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David Mamet wird siebzig : Abschied vom amerikanischen Traum

Regisseur David Mamet wird siebzig. Zu Donald Trump äußerte er sich bisher nicht. Spricht da die Altersweisheit aus ihm? Bild: ddp Images

Das Leben ist ein Schauspiel, und wir sind die Helden: Der Dramatiker und Filmregisseur David Mamet wird siebzig.

          Den Satz, an dem man ihn messen muss, hat David Mamet selbst geschrieben, wie es sich für einen großen Dramatiker gehört: „Letztlich ist es schwierig, unser Leben nicht als ein Schauspiel zu sehen, dessen Helden wir sind.“ Der Satz steht in Mamets 2001 erschienenem Theaterbuch „Vom dreifachen Gebrauch des Messers“, aber er könnte auch in einem der vielen Zwei- und Dreiakter und Filmdrehbücher stehen, die Mamet in den vergangenen knapp fünfzig Jahren verfasst hat; und er gilt für sie alle.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Denn jede von Mamets Geschichten, ob auf der Bühne oder Leinwand, ob Komödie, Tragödie oder, wie meistens, Tragikomödie oder Farce, handelt im Kern vom Versuch ihrer Figuren, die Heldenrolle ihres eigenen Lebens zu behaupten oder wiederzugewinnen – und von den Widrigkeiten, die ihnen dabei begegnen, vom unvermeidlichen Scheitern ebenso wie von den kleinen, flüchtigen Triumphen unterwegs. Vielleicht ist das auch der Grund, warum David Mamet in all den Jahren keine wirkliche Liebesgeschichte geschrieben hat; denn in der Liebe ist jeder der Held des anderen, wird die Hauptrolle sozusagen außer Haus gegeben. Stattdessen drehen sich Mamets Werke mit schöner Regelmäßigkeit um Männerfreund- und -feindschaften, um Diebstahl, Raub und Trickbetrug, um Geschlechterkrieg im Hörsaal und Bürgerkrieg im Büro. Hier liebt jeder vor allem sich selbst; und in seinem verbissenen Kampf gegen alle anderen geht er sich selbst unwiederbringlich verloren.

          Hier geht jeder jedem an die Gurgel: Al Pacino und Jonathan Pryce in Glengarry Glen Ross in der Verfilmung von 1992. Bilderstrecke

          Am wirkungsvollsten hat Mamet diese Gemengelage in seinem Drama „Glengarry Glen Ross“ von 1984 geschildert. Hier sind es vier Immobilienmakler, die sich gegenseitig an die Gurgel gehen, weil der erfolgloseste von ihnen am nächsten Tag seinen Job verlieren wird. Wer James Foleys Verfilmung mit Jack Lemmon, Al Pacino, Alec Baldwin, Ed Harris und Kevin Spacey gesehen hat, wird nicht bedauern, die deutsche Bühnenfassung von „Hanglage Meerblick“ verpasst zu haben. Glanzvoller wurde noch keine Theatervorlage in Hollywood adaptiert, düsterer, trostloser auch nicht. Wenn Al Pacinos Schlussmonolog erklingt („Wir gehören zu einer aussterbenden Art . . .“), ist der amerikanischen Traum zur Hölle gefahren.

          Mamets Leben in drei Akten

          Wäre Mamets Leben ein Schauspiel, stünde „Glengarry Glen Ross“ am Anfang des zweiten Akts. Davor kämen die Kindheit in Chicago, die ersten Theaterversuche und Drehbücher, der Durchbruch mit „American Buffalo“; danach das Kinodebüt „House of Games“ und die Serie der Gaunerfilme von „Things Change“ bis „Heist“, begleitet von immer neuen Erfolgen am Broadway. Ein Leitmotiv wäre Mamets Treue zu seinen Freunden, zu Schauspielern wie William Macy, Joe Mantegna, Lindsay Crouse und Ricky Jay, und zu seinen Grundthemen: Verrat und Selbstverrat.

          Der dritte Akt schließlich begänne mit einem Text, den Mamet vor neun Jahren schrieb und der auch in dieser Zeitung erschienen ist: „Warum ich kein hirntoter Linker mehr bin“. Bis dahin konnte man David Mamet zum liberalen amerikanischen Mainstream rechnen; nun zeigte sich, dass er wie Clint Eastwood im republikanischen Lager zu Hause ist. Er habe gemerkt, „dass ich nicht an das Gute im Menschen glaube“, erklärte Mamet. Für die Zuschauer seiner Stücke war das keine Überraschung. Zu Donald Trump aber schweigt David Mamet, der am Donnerstag siebzig Jahre alt wird, sich bisher aus. Wie lange noch?

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