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Im Kino : Ein Puzzle kennt keine Moral

Mister Nobody: Rainer Bock und Katja Bürkle in Lars Montags Film „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ Bild: X-Verleih

Lars Montags Film „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ versucht, ein aktuelles Porträt der deutschen Seele zu zeichnen – und endet als Karikatur, bei der die Handlungsfäden nirgendwo zusammenlaufen.

          Ein Zeitbild im deutschen Film – das ist, wenn sich, wie hier, eine Fotokünstlerin und ein Supermarktfilialleiter über ein Dating-Portal in einem Club verabreden, in dem die Gäste mit Kopfhörern auf den Ohren tanzen, so dass außer ihrem Atem und Gemurmel nichts zu hören ist; in dem die getrennt lebende Frau des Filialleiters einen Callboy in ihr Apartment bestellt und sich zu zahlen weigert, als er nicht in ihren Mund kommen will; in dem ein wegen Belästigung Minderjähriger entlassener Lehrer einen „Anger Room“ aufmacht, dessen Kunden unter seiner Aufsicht das Mobiliar zertrümmern dürfen und dabei den Vater der Schülerin kennenlernt, die ihn angezeigt hat; in dem ein Polizist, dem im ICE die Lederboots geklaut wurden, ein Vergewaltigungsopfer anruft, damit er am Bahnhof mit Ersatzschuhen empfangen wird und so fort. Es ist, wenn jede Szene ihren Gang geht, bis sie ihre Pointe ausgespuckt hat, und dann abbricht. Und wenn all die abgebrochenen Szenen zu einem Puzzle zusammengesteckt werden, das weder ein Ganzes noch ein Nichtganzes ist, sondern ein Zwischending, halb Jüngstes Gericht, halb Sketchparade, ein Kinomuskelspiel, das keine Geduld mit seinen Zuschauern hat und keine Gnade für seine Figuren.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Oft wird beklagt, der deutsche Film habe kein Gespür für aktuelle Themen, keinen Mut, auf ungewohnte Weise von der Gegenwart zu erzählen. Aber er hat ja dieses Gespür und diesen Mut, wie man an Lars Montags „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ sieht, der Verfilmung eines Romans von Helmut Krausser; er hat nur keine Form, keine Haltung dafür. Dass Montag bislang nur Fernsehfilme gedreht hat, ist dabei das geringere Problem, und tatsächlich trumpft er in seinem Kinodebüt so überdeutlich visuell auf, wie es nur ein Fernsehregisseur mit Kinoambitionen tun kann. Aber eben in diesem Auftrumpfen verliert er die Menschen, von denen er erzählt, immer wieder auf eine Weise aus dem Blick, die für deutsche Episodenfilme seit Andreas Dresens „Nachtgestalten“ auch schon wieder typisch ist.

          Etwa jenen Familienvater (Rainer Bock), von dem es heißt, er habe keine Struktur, einen Mann, der für seine Bienen mehr Zärtlichkeit hat als für seine übrige Umgebung. In einer französischen Kinokomödie wäre er der Mittelpunkt, in dem alle Fäden zusammenlaufen; hier wird er erst lächerlich gemacht und dann auf billige Weise geopfert. Das kann man machen (auch wenn die Vorlage etwas Anderes erzählt). Aber man braucht einen triftigen Grund dafür. Dieser Film hat ihn nicht. Er schiebt seine Figuren wie Schaufensterpuppen hin und her und wundert sich darüber, dass sie nicht von selbst weiterlaufen. Das ist keine Frage von Professionalität. Es hat mit Lebenserfahrungen zu tun, die ebenso zum Kino gehören wie das Handwerk des Erzählens. Mit einer Moral des Blicks, die im deutschen Film so selten wie bitter notwendig ist.

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