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„Die Familie Brasch“ im Kino : Die Buddenbrooks des Ostens

  • -Aktualisiert am

Marion Brasch in einer Filmszene: Die Dokumentation kommt am 16.08. in die Kinos. Bild: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Weltgeist und Widerstand, Orthodoxie und Sozialismus: Ein Dokumentarfilm über „Die Familie Brasch“ zeichnet ein Bild von einer der bedeutendsten Familien der DDR – und ihrer Zerrissenheit.

          Normalerweise haben in Familien die Jüngsten das letzte Wort. Sie sprechen das Urteil über diejenigen, denen sie das Leben verdanken, in zweiter oder vielleicht noch dritter Generation. Über die Urgroßeltern muss sich niemand mehr groß auslassen. In Annekatrin Hendels Dokumentarfilm „Die Familie Brasch“ sagt Benjamin Schlesinger über seinen Großvater Horst Brasch: „Na, er war ’n Arsch. Wenn einer den eigenen Sohn verrät.“ Auf gewisse Weise hätte Schlesinger dasselbe über seinen eigenen Vater sagen können, den Schriftsteller und Filmemacher Thomas Brasch, der seinerzeit die Sängerin Bettina Wegner sitzenließ, als sie mit Benjamin schwanger war. Aber das ist selbst für diesen höchst privaten, dabei nicht indiskreten Film eine Angelegenheit, die man zwischen den Zeilen belassen kann.

          Man muss „Die Familie Brasch“ als einen der großen Familienromane über Berlin und Deutschland im zwanzigsten Jahrhundert sehen. Das bedeutet: In der Abfolge der Generationen, in den Konflikten zu Hause spiegelt sich das Allgemeine. Schon der Wikipedia-Eintrag über den Stammvater Horst Brasch verrät in einem Detail, dass es hier zugleich um Biographien und um Weltgeschichte geht: geboren 1922 in Berlin, gestorben 1989 in Ost-Berlin. Zweimal dieselbe Stadt und doch nicht. Horst Brasch war Jude, Katholik, vor allem aber Kommunist. Und er hatte vier Kinder, die in unterschiedlichem Maß mit seinem dogmatischen Kommunismus zu kämpfen hatten: Thomas, Peter, Klaus und Marion.

          Erzählen durch erzählen lassen

          Von ihnen und ein bisschen auch von ihren Kindern erzählt Hendel. Sie setzt damit die zunehmend plausibler kuratierte Reihe ihrer Familien- und Porträtfilme fort, in denen sie sich zum Beispiel dem Rammstein-Musiker Flake, dem Filmemacher Rainer Werner Fassbinder und dem Schriftsteller Sascha Anderson gewidmet hat. Hendel erzählt dabei, indem sie erzählen lässt: die Menschen, die mit der Familie Brasch zu tun hatten. Thomas, Peter und Klaus leben nicht mehr, so wird Marion, die Jüngste, zur Kronzeugin.

          Den Höhepunkt erreichten die Familienkonflikte im Jahr 1968, als Horst Brasch, damals hoher Parteifunktionär, seinen eigenen Sohn Thomas „verriet“. Es ging um die Niederschlagung des Prager Frühlings und die Zukunft der DDR. Horst Brasch stand auf der Seite der Orthodoxie, Thomas Brasch hingegen wollte eine DDR mit „mehr Sozialismus“, so wie auch der spätere Maler Florian Havemann, der einer der wichtigsten Gesprächspartner für Annekatrin Hendel ist. Thomas Brasch wurde damals verhaftet und saß einige Zeit im Gefängnis. Gestritten wird unter den Überlebenden darüber, ob der Vater eigens bei der Stasi anrief, um Thomas holen zu lassen, oder ob sie sowieso gekommen wäre.

          Wie in vielen anderen Familien auch gibt es bei den Braschs Mitglieder, die das Zentrum einnehmen, und andere, die sich lieber ein wenig absetzen. Es ist ein Verdienst von Annekatrin Hendels Film, dass sie diese Verhältnisse klug abbildet und einbezieht: Thomas, der Künstler und Filmemacher, der in den Westen ging, steht auch bei ihr unausweichlich im Mittelpunkt. Aber sie akzentuiert diese Rolle, indem sie auf Aufnahmen mit ihm weitgehend verzichtet und stattdessen von ihm erzählen lässt. Aus den Interviews mit Gefährtinnen wie Katharina Thalbach oder Ursula Andermatt und vor allem mit der beeindruckenden Bettina Wegner entsteht das Bild eines Charismatikers, der am Ende seinen eigenen Ansprüchen nicht mehr gewachsen war. Nach dem Desaster mit seinem Filmprojekt „Der Passagier“ arbeitete er an einem literarischen Riesenwerk, das er als Ruine hinterließ.

          Geschichte eines Landes, das es nicht mehr gibt

          Das, was wir über seine Brüder Peter und Klaus Brasch erfahren, ist angemessen konkret und zurückhaltend zugleich. Entscheidend ist, dass sie mit ihren Tätigkeiten, als Schauspieler und Autor, wesentlich zu dem Feld der Kreativität beitrugen, das die Familie Brasch in der zweiten Generation war und ist – und auch schon in der ersten, wenn man die Geschichte der Mutter Gerda hinzunimmt, einer Frau, die sich nicht verwirklichen konnte und früh starb. Besonders aufschlussreich sind zudem die vielen Fotografien, die Annekatrin Hendel präsentiert, und aus denen sie leitmotivisch ein Familiengemälde in (digitalem) Öl erstellen ließ – die Braschs als Aufstellung in einem Salon, den es erst gab, als es schon zu spät war.

          Längst schon ist der Topos in der Welt, dass die Braschs die Buddenbrooks des Ostens sind. Ihre Geschichte ist auch dreißig Jahre nach der Wende vor allem die Geschichte eines Landes, das es nicht mehr gibt. Selbst Marion, die in New York gelebt und die Welt gesehen hat, deutet am Ende an, dass es mit der Wiedervereinigung vielleicht zu schnell ging – und das sie zu Bedingungen stattfand, die all das unterschlugen, wofür die Braschs und ihre Freunde in der intellektuellen DDR-Boheme gekämpft hatten: „Man hätte mit diesem Land auch noch etwas anderes versuchen können.“ Oder, in den schön verschlungenen Worten von Florian Havemann: „Das Beste, was man über die DDR sagen kann, das ist, dass ein paar Leute dort für ’ne Weile geglaubt haben, man könne dort Sozialismus machen.“

          Heute haben in den damals „neuen Bundesländern“ ganz andere Geschichtsverständnisse an Bedeutung gewonnen. Umso wichtiger ist die in Annekatrin Hendels Film bewahrte Erinnerung an eine Familie im Zeichen von Weltgeist und Widerstand.

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