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Der Batman-Film und die Schüsse Keiner hat zurückgeschossen

 ·  Es war ein Film, auf den viele gewartet haben. Dann fielen Schüsse in der Premiere von „The Dark Knight Rises“. Wie sollen wir jetzt schauen auf den neuen Batman-Film?

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Manche, so erzählen die, die dabei gewesen sind, manche hatten sich verkleidet und maskiert, als Batman oder Robin, als Catwoman und womöglich auch als den einen oder anderen jener Bösewichter, die man, weil die ganze Batman-Welt eine Schöpfung der Comicstrips ist, aus hundert Metern Entfernung als Bösewichter erkennt: an den starken Zeichen, den lauten Fratzen, dem Hohn auf alles, was uns als Ausdruck des Humanen erscheint.

Die meisten, heißt es, waren jung; und alle müssen Fans gewesen sein, so heiß auf den neuesten Film der Batman-Serie und so entschlossen, ihn als Allererste zu sehen, dass sie schon um Mitternacht im Kino waren. Am Freitag ist „The Dark Knight Rises“ in den Vereinigten Staaten angelaufen, am Donnerstag kommt er in die deutschen Kinos - und eigentlich sollte hier eine Filmkritik stehen, eine Bilanz der Batman-Trilogie, die Christopher Nolan geschrieben und inszeniert hat, mit Christian Bale in der Titelrolle.

Als die Leute Angst bekamen, hat er geschossen

Es geht um jenen Christopher Nolan, dessen Filme, ob mit Batman oder ohne ihn, weniger die Welt reflektieren und mehr unsere Wahrnehmung von ihr; und die immer wieder um die Frage kreisen, ob das, was wir sehen, fürchten und vielleicht begehren, nicht erst von uns erfunden, geschaffen, projiziert worden ist. Und es geht um jenen Christian Bale, der, bevor er Batman wurde, Bateman war, Patrick Bateman, der amerikanische Psycho und Serienkiller in der Verfilmung von Bret Easton Ellis’ Roman.

Der Film, den die amerikanischen Kritiker auch dafür loben, dass er auf 3-D verzichtet hat, lief eine halbe Stunde im Saal 9 des Multiplex-Kinos im Städtchen Aurora in Colorado, da meinten manche, wie sie später den Reportern erzählten, es gäbe, außer dem zweidimensionalen Film, auch eine Premieren-Show, in der dritten Dimension. Die Schüsse hätten sich angehört wie echte Schüsse. Der Rauch, der aufstieg, war kein Bild auf der Leinwand. Und der Mensch, der das Kino durch den Noteingang betrat, habe mit seiner Gasmaske, der kugelsicheren Weste, dem langen schwarzen Mantel und dem Sturmgewehr zwar comichaft böse gewirkt. Allerdings ähnelte er keinem der bekannten Batman-Monster.

Die dabei waren, haben den Fernsehreportern erzählt, dass sie erst mal weiter schauten, weil sie das alles für eine Inszenierung hielten, auch als der Mann in die Luft schoss und die Decke traf. Die „New York Times“ zitiert Zeugen, die diesen Satz gehört haben wollen: „Ich bin der Joker.“ Und als die Leute endlich Angst bekamen und zu fliehen versuchten, habe der Mann in die Menge geschossen.

Öffne dein Herz!

Es ist egal, was der Mann, der geschossen hat, mit dieser Tat erreichen oder mitteilen wollte. Anscheinend heißt er James Holmes, ist 24 Jahre alt, und sagen, so berichten die Polizisten, die ihn festgenommen haben, sagen wolle er nichts. Was sollte er auch sagen, und was wäre damit gewonnen, wenn er spräche über seine Motive, seine Inspiration. Die Tat ist sinnlos, und ein Gerede würde denen nicht helfen, die jetzt tot sind oder schwer verletzt. Es würde denen nicht helfen, die jetzt trauern um ihre Angehörigen und Freunde. Und der Schock, der vermutlich jeden getroffen hat, der gerne und mit Leidenschaft ins Kino geht, dieser Schock ist da und wird so schnell nicht vergessen oder überwunden werden.

Denn darum geht es ja, wenn wir im Kino sind: Im Schutz der Dunkelheit wagen sich die Emotionen aus der Deckung, und unsere Sinne legen ihre Panzer ab. Man öffnet die Augen und die Ohren, und wenn der Film nicht absoluter Schwachsinn ist, dann öffnet man auch sein Herz. Man tut das, weil man berührt (und vielleicht auch durchgeschüttelt) werden will: aber ganz bestimmt nicht verletzt.

Hass, der keine Begründung braucht

Das ist, gewissermaßen, der Pakt, den die Zuschauer mit dem Kino schließen: Es wird uns nichts geschehen, deshalb kann und darf alles geschehen. Diesen Pakt hat James Holmes gekündigt, und die Folgen dieser Kündigung sind heute, zwei Tage nach dem Attentat, noch gar nicht absehbar. Das Entsetzen jedenfalls wird nur noch größer, wenn man sich vor Augen führt, was das für ein Film ist, von dem die Leute in Aurora nur die erste halbe Stunde sehen durften: wovon er erzählt, und was er mit seinen Zuschauern macht.

Es geht um den Hass in diesem Film, einen Hass, der keine Begründung braucht und keine Absicht als die totale Zerstörung von Gotham City hat, einen Hass auf den Westen, dessen Dekadenz und Zügellosigkeit, einen Hass auf alles, was Amerika ist, einen Hass, der einerseits, so unbedingt und grausam ist und voller Lust am Hassen, wie es das nur im Kino gibt. Und andererseits kommt uns dieser Hass sehr bekannt vor. Wir haben, was er bewirken kann, in den Nachrichten gesehen.

Ein Ausdruck für den Schrecken und die Furcht der Gegenwart

Der Mann, der hasst, heißt Bane und ist ein Monster. Er war krank als Kind, und weil manche Wunden nicht verheilt sind, trägt er eine Maske vor Teilen seines Gesichts. Seine Stimme klingt elektrisch, wie die von Darth Vader. Seine Mimik wirkt gefesselt, wie die von Hannibal Lecter. Er hat einen Körper wie der unglaubliche Hulk. Er benimmt sich, als wäre er einem bösen Traum des Glöckners von Notre-Dame entsprungen. Manchmal fasst er seinen Hass in Worte. Dann meint man eine Botschaft von Usama Bin Ladin zu hören. Einmal spricht er zu denen, die unzufrieden sind: Das ist brillant und böse, mehr St. Just als Robespierre.

Und wenn es losgeht mit dem Terror, sieht der Film so aus, als wollte er uns all unsere Ängste und Albträume, all unsere apokalyptischen Phantasien auf einmal vor Augen führen. Häuser stürzen ein, Brücken bersten, Rauch steigt auf, als wäre es der elfte September. Schwerverbrecher herrschen, wie einst, im Film „Die Klapperschlange“. Reiche werden gejagt, Anständige verstecken sich in ihren Häusern, Polizisten werden eingesperrt, Standgerichte verurteilen jeden, der noch ganz bei Trost ist, zum Tod. Und weil der Böse und seine Helfer die Kanalisation vermint haben, bricht irgendwann allem, was vom Realitätsprinzip geblieben ist, der Boden unter den Füßen weg.

Das sind die Bilder und die Szenen, die eigentlich zu loben waren in diesem Film, an dem es vieles zu kritisieren gibt: Wie er dem Schrecken und der Furcht der Gegenwart eine Form und einen Ausdruck gibt. Wie er sich nicht lang aufhält mit der Unterscheidung zwischen dem Realen und dem Erfundenen, weil er eben weiß, dass man beim Gedanken an Doktor Lecter genauso schlecht schläft, wie beim Gedanken an Usama Bin Ladin. Wie Nolan, wenn er aus Filmen und anderen Fiktionen zitiert, diese nicht als Gegensatz zum Realen zeigt, sondern als gewissermaßen vorsublimierten, schon leicht bearbeiteten Rohstoff für seine Schreckensbilder nimmt.

Es sind Bilder, die Angst machen und die Lust anheizen zugleich, und darum ging es ja, bis in Aurora die Schüsse fielen: dass wir uns beiden Gefühlen hingeben dürfen, ohne dass uns dafür jemand mit Spott oder Strafe drohte. Das ist jetzt anders - und man wird sehen, wie das Publikum reagiert, wenn, was immer wieder vorkommt in diesem Film, die Gewehrläufe direkt auf die Kamera gerichtet sind.

Zieh doch deine Waffe!

Was es noch zur Batman-Trilogie zu sagen gibt, ist vor allem, dass Nolan jetzt, im dritten Teil, genau wie im ersten, seinen Helden mit Zentnerlasten von Psychologie und Mythologie beschwert. Ja, dafür ist heute das Kino da, für alles andere gibt es Fernsehserien: So möchte man jubeln, wenn der Film beginnt und Nolan die Stadt Gotham als einen Ort inszeniert, der zwar eine Ähnlichkeit mit New York zu haben scheint, aber keine Geschichte, keine Politik, keinen Alltag. Sondern nur Figuren und Konflikte von mythischer Kraft und Universalität. Und Schauplätze, auf denen alles immer viel größer als im wahren Leben ist. Aber wenn dann Nolan seinen Helden in ein fiktives Zentralasien schickt, wo der gefangen ist in einem sehr tiefen Loch, und die anderen Gefangenen raunen ihm Geschichten zu über die Unentrinnbarkeit und die Jahrhunderte, die hier vergehen, und wenn der Held dann hinaufschaut, wo in weiter Ferne der Tag leuchtet, dann möchte man ihm sagen: So, Mr. Nolan, hat Plato das mit der Höhle aber nicht gemeint.

Und dass Nolan die ganze Batman-Saga als Krankengeschichte erzählt, ist nur kurz aus dem Blick geraten, weil der zweite, der beste Teil der Trilogie mehr vom Joker als von Batman handelte. Anfangs führte Nolan vor, wie es zur Aufspaltung einer Persönlichkeit kam, dazu, dass ein gewisser Bruce Wayne gewisse Dinge nur dann tun kann, wenn er sich in ein Fledermauskostüm zwängt. Wenn jetzt der dritte Teil zu Ende geht, sind Maske und Kostüm total überflüssig geworden: Nicht weil Batman als geheilt aus dem Film entlassen würde. Sondern weil die Welt, wie Nolan sie sieht, so aus den Fugen ist, dass einer sich nicht mehr maskieren muss, um zu tun, was Batman eben gerne tut.

Mit sanfteren Filmen wäre niemandem geholfen

Dass, wenn all die Berichte stimmen, James Holmes sich maskiert und verkleidet hat, bevor er zur Batman-Premiere ging, bedeutet nicht, dass er sich im Kino angesteckt hätte mit dem Wahnsinn, dem Hass, was immer ihn trieb. Es mag denen, die im Saal 9 des Kinos in Aurora saßen, so vorgekommen sein, und es ist wahrscheinlich, dass diese böse Geschichte sensiblen Kinogängern solche Albträume verschafft, in welchen der Terror durch die Leinwände dringt.

Aber wenn so eine sinnlose Tat trotzdem Konsequenzen provoziert, dann sicher nicht die, dass mit sanfteren Filmen irgendjemandem geholfen wäre. Strengere Gesetze, sind es, über die man in Amerika endlich mal nachdenken sollte; in Colorado darf, wer erwachsen ist, sich einfach eine Schusswaffe kaufen.

Es war Roger Ebert, der Veteran unter den amerikanischen Filmkritikern, der in einem Gastbeitrag für die „New York Times“ auf die krassen Widersprüche hingewiesen hat.

In der Theorie, so schreibt Ebert, darf der amerikanische Bürger eine Waffe tragen, damit er sich verteidigen kann.

In der Praxis hat aber niemand in Aurora sich selbst und die anderen Unschuldigen verteidigt.

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Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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