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Film „Die beste aller Welten“ : Weiß ein Kind, was Sucht ist?

  • -Aktualisiert am

Gelebte Nähe zwischen Mutter und Sohn: Verena Altenberger und Jeremy Miliker in „Die beste aller Welten“. Bild: Filmperlen

Die Kinder drogensüchtiger Eltern leben in ständiger Gefahr. Der Regisseur Adrian Goiginger hat darüber einen sehr persönlichen Film gedreht.

          Ende der Neunziger wohnt Helga Wachter (Verena Altenberger) in einer Wohnsiedlung am Rande von Salzburg mit ihrem siebenjährigen Sohn Adrian (Jeremy Miliker). Sie machen regelmäßige Ausflüge in den Park oder an die Salzach, der Sohn liest seiner Mutter gerne seine selbstgeschriebenen Geschichten über den Abenteurer Ronan vor – sein imaginärer Held, denn er will selbst gerne Abenteurer werden. Die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist eng – auch weil Helga mit der Erziehung des Jungen allein ist. Stiefvater Günter Goiginger (Lukas Miko) wohnt nur gelegentlich bei den beiden und schert sich wenig um den Jungen. Er ist drogenabhängig. So wie Helga selbst.

          Das Leben der kleinen Familie wird merklich durch das fragwürdige soziale Umfeld der Mutter beeinträchtigt: Die Wohnung der Wachters wurde vom Junkie-Bekanntenkreis zum regelmäßigen Treffpunkt auserkoren, so auch vom Dealer Michael (Michael Pink) – von allen nur „der Grieche“ genannt – der nicht einmal mehr die Haustür benutzt, sondern über den Balkon in die Wohnung klettert. Er fühlt sich stets willkommen, seine Drogen werden nicht nur vor Ort verkauft, sondern fatalerweise auch dort konsumiert. Das Wohnzimmer wird zur Drogenhöhle, das Schlafzimmer der Mutter zur Fixerstube.

          Von der Realität eingeholt

          Der kleine Adrian erlebt Alkohol- und Drogenkonsum in seinem unmittelbaren Umfeld, die Abhängigen belagern seinen Rückzugsraum. Wenn die Mutter nach dem Konsum weggetreten ist, steht er den gescheiterten Männern sogar allein gegenüber – sie sehen Adrian als eine Art Maskottchen der Truppe, als einen Spaßmacher, den sie auch mal eine Zigarette rauchen oder am Bier nippen lassen.

          Ihr Dasein als Drogenjunkie mit ihrer Mutterrolle zu vereinbaren wird für Helga immer schwieriger: Sie erfindet Erklärungen oder Spiele für ihren Sohn, um ihre Abhängigkeit vor ihm zu verheimlichen. Wenn beispielsweise der Beauftragte des Jugendamts, Herr Hütter (Michael Fuith), wegen der amtlich bekannten Abhängigkeit der Mutter vorbeischaut, kündigt Helga diesen als „Aufräumbehörde“ an, bittet ihren Sohn noch schnell die oft unordentliche Wohnung präsentabel zu machen. Trotz ihrer Sucht versucht Helga den Alltag von Adrian harmonisch zu gestalten: dem Sohn eine unbesorgte Kindheit und ihre ganze Mutterliebe zu geben, aber auch ihre Abhängigkeit zu regulieren. Doch die Realität holt sie ein, als ihre größte Angst wahr zu werden droht: Man will ihr ihren Sohn wegnehmen.

          „Die beste aller Welten“ ist ein Drogenfilm, der den Effekt der Droge – nämlich den Verfall – zwar realistisch dokumentiert, aber nicht in den Vordergrund stellt. Der Film stellt eher die Sehnsucht nach dem in den Fokus, was ohne die Droge möglich wäre: ein geregeltes Leben. Die Abhängigkeit von Helga und ihren Freunden wird ohne Hang zur Belehrung behandelt, die Menschlichkeit der Akteure in den Vordergrund gerückt. Zudem geht der Film nicht voyeuristisch beim Konsum vor. Der einzige Nadelstich, den man sieht, ist der eines Amtsarztes in den Arm von Mutter Helga während einer Drogenkontrolle. Damit unterscheidet sich „Die beste aller Welten“ klar von einschlägigen Filmen des Genres wie Darren Aronofskys psychologischem Albtraum „Requiem for a Dream“ oder Uli Edels „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, der Generationen deutscher Mittelstufenschüler durch explizite und bewusst schockierende Bilder von Drogenkonsum traumatisiert hat.

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