17.10.2005 · Der Deutsche Fernsehpreis ist ein Marathon ohne Zieleinlauf. Rund dreieinhalb Stunden dauert die Aufzeichnung, geboten wird, abgesehen von einigen Höhepunkten, wenig Lustiges.
Von Nils MinkmarDie meisten Fernsehsendungen entstehen in zugigen Studiohallen in entlegenen Vorstädten, zu denen kein öffentliches Verkehrsmittel fährt, also ist es irgendwie auch wieder passend, daß der Fernsehpreis Jahr für Jahr in Köln-Ossendorf verliehen wird, in einer Funktionshalle, die auch als Logistikzentrum, Shopping-Mall oder Hubschrauberhangar genutzt werden könnte.
Immerhin, die Halle wird feingemacht, indem man einen roten Teppich davor ausrollt, warum auch immer ein lila Plastikeinhorn über den Eingang stellt und die Halle latinisiert umnennt: Als „Coloneum“ klingt der gesichtslose Industriebau doch direkt kulturtragender, als hätten schon die kölschen Römer hier ihre Gladiatorenpreise vergeben.
Drinnen zieht es. „Immerhin mußten wir dieses Jahr nicht über Baustellenschutt laufen, das ist doch ein Fortschritt“, bemerkt eine Dame, die von Anfang an dabei war. Der ganze Abend soll vor allem auf Foto und Film gut aussehen.
Verleihung der technischen Preise ohne Publikum
Schon beim Eintreffen der Gäste - wer nicht zur Branche gehört, hat dort den Eindruck, wie in einem schrägen, bunten Traum in einer dreidimensionalen Version von „Bunte“ und „Gala“ herumzuspazieren - werden Bilder vom Eintreffen der Stars gezeigt: Winken, dekolletierte Kleider, Autogramme, Übermut, aus dem vergangenen Jahr oder dem davor oder gar schon aus der Zukunft? Preisverleihungen sind inszeniert wie Feste von glücklichen Familien, und die gleichen sich bekanntlich alle.
Es gibt aber Neues, in kleinen Dosen. So wie das Land verändert sich der Preis, ganz langsam. Erstmals stand im Quartett der Senderchefs eine Frau, Anke Schäferkordt von RTL. Und Roger Schawinski, als Geschäftsführer von Sat.1 der Gastgeber, lobte in seiner Begrüßung die große Koalition der Sender, die den Politikern die Eintracht zum Wohle des Ganzen schon mal vorgemacht habe.
Die sogenannten technischen Preise - Kategorien, in denen die Gesichter der Nominierten den Zuschauern nichts sagen - werden schon vor der Fernsehaufzeichnung vergeben, wenn man quasi unter sich ist. Kamera, Ausstattung, Musik und Schnitt gehen schon mal weg, bevor die Show überhaupt beginnt. Das sollte man mal bei der Oscar-Verleihung vorschlagen - ein ordentlicher Streik der entsprechenden Gewerkschaften wäre die Folge. Aber die Preisverleihungsgala hat ein zentrales Problem, sie ist nämlich zu lang. Dreieinhalb Stunden dauert allein die Aufzeichnung.
Zu wahr, um komisch zu sein
In diesem Jahr wurde die Zeit besonders lang. Das Moderatorenduo Hugo Egon Balder und Anke Engelke trat zwar mit einem flotten Liedchen auf, aber irgendwie entwickelten sie daraufhin nicht die nötige Präsenz, selbst nach zwei Stunden wartete man immer noch auf ihren eigentlichen Auftritt, obwohl sie zu dem Zeitpunkt bestimmt zehnmal durch das Tor in der Bühnenmitte gekommen waren.
Viele Gags kamen nicht an. Da half es dann auch nicht, als später, nach der Halbzeit, eine witzige Einlage die Länge des Abends selbstironisch thematisieren sollte, als gezeigt wurde, wie Balder und Engelke hinter den Kulissen eine rauchen, die Schuhe ausziehen und „Das zieht sich“ stöhnen. Es war zu wahr, um komisch zu sein.
Beide standen ohne Bezug zueinander auf der Bühne, der Abend floß so durch sie hindurch. Engelke alleine hätte besser funktioniert. Wie es geht, zeigte dann Stefan Raab. Preisverleihungen sind nicht sein Terrain, selbst wenn er mal was gewinnt, wird er in der Laudatio noch kritisiert. Dabei fällt ihm eigentlich immer etwas Neues ein, so auch für diesen Abend. Er ließ eine Big Band auffahren und spielte, mit Max Mutzke und Helge Schneider, eine Swing-Version von Reinhard Meys „Über den Wolken“. Dann setzten sich die drei an drei Schlagzeuge, trommelten synchron und verschwanden wieder. Es war schnell, laut und schön.
Höhepunkt: Monica Bleibtreu als beste Schauspielerin
In den Preisentscheidungen verbarg sich manche Überraschung. Sebastian Koch hat den Preis als bester Schauspieler längst verdient, zweimal war er schon nominiert, ohne ihn zu bekommen. Aber daß Heinrich Breloers „Speer und Er“ ansonsten leer ausging, verwundert schon. Womöglich sieht sich jede Jury in einem Jahr, in dem eine große Breloer-Produktion gesendet wird, mit der Erwartung konfrontiert, der werde sicher abräumen, und entscheidet trotzig dagegen. Fluch des Erfolgs.
An anderen Stellen wiederum merkte man, daß so eine große Koalition die Entscheidungen nicht unbedingt vereinfacht. Harald Schmidt versuchte umständlich zu erklären, warum die Nachrichten in zwei Kategorien prämiert werden, einmal für die beste Informationssendung und einmal für die beste „Moderation Information“, aber er resümierte dann: „Es sind eben vier Stifter.“
Einzelne Szenen, wie die unbändige gemeinsame Freude von Preisträgerin und Publikum, als Monica Bleibtreu den Preis als beste Schauspielerin entgegennahm, bleiben besonders in Erinnerung.
Reaktionen auf Großereignisse wurden nicht prämiert
Insgesamt gesehen aber hatte man nicht den Eindruck, das Fernsehjahr angemessen gewürdigt zu finden. Die Kategorien und die Nominierten reflektierten eine umständliche intellektuelle Auseinandersetzung und einen sicher mühsamen Auswahl- und Urteilsfindungsprozeß im Spannungsfeld der Proporzinteressen. Aber man schaut ja Fernsehen nicht nur nach dem Schema der Programmzeitschrift, sondern auch, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert.
Die großen Ereignisse des Jahres - Tsunami, der Hurrikan „Katrina“, die Wahlen in NRW und im Bund - und die Reaktion der Sender darauf waren gar nicht repräsentiert. Auch andere Säulen des Fernsehalltags, Kindersendungen, Tierfilme, Kochsendungen oder die Doku-Soaps von „Super-Nanny“ bis zur Arte-Produktion über den Alltag bei Chanel, kamen an dem Abend gar nicht vor.
Und hätte man nicht die endlosen politischen Gruppentalks berücksichtigen müssen? All unsere Abende mit Westerwelle, Beck, Fischer & Co., von denen es in diesem Jahr mehr denn je gab, und die dazugehörigen Löwenbändiger: Plasberg, Maischberger, Kerner oder Illner? Wer hat es am besten gemacht?
So zugig es ist beim Deutschen Fernsehpreis: Man müßte doch einmal das Fenster öffnen.
Bester Fernsehfilm: „Marias letzte Reise“ (ARD); Beste Krimireihe: „Polizeiruf 110: Der scharlachrote Engel“ (ARD); Beste Regie: Hermine Huntgeburth für „Der Boxer und die Friseuse“ (ARD); Bestes Buch: Christoph Darnstädt für „Das Zimmermädchen und der Millionär“ (Sat.1); Bester Schauspieler: Sebastian Koch für „Speer und Er“ (ARD); Beste Schauspielerin: Monica Bleibtreu für „Marias letzte Reise“ (ARD); Beste Nebenrolle: Michael Fitz für „Marias letzte Reise“ (ARD) und Birge Schade für „Hotte im Paradies“ (ARD), „Katzenzungen“ (ARD), „Delphinsommer“ (ARD); Beste Kamera: Ngo The Chau für „Tatort: Scheherazade“ (ARD) und „Folge der Feder!“ (ZDF); Bester Schnitt: Brigitte Tauchner für „Bettgeflüster und Babyglück“ (Sat.1); Beste Musik: Annette Focks für „Die Kirschenkönigin“ (ZDF), „Wellen“ (ZDF), „Bella Block: Denn sie wissen nicht, was sie tun“ (ZDF), „Das Gespenst von Canterville“ (Sat.1) und „Marias letzte Reise“ (ARD); Beste Ausstattung: Knut Loewe und Lucie Bates für „Die Kirschenkönigin“ (ZDF); Beste Serie: „Abschnitt 40“ (RTL); Bester Schauspieler Serie: Ulrich Mühe für „Der letzte Zeuge“ (ZDF); Beste Sitcom: „Nikola“ (RTL); Beste tägliche Serie: „Verliebt in Berlin“ (Sat.1); Beste Dokumentation: „Kanalschwimmer“ (ZDF); Beste Reportage: „Die Story: Schußwechsel“ (WDR); Beste Moderation Informationssendung: Claus Kleber für „heute journal“ (ZDF); Beste Informationssendung: „Fall Deutschland“ (ZDF); Beste Unterhaltungssendung: „Clever! Die Show, die Wissen schafft“ (Sat.1); Beste Comedy: „Schillerstraße“ (Sat.1); Beste Sportsendung: „Fußball: Bundesliga live“ (Premiere); Förderpreise: Josefine Preuß für „Abschnitt 40“ (RTL), Jochen Frank für „Afghanen flirten nicht“ (SWR); Ehrenpreis der Stifter: Dietmar Schönherr.