09.11.2011 · Ein Gespräch mit dem Regisseur David Cronenberg über Sigmund Freud, C.G. Jung und die Macht des Zufalls.
Herzlichen Glückwunsch zu „A dangerous method“. Auch wenn er sehr gelungen ist - verstehen Sie, dass trotzdem manche Ihrer Fans finden, dies sei gar kein ’richtiger’ Cronenberg-Film?
Cronenberg: Ja, sicher. Ich kann das verstehen. Aber vielleicht sind es diese Fans, die mich missverstehen. Ich begann vor über 40 Jahren als Regisseur mit „Transfer“, der die Geschichte eines Analytikers und seines Patienten erzählt. Psychologie und Psychoanalyse haben mich mein Leben lang interessiert. Ich denke auch, dass die besonders spektakuläreren Effekte mancher meiner Filme, die Wahrnehmung meiner Arbeit verzerrt haben. Ich finde, ich habe eine klare Kino-Handschrift, die sich von anderen Filmemachern unterscheidet. Aber diese ist nicht „Body Horror“ - das hat irgendjemand erfunden.
In meinen Filmen gibt es immer Hauptfiguren, die hellwach und intellektuell sind, die sich artikulieren können, die von einer Leidenschaft für Ideen erfüllt sind. Wenn man die Sache aus dieser Perspektive betrachtet, ist „A dangerous method“ vielleicht gar nicht mehr so ungewöhnlich.
Darum kann ich nur darüber lachen, wenn mich Leute auf „Body Horror“ und solche Schlagworte reduzieren. Wenn ich lang genug leben sollte, werde ich tausend Filme machen. Über alles. Über Hunde. Tierfilme. Naturgewalten. Über Evolution. Ich würde gern einen Film über Darwin machen. Es gibt so viele Dinge, die mich interessieren. Ich schränke mein Denken nicht ein.
Philosophie und Motive des Existentialismus sind ein zentrales Thema Ihrer Arbeit...
So ist es. Ich betrachte Freud als einen existentialistischen Helden. Freud insistierte auf den Tatsachen des menschlichen Körpers. Das war seine Revolution. Dies war zu einer Zeit, als der Körper jenseits aller Diskussion stand. Man redete einfach nicht über Körperliches.
Freud dagegen argumentierte: Man sollte nicht nur darüber reden. Sondern man muss den Körper anerkennen. Er ist alles. Die ganzen Flüssigkeiten des Körpers, die Nervenbahnen, die Zellen, Ströme und Gene haben einen riesigen Einfluss darauf, wer wir als Personen sind, was wir denken. Und dazu kann ich dann sagen: Ok, das ist auch mein Thema.
Denn was ist das Haupt-Objekt, das wir mit der Kamera filmen? Es ist der menschliche Körper. Man kann nichts Abstraktes fotografieren, den Körper dagegen schon.
Kann man auch Gedanken filmen? In gewisser Weise tun Sie das ja?
Gewiss. Das stimmt, und das genau ist das Aufregende. Das Imaginäre im Konkreten zu zeigen, das Ungreifbare im Greifbaren, ist die Kunst des Filmemachens. Ohne dass man zu eindeutig wird, zu einfach und zu strukturiert. Ohne zu predigen.
„A dangerous method“ erzählt vom Konflikt zwischen Freud und Jung. Stimmt der Eindruck, dass Freud der wahre Held von „A dangerous method“ ist, dass Sie sich auf seine Seite schlagen?
Ich würde es nicht „Held“ nennen. Sagen wir: Ich fühle mich Freud weltanschaulich näher, als Jung. Bevor ich den Film begonnen habe, war mir das gar nicht so bewusst, aber ich empfinde eine Verwandtschaft und Sympathie für Freud, für seinen Atheismus, seine Kultur, die Tiefe seiner Bildung und seiner Neugier.
Genau so ging es ja auch Jean-Paul Sartre, dem Begründer des Existentialismus. Kennen Sie das Drehbuch, dass Sartre für John Hustons Film über den jungen Freud geschrieben hat, und das dann mit Montgomery Clift verfilmt wurde?
Oh ja! Ich kann mir keine seltsamere Kombination vorstellen, als Sartre und Huston. Finden Sie nicht? Denn Huston war nun bestimmt kein Intellektueller, Sartre war natürlich einer. Wie Freud. [Lacht] Es überrascht mich also nicht, dass dieser Film sehr merkwürdig ist, und nicht besonders erfolgreich war. Ich habe den Film allerdings zuletzt vor vielen Jahren gesehen. Das würde ich eigentlich gern mal wieder tun. Wäre bestimmt interessant...
Aber zurück zu Freud...
Manche Leute haben mir gesagt, er käme ihnen in meinem Film boshaft und sarkastisch und dogmatisch vor - diese Reaktion gefällt mir. Denn diese Elemente gehören zu Freud. Ich finde Freud auch anziehend und amüsant. Ein attraktives Portrait war aber nicht meine Absicht. Ich wollte ein akkurates Portrait zeichnen. Es geht bei Philosophie nicht ums Wohlfühlen und um Religionsersatz. Es geht um Tatsachen, die man begründen, belegen und zum Teil beweisen kann. Zugleich habe ich mich sehr darum bemüht, im Konflikt zwischen Freud und Jung neutral zu bleiben. Ich denke es ist mir gelungen. Was die beiden im Film sagen, stammt größtenteils aus Originalquellen. So weit wie möglich sehen sie den historischen Vorbildern ähnlich, die äußeren Fakten sind recherchiert und belegbar.
Also nur außerhalb des Films kann ich sagen: Ich fühle mich Freud näher.
Die Dialoge sind teilweise sehr freimütig...
Sie waren so offen. Freud, Jung, und Sabina Spielrein erfanden die Modernität in zwischenmenschlichen Beziehungen. Wenn Sie die Briefe lesen, dann sind die erstaunlich freimütig. Darum erscheint der Film auch dann modern, wo er sehr akkurat ist. Otto Gross zum Beispiel war ein Proto-Hippie. Er lebte in einer Kommune, predigte Vegetarismus. Es ist aufregend diese Momente zu sehen, in denen die Psychoanalyse erfunden wurde.
Was glauben Sie: Was ist die Erklärung dafür, dass irgendwann vor etwa 100 bis 120 Jahren plötzlich alles neu war, all diese Dinge erfunden wurden: Nicht nur die Psychoanalyse. Auch das Kino entstand, Soziologie war die zweite neue Wissenschaft, der Darwinismus die dritte, Nietzsche und andere dekonstruierten die idealistische Philosophie, die bis dahin dominiert hatte. Die Kunst entdeckte die Abstraktion, Mahler, Strawinsky, dann die Neue Musik kamen auf... Warum all das?
Das ist natürlich schwer zu sagen. Warum gab es die Renaissance? Was klar ist: Alles was Sie erwähnt haben, bedingte sich gegenseitig. Nicht geschah isoliert. Es geschah an einem spezifischen Ort: In einigen Großstädten von Westeuropa. Und es gibt natürlich keine Systematik. Man kann nichts voraussagen. Im Rückblick erscheint alles klar und notwendig, in der Gegenwart ist man geneigt, der Chaostheorie recht zu geben.
Sie haben also keine persönliche Geschichtsphilosophie?
Doch: Den Darwinismus. Ich bin kein Hegelianer. Ich glaube wirklich an den Zufall, nicht daran, dass wir Menschen uns vom Tier zu einem Engel entwickeln.
Aber natürlich gibt es Bedingungen, unter denen sich höhere Stufen der Zivilisation entwickeln. Sie haben es gerade schon erwähnt: Gleichzeitigkeit. Die Dichte großer Metropole. Und Stabilität. Es ist etwas dran an dem, was Flaubert sagte: Ich bin im Leben ein Bürger, damit ich in meiner Kunst radikal sein kann. Um ein Revolutionär zu sein, brauchen Sie Stabilität. Freud brauchte dieses bequeme bürgerliche Leben mit vielen Büchern um sich herum und mit viel Zeit, um nachzudenken. „Interessante Zeiten“ sind ein Fluch. Denn dann kommt man nicht zum Denken. Freuds Epoche war repressiv, aber sie bot diese Stabilität.
Sie wollen aber jetzt nicht der Repression das Wort reden?
Oh nein. Freud hat zwar gesagt, Zivilisation braucht Repression, aber er hat auch gesehen, dass sie ihre eigenen Probleme produziert. Ich glaube nicht, dass gute Kunst Repression braucht. Aber es gibt sowieso keine absolute Freiheit. Schauen Sie uns an!