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Hans-Jürgen Syberberg : Er versöhnt uns mit den Mythen

Den Schrecken der Realität sah er schon als Kind, und holte ihn als Regisseur in die filmische Wirklichkeit: Hans-Jürgen Syberberg. Bild: Ullstein

Er ist ein Regisseur, der die Schönheit wirklich will, mit utopischem, ja heiligem Ernst. Das brachte ihm Ruhm vor allem im Ausland: Zum achtzigsten Geburtstag des Regisseurs Hans-Jürgen Syberberg.

          Geboren wurde Hans-Jürgen Syberberg im vorpommerschen Nossendorf. Neun Kilometer entfernt liegt Demmin. Dort kam es 1945 nach dem Einmarsch der Roten Armee zu Massenvergewaltigungen und zum Abbrennen von Häusern. In der Folge brachten sich im wohl größten Massenselbstmord der deutschen Geschichte etwa tausend Menschen um. Kürzlich widmete sich Florian Huber in Buchform diesen Ereignissen („Kind versprich mir, dass du dich erschießt“). Der neunjährige Syberberg sah viel.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Mit einer Arbeit über das absurde Theater wurde er promoviert. Darin zitierte er Friedrich Dürrenmatt: „Die heutige Welt lässt sich (...) schwerlich in der Form des geschichtlichen Dramas Schillers bewältigen, weil wir keine tragischen Helden, sondern nur Tragödien vorfinden, die von Weltmetzgern inszeniert und von Hackmaschinen ausgeführt werden. Aus Hitler und Stalin lassen sich keine Wallensteine mehr machen.“ Ein Vorzeichen dessen, was Syberberg lange beschäftigen sollte.

          Er lernte als teilnehmender Beobachter

          Gelernt hat der Regisseur nicht auf der Ochsentour als Regieassistent, sondern in der teilnehmenden Beobachtung. Noch als Schüler nahm er 1953 Bertolt Brecht bei den Proben am Berliner Ensemble auf, es ging um den „Puntila“, „Urfaust“ und „Die Mutter“. Fritz Kortners Proben zum 5.Akt von Schillers „Kabale und Liebe“ mit Christiane Hörbiger und Helmut Lohner dokumentierte Syberberg für den Bayerischen Rundfunk, auch Kortners großartigen Shylock-Monolog. Ebenfalls für den BR entstand „Romy – Portrait eines Gesichts“ (1966). Die Schauspielerin, gesehen und befragt im Augenblick einer tiefen Krise; ein Film von kaum fassbarer Intensität, bewegend – und vorausdeutend auf Syberbergs Fähigkeit, aus einer Frau wie Edith Clever latente Möglichkeiten und Tiefen in die filmische Wirklichkeit zu bergen.

          1969 drehte Syberberg „Sex-Business – Made in Pasing“ (1969), ein dokumentarisches Porträt des Porno-Regisseurs Alois Brummer. Da war nun alles versammelt, was Syberberg an der Gegenwart abstieß; das Wort „Kulturindustrie“ schien noch zu schwach dafür, es ging schlicht um die seltsame Alchemie einer Vergoldung von Dreck.

          Im Auge des Betrachters: „Hitler, ein Film aus Deutschland“, gedreht von 1977 bis 1980.
          Im Auge des Betrachters: „Hitler, ein Film aus Deutschland“, gedreht von 1977 bis 1980. : Bild: dpa

          Sein eigentliches Format fand Syberberg mit der romantisch-deutschen Trilogie „Ludwig – Requiem für einen jungfräulichen König“ (1972), „Karl May“ (1974) und dem Monstrum „Hitler, ein Film aus Deutschland“ (1977 bis 1980). Im „Ludwig“ sah man einen Stil surrealer, extrem verlangsamter Feierlichkeit, wie er damals auch Werner Schroeter im „Tod der Maria Malibran“ vorschweben mochte. Nur ging Schroeter je länger, je mehr in die Richtung des Freakhaften und der Ironie, während Syberberg die Schönheit wirklich wollte, mit utopischem, ja heiligem Ernst. So wurde aus dem Surrealen das positive Märchen- und Welttheater, die frühe Prägung durch den „Faust“ fand ihre Einlösung in der Opernverfilmung „Parsifal“ (1982).

          „Hitler“ war ein Stiefbruder des neuen deutschen Films, die Kluge- und Fassbinder-Darsteller Harry Baer, Alfred Edel und Peter Kern hatten ihre Auftritte – letzterer großartig als Hitler, der den Monolog von Peter Lorre aus Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ noch einmal spricht. Syberbergs Ruhm im Ausland wuchs im gleichen Maße wie der scheele Blick auf sein Schaffen in Deutschland. Noch kürzlich bekannte Jürgen Habermas, Michel Foucaults Schwärmen für Werner Herzog und Syberberg habe er nicht nachvollziehen können – „Ich neige zu Kluge und Schlöndorff“ (F.A.Z. vom 12.August). Heute feiert Hans-Jürgen Syberberg seinen achtzigsten Geburtstag.

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