt, wozu gehört, dass auf den Straßen kein Licht brennt, kaum Autos unterwegs sind, Kent-Zigaretten eine ungeahnte Bedeutung gewinnen und über allem ein grauer Schleier hängt, der dem Film seine trostlose Farbe gibt.

          An Originalschauplätzen drehte Mungiu fast jede Szene in einer einzigen Einstellung und verzichtete auf alles, was nicht unbedingt nötig war, und alles, was zu schön aussah. So wirkt es, als habe er das Leben gefilmt, was einen Teil seines Erfolgs erklären mag in Cannes, wo das Leben doch stillsteht.

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