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Dokumentarfilm „Sieniawka“ : Europa hat ein Loch, darin wohnen Verrückte

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Dieser Film führt den Menschen durch den Schutt der Geschichte bis an die harte Wand der Wahrheit. Bild: Mengamukfilms

So einen Weltuntergang, so ein Paradies sah man noch nie: Marcin Malaszczaks Film „Sieniawka“ ist eine außergewöhnliche Dokumentation, die über sich hinauswächst.

          Der große Dichter Max Goldt hat einmal ein Buch mit dem Titel „Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau“ geschrieben. Er hat damit auch einen Ort verewigt, der aus anderen Gründen wenig Aufmerksamkeit erheischt.

          Bei Zittau endet Deutschland, aus der Summe zwischen Randlage in der Geographie wie im Alphabet gewann Goldt eine poetische Qualität. Gleich hinter Zittau liegt Sieniawka, ein Ort, der in eine polnische Übersetzung von Goldts Buch gehörte, das dann wohl „Quitten für die Menschen zwischen Bialystok und Sieniawka“ heißen müsste. Doch wie das manchmal so ist, das kleine Sieniawka, zu Deutsch: Kleinschönau, Population: 690, ist inzwischen schon auf andere Weise im Weltgedächtnis verzeichnet worden: Marcin Malaszczak, ein junger deutsch-polnischer Regisseur, hat darüber einen Film gemacht.

          „Sieniawka“ ist bei ihm in erster Linie eine Anstalt für psychisch kranke Männer, in zweiter Linie eine Ruinenlandschaft, aus der sich Fragmente einer Geschichte des Kommunismus oder des Bergbaus herauslesen oder heraushören lassen, und schließlich auch so etwas wie ein Menschenpark in einer Welt nach dem Menschen. Denn es bleibt in diesem außerordentlichen Film die ganze Zeit in der Schwebe, ob die Männer, die wir hier beim Verbringen ihrer Tage sehen, nicht vielleicht die letzten Erben einer untergegangenen Zivilisation sind.

          Verwahrloste Provinzruinen sind ein immer wiederkehrendes Element im Film.

          Im Kern ist „Sieniawka“ ein Dokumentarfilm, der allerdings ständig über sich hinauswächst. Das hat mit ästhetischen Interventionen des Regisseurs zu tun, der sein ohnehin schon starkes Material auf vielfache Weise zum Schwingen bringt. Die Männer, die in der Anstalt leben, sind in jenem Sinn Verrückte, in dem dieses Wort nicht diskriminierend gemeint ist, sondern einfach eine kleine, aber entscheidende Verrückung des Wirklichkeitssinns bezeichnet.

          Sie befinden sich nicht ganz auf der Ebene der selbstverständlichen Kommunikation, die wir im Kontakt mit Menschen im Alltag normalerweise voraussetzen. Man muss sich auf diese Männer einstellen, und das hat Malaszczak, der selbst auch die Kamera geführt hat, in jedem Fall getan.

          Seine Präsenz in der Anstalt ist die eines Zeugen, der nicht zu verstehen versucht, sondern die Grenzen der Verständigung vermisst. In langen, kreisenden, tastenden Bewegungen sieht er den Männern beim Essen, beim Rasieren, beim Zähneputzen zu. Einer setzt sich an ein Piano und spielt eine schleppende, immer wieder abbrechende Melodie, die Kamera hört zu und nimmt zugleich das Gemurmel der Männer auf, zwischendurch bekommt die Sequenz in einem im Licht stehenden Blumenstrauß eine epiphanische Mitte.

          Blick aus der Entfernung: Ob beim Zähneputzen, Anziehen oder Klavier spielen.

          Das Wort ist nicht zu stark gewählt, denn in „Sieniawka“ geht es tatsächlich darum, etwas zum Erscheinen zu bringen, das sich dem Wort, den Begriffen, der Benennung entzieht.

          Zauber der Elemente

          Im Vergleich mit den großen Beispielen aus diesem Bereich, mit „Titicut Follies“ von Frederick Wiseman oder „San Clemente“ von Raymond Depardon, verlässt „Sieniawka“ deutlich wagemutiger den sicheren Standpunkt eines Subjekts mit sicherem Stand in der Welt. Der Film wird selbst hineingezogen in einen Prozess der Verunklärung des Weltverhältnisses, es ist, als würde er den ebenso insistierenden wie manchmal auch nervösen Blick zurückwerfen, den die Männer manchmal direkt in die Kamera richten. Dazwischen ist aber auch viel tote Zeit, die Malaszczak zu Kontemplation nützt.

          Als dann der Sommer kommt und die Landschaft von Sieniawka auch paradiesische Züge annimmt, sind es wieder die Männer, die mit ihren Geschichten an den Sündenfall der Zivilisation erinnern. Ein Sündenfall, der sich auch in den verwitterten Rohren, den zuwachsenden Abraumhalden, den aufgegebenen Höfen zeigt, die davon zeugen, dass das einmal eine Landschaft im Zeichen der Ausbeutung war.

          Die Welt wird grün: Im Sommer verschwindet die graue Trostlosigkeit aus Sieniawka.

          Jetzt sitzen darin Männer in Kleiderspenden herum, drehen an den Knöpfen eines Radios, das für Momente sogar Madonna empfängt, quetschen ein mächtiges Akkordeon oder lassen schweinische Geschichten hören. Dann fährt der Wind durch die Bäume, die Kamera merkt auf, der Film lässt fallen in den Zauber der Elemente.

          Mysteriöse Widmung

          Es ist ein technisch verstärkter Zauber. Die außergewöhnliche visuelle wie akustische Qualität von „Sieniawka“ verdankt sich einer intensiven Postproduktion, die gut zu dem passt, was Malaszczak zu Beginn als Genre-Signal aussendet.

          Da taucht nämlich ein Mann mit Helm und im Overall auf, der wohl vom Himmel gefallen ist. Und Science-Fiction ist auch die prominenteste Spur, die durch diesen rätselhaften Film führt, den am anderen Ende auch wieder jemand verlässt, durch eine Landschaft, die nun von einer konkreten Katastrophe gezeichnet ist. Ein Loch hat sich in der Erde aufgetan.

          Der Film ist ein Versuch, über einen nicht mehr vorhandenen Grund eine Brücke zu bauen. Sie besteht aus den elementaren Dingen des Kinos: Bildern und Tönen, die aber niemals Anker werfen in der Wirklichkeit, sondern die, ganz wie bei einer baulichen Konstruktion, in der die Teile einander stützen, eine Statik der Ausgesetztheit ergeben.

          Wesen aus einer anderen Welt: Eine skurrile Gestalt besucht die alten Industriestätten.

          Man sieht nicht oft einen Film, in dem Weltzweifel und das Erstaunen über die Schönheit der Dinge so nahe beisammenliegen. Man kann sich in „Sieniawka“ so ausstrecken, wie sich die Männer gelegentlich ins Gras legen; es kann dann aber sein, dass man in einem Zelt eines Obdachlosen aufwacht, der leblos unter einem Tuch begraben liegt. Marcin Malaszczak hat seinen Film mit einer etwas pompösen Widmung versehen: „To everything that can’t be retrieved from the past“. Was damit auch gemeint sein könnte: Momente, in denen die Welt vor gefährlicher Schönheit zu zerspringen droht. Man kann sie nicht festhalten, aber die Momente knapp davor, die sieht man in „Sieniawka“.

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