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Nicolas Roeg wird 90 : Kinobilder jenseits der Schwerkraft

Nicolas Roeg auf einer Pressekonferenz im Jahr 2009. Bild: dpa

Der britische Filmregisseur Nicolas Roeg wird neunzig. Auch wenn seine Filme erst spät Kultstatus erlangten: An ihm lernten Regisseure wie Nolan und Sonderbergh ihr Handwerk.

          Man muss das gesehen haben, um es zu glauben: einen Mann, der in der kanadischen Wildnis eine Goldmine entdeckt und dabei von Gold förmlich erschlagen, überspült, in Gold gebadet wird. Zwei Kinder in Schuluniformen, die mutterseelenallein durch das australische Outback irren. Einen anderen Mann, der auf dem Canal Grande seine eigene Frau in Witwenkleidern an sich vorbeifahren sieht. Marilyn Monroe, die Albert Einstein mittels zweier Spielzeuglokomotiven die Relativitätstheorie erklärt. Eine Atombombenexplosion, die Manhattan in eine Wüste aus brennenden Trümmern verwandelt – bis sich die Trümmer wieder zusammensetzen, denn es war nur ein böser Traum. Ein Albtraum der Filmkamera.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Alle diese Szenen stammen aus Filmen von Nicolas Roeg, und man könnte die Liste noch lange fortsetzen, ohne eine einzige der Geschichten weitererzählen zu müssen. Denn Roegs Metier ist nicht, wie bei den meisten Regisseuren, das Erzählen, sondern das Zeigen: das Sichtbarmachen des Wunderbaren und Unwahrscheinlichen, das in den Dingen steckt und nur darauf lauert, hervorgeholt zu werden. Roeg hat diese zweite Wirklichkeit ins Kino gebracht, fünfzig Jahre lang, ohne auf die Erwartungen von Produzenten, Verleihern und Zuschauern Rücksicht zu nehmen, und er hat den Preis dafür bezahlt.

          Keiner seiner Filme ist ein großer Kassenerfolg geworden, und selbst sein erfolgreichster, der auf Englisch „Don’t Look Now“ heißt und auf Deutsch „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, hat Jahrzehnte gebraucht, um jenen Kultstatus zu erlangen, den er heute genießt. Wenn das Kino noch die Avantgarde der visuellen Künste wäre, müsste man Denkmäler für Roeg errichten und Filmhochschulen nach ihm benennen. Aber vielleicht genügt es ja, dass Regisseure wie Christopher Nolan, Steven Soderbergh, François Ozon und Lars von Trier bei Roeg in die Schule gegangen sind und seine Lehre in ihren Filmen praktizieren.

          Die Möglichkeiten der Non-Linearität

          In seiner Autobiographie „The World Is Ever Changing“ hat Nicolas Roeg erzählt, wie er als Achtzehnjähriger in den Londoner Marylebone Studios sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat, zuerst als Klappenjunge und Schnittassistent, dann als Kameraschwenker und zuletzt als Director of Photography. In den Mittagspausen ließ ihn der Schnittmeister mit der Editola-Maschine allein, und Roeg nutzte die Gelegenheit, um Filmsequenzen vor- und zurückzuspulen. Er ließ Eisenbahnen rückwärts aus Bahnhöfen fahren, Tote wiederauferstehen, Explosionen in sich zusammenfallen, und dabei ging ihm auf, dass in dieser Bewegung, viel mehr als im linearen Fluss einer Geschichte, das Wesen des Kinos lag. Es konnte die Zeit nicht nur anhalten, sondern die Zeiten wie in einem fortlaufenden Puzzle ineinanderschachteln und auf diese Weise nicht nur das äußere Geschehen abbilden, sondern auch die Innenwelt seiner Figuren, ihre Gedanken und Träume. Mit Roeg, könnte man sagen, löst sich das filmische Erzählen von den Gesetzen der Schwerkraft: Dieselbe Freiheit, mit der es zuvor schon über den Raum verfügte, gewinnt es nun auch in seinem Umgang mit der Zeit.

          Am besten hat dieses Prinzip in jenem Film funktioniert, den Roeg kurz nach seinem in Australien entstandenen Regiedebüt „Walkabout“ 1973 in Venedig drehte. In „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ hat Donald Sutherland das zweite Gesicht, ohne dass er es weiß, und so sieht er das Boot mit seinem eigenen Sarg an sich vorüberziehen, während er der Gestalt im roten Mantel durch die Gassen und Kanäle folgt, in der er seine ertrunkene Tochter wiederzuerkennen glaubt.

          Julie Christie und Donald Sutherland in „Wenn die Gondeln Trauer tragen“

          Erst im Augenblick seines Todes fügen sich die Splitter zusammen, und da ist es, als sähen wir Roeg am Schneidetisch sitzen: Zeiten, Orte, Figuren, alles fließt zusammen zu einem schwerelosen Bilderstrom. Auch die berühmte Liebesszene von Sutherland und Julie Christie ist ja das reine Schnittwunder, denn zwischen die Bewegungen der nackten Körper ist die Gegenbewegung montiert, mit der sich das Paar wieder anzieht und in die Welt eintaucht, der es für einen Moment entflohen war.

          Nach „Don’t Look Now“ hat Roeg noch ein halbes Dutzend mittelmäßige und mindestens ebenso viele großartige, wilde, verstörende Filme gedreht. Die meisten davon liefen nur für kurze Zeit bei uns im Kino, einige gibt es inzwischen auf DVD, aber im Grunde ist Nicholas Roeg eine Gestalt der filmischen Zukunft geblieben: einer, der von jeder Generation wieder neu entdeckt werden muss. Die durchschlagende Wirkungslosigkeit eines Klassikers wird er nie besitzen. Heute wird er neunzig Jahre alt.

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