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„Der Baader-Meinhof-Komplex“ : Diese Frau brauchte mich ganz

  • -Aktualisiert am

Die Manie der Revolte: Sebastian Blomberg als Rudi Dutschke Bild: Constantin Film

Bernd Eichingers und Stefan Austs RAF-Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“ bringt eine fast genetische Reproduktion der siebziger Jahre und ihrer Protagonisten. Er ist eine Befreiung von der Erziehungsdiktatur.

          Man muss ja nicht mitmachen, wenn Stefan Aust heult. Jeder heult mit Gründen, und jeder heult für sich allein und bestimmt nicht auf Anordnung von Bernd Eichinger. Jetzt über den deutschen Terrorismus Tränen zu vergießen, käme reichlich spät. „Verschluckte Tränen“, wie der seinerzeit von der terroristischen Jugend sehr geliebte Fritz Zorn schrieb. Zorn starb mit einunddreißig Jahren, und nur der Kunstname blieb als ein Grabstein für ungelebte Wut, einer unter vielen, die den Friedhof der kollektiven Kuscheltiere der siebziger und achtziger Jahre bevölkern: Protest, Revolution, Terror, Intensität, Phantasie, Charaktermasken, Warencharakter der Gesellschaft, Tränen und Repression.

          Man will da wirklich nicht mehr so gerne herumbuddeln. Nicht noch einmal in den pathetischen Muff von dreißig Jahren. Nicht nach all diesen Dokumentationen, Bekenntnissen, Beteuerungen. Nicht noch einmal dieser Gefühlsterrorismus. Die waren unzufrieden? Sind wir auch. Gelitten? Wir auch. Idealisten? Wir auch. Verletzt? Wir auch. Wütend? Sind wir selbst, ob mit Zielfernrohr oder ohne.

          Geschichte als Souvenir

          Und wenn nicht gerade der rebellische ältere Kollege aus der „Zeit“ der heutigen Jugend fehlenden Charakter bescheinigt, taucht immer jemand auf, der was zu erzählen hat, über die „Leute“, die damals in Eschersheim die Gudrun und die Ulrike für eine Nacht usw. usw. Die oral history der RAF ist fest in der Hand von Souvenirhändlern, die sonderbarerweise alle aussehen - Haarverlust in Stirn- und Scheitelregion sind ineinander übergegangen, dafür fast schulterlanges Seitenhaar, festgewachsene Nickelbrille - wie der prominente Göttinger Politologe Franz Walter, der sich aktuell selbst allerdings, so ändern sich die Zeiten, nur zur Lage von Kurt Beck äußert.

          Hörigkeitsstrukturen im Untergrund: Andreas Baader (Moritz Bleibtreu) und Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek)

          Zwar sehen viele aus diesem Milieu aus wie Walter, aber sie sind so natürlich nicht und reden ganz anders als er, meist in einer Mischung aus Heinrich-Böll- und Peter-Weiss-Kitsch; wer Näheres wissen will, google einschlägige Fachbegriffe (Widerstand, Protest, Aufstand, aufrecht) im Programm der Goethe-Institute 1974-1994.

          Vom Montblanc zum Maulwurfshügel

          Nicht nur die RAF, auch die sie umgebende Kultur war voller, bis heute fortlebender, sehr verhängnisvoller Größenpathologien, sie reichten von den Feuilletonredakteuren bis zu „Deutschland im Herbst“, von Fassbinder bis Schily und Ströbele, von Peter Schneider bis Peter Weiss. Erinnert sich noch jemand an den Reader „Anarchismus. Von Bakunin bis Baader“? Ein Titel, der, um Peter Hacks' in anderem Zusammenhang gebrauchtes Wort zu variieren, in dem gleichen Maße sinnreich ist wie: „Vom Montblanc zum Maulwurfshügel“.

          Der Trick war ebenso einfach wie erbärmlich und funktioniert bis heute: Nachdem im kulturellen Milieu bald auch der größte Narr von Revolution nicht mehr reden konnte, ohne sich lächerlich zu fühlen, ging es fortan immer nur um die Verzweiflung des in Wahrheit nie gewillten Revolutionärs an der in Wahrheit nie gewollten Revolution. Gebrochene Idealisten: unendliche Mengen, die nicht nur die Lehrerzimmer, Redaktionsstuben und vor allem die Schauspielensembles der Republik bevölkerten und abends beim Edelzwicker und in der Lederjacke taten, was seit der pragmatisch-phantasielosen Adenauer-Zeit in Deutschland nicht geschehen war: Sie vermischten Seelenleben und Innerlichkeit mit Politik und Gewalt.

          Austs Tränen

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