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Filmkritik „Brooklyn“ : Jenseits von Enniscorthy

Gekonntes Minenspiel: Schauspielerin Saoirse Ronan überzeugt in ihrer Rolle der Eilis durch nuanciertes und subtiles Spiel. Bild: dpa

Rührung tut gut: Der Film „Brooklyn“ nach Colm Tóibín folgt einer jungen Irin nach New York. Es sind die fünfziger Jahre, und die Stadt meint es gut mit ihr.

          Dass dem Anfang gar kein Zauber innewohnt, sondern zunächst einmal eine Reihe von Zumutungen, ist die erste Lektion. Die junge Eilis lernt sie schon an Bord des Dampfers, der sie von ihrer irischen Heimat in das neue Leben nach New York bringen soll. Ein Sturm hat das Schiff hin und her geworfen und das Mädchen ans Bett gefesselt, in dem sie, mit kaltem Schweiß auf der Stirn, ein Bild des Jammers abgibt. So, sagt bei ihrem Anblick die Dame, mit der Eilis ihre Kajüte teilt, könne sie den Einwanderungsbehörden in Amerika aber keinesfalls unter die Augen treten. So blass, so tantenhaft gekleidet, mit diesem scheuen, ehrfürchtigen Blick. „Denk wie eine Amerikanerin“, rät die weitgereiste Frau. „Du musst wissen, wohin du willst.“

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Aber woher man das wissen soll, wenn man, wie Eilis Lacey, sein Leben in einem irischen Kaff verbracht und keine Vorstellung davon hat, wie die Welt jenseits von Enniscorthy aussieht, verrät sie nicht. Eilis muss es selbst herausfinden, und bei dieser Suche begleitet sie der neue Film des Regisseurs John Crowley. „Brooklyn“ ist gerade für drei Oscars nominiert worden, als bester Film, für das beste Drehbuch und für die einundzwanzig Jahre alte Hauptdarstellerin Saoirse Ronan, die bis dato nur in kleineren Rollen etwa in Wes Andersons „The Grand Budapest Hotel“ und in Ryan Goslings „Lost River“ auffiel, aber mit ihrer Darstellung von Eilis bleibenden Eindruck hinterlässt. Dabei kommt ihr zugute, dass Nick Hornby, der das Drehbuch zu diesem Film verfasste, bei seiner Adaption recht nah an der literarischen Vorlage bleibt, an dem Roman „Brooklyn“ von Colm Tóibín aus dem Jahr 2009. Das betrifft vor allem die Zurückhaltung, die Tóibín gegenüber dem Innenleben seiner Figuren wahrt. Auch im Film trägt Eilis ihr Herz nicht auf der Zunge, selbst dann nicht, als es ihr überläuft vor Verunsicherung und Heimweh.

          Ein Rührstück, dessen Einladung man gerne annimmt

          Es sei, sagte Saoirse Ronan (deren irischer Vorname ausgesprochen werde wie „Seesha“), schon verrückt gewesen, wie sehr der Film ihrem eigenen Leben ähnele. Sie selbst ist erst vor kurzem von Irland nach London gezogen und fühlte sich dort wohl ähnlich fremd wie die gute Eilis in den fünfziger Jahren in New York. Damit aber ist schon eine Erklärung für die äußerst wohlwollende Resonanz umschrieben, die „Brooklyn“ bei seiner Premiere in den Vereinigten Staaten fand. Denn in „Brooklyn“ geht es im Grunde um eine Geschichte, die Dutzende Male beschrieben worden ist - es geht um die Einsamkeit in der Fremde, um den Schock nach dem Sprung ins kalte Wasser, auch um die Möglichkeiten, die sich in einer neuen Welt bieten.

          Kinotrailer : „Brooklyn - Eine Liebe zwischen zwei Welten“

          Was ist also das Besondere an dieser Geschichte? John Crowley beantwortet diese Frage, indem er, statt auf die Einzigartigkeit der Figur zu pochen, eine Projektionsfläche öffnet. „Brooklyn“ wirkt auf mehreren Ebenen: auf einer fiktionalen, weil der Film von Eilis erzählt, von ihrer Begegnung mit dem Italiener Tony (Emory Cohen) und von der später sich ihr stellenden Frage, ob sie lieber mit ihm in New York bleiben oder doch besser zu einem Jungen ins irische Heimatdorf zurückkehren soll. Der Film erzählt auf historischer Ebene - am Beispiel von Eilis - auch von den unzähligen anderen Einwanderern, die einst nach Amerika kamen, also von der Gründungsgeschichte dieser Nation. Und er wagt sich schließlich an eine gleichsam universelle Ebene, weil er von einem Allerweltsgefühl berichtet, von den Ängsten und Hoffnungen, die sich mit einem Neuanfang verbinden - also von etwas, das so gut wie jeder Zuschauer kennt, sei es auch nur in Form eines Tagtraums.

          Crowley schafft diese Mehrdimensionalität, indem er an entscheidenden Stellen lange Pausen setzt und so Raum für die persönlichen Geschichten seiner Zuschauer anbietet: Als beim Weihnachtsfest der irischen Gemeinde in New York ein armer Ire ein gälisches Volkslied anstimmt, ist so ein Moment - eine Ewigkeit dauert dieses Lied, das in den Herzen ein Gefühl des verlorenen Lebens heraufbeschwören soll. Ähnliche Augenblicke erlebt man auch mit Eilis. Häufig hängt die Kamera lange an ihrem Gesicht. Vor dem Aufbruch ist es das offene, völlig unbedarfte eines Mädchens. Nach der Begegnung mit Tony verwandelt es sich in das selbstgewissere einer jungen Frau. Und später zurück in Irland zeigt es die ganze Verwirrung von jemandem, der weiß, dass er eine alles entscheidende Wahl zu treffen hat.

          „Eine Liebe zwischen zwei Welten“ lautet der Untertitel zu „Brooklyn“. Eine Welt ist das aufregende New York der fünfziger Jahre, die andere ist Eilis’ irische Heimat.
          „Eine Liebe zwischen zwei Welten“ lautet der Untertitel zu „Brooklyn“. Eine Welt ist das aufregende New York der fünfziger Jahre, die andere ist Eilis’ irische Heimat. : Bild: AP

          Es ist erstaunlich, wie nuanciert Saoirse Ronan diese Wandlungen verkörpert. Wie es ihr gleichzeitig gelingt, Eilis’ Traurigkeit zu verbergen und sie doch sichtbar zu machen, mit schwerem Atem, leerem Blick und tapferem Lächeln. Wie sie zurück in Irland auf einmal leuchtet, als käme sie von einem anderen Stern, und sich doch nicht erklären kann, warum dieses Leuchten so verführerisch wirkt. Es ist diese Aufrichtigkeit, die Saoirse Ronan ihrer Eilis verleiht, mit der sie den Film zuweilen auch vor sentimentaler Peinlichkeit bewahrt. Ein Rührstück bleibt der Film so oder so. Aber eines, dessen Einladung man gern annimmt.

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          Quelle: F.A.Z.

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