Zwei erwachsene Männer stehen vor einem offenen Konzertflügel, auf dessen Saiten ein elektronisch geführter Tennisball auf- und niederrast. Auf ihren Gesichtern spiegelt sich Glück. Ein typischer Moment im Berufsleben von Stefan Knüpfer, 42, Cheftechniker von Steinway Österreich und Protagonist des hinreißenden Dokumentarfilms „Pianomania“. Früher sagte man Klavierstimmer zu seinem Beruf, aber es ist weit mehr als das. Jeder Flügel ist unterschiedlich, jeder Pianist spielt anders – Knüpfer sorgt dafür, dass der jeweils bestmögliche Klang zustande kommt. So wünscht sich Alfred Brendel einen in allen Lagen ebenmäßigen Ton, Pierre-Laurent Aimard hätte für jede Bach-Fuge gerne einen vollkommen anderen Klang, Julius Drake will insgesamt „mehr Magie“ (an dieser Stelle kommt der Tennisball zum Einsatz), und Lang Lang braucht am dringendsten einen Stuhl, der seinem Temperament standhält. „Pianomania“ zeigt die unbekannte Seite des klassischen Konzertbetriebs – vor allem aber zeigt er, welche Wunder geschehen, wenn jemand seine Arbeit mit absoluter Hingabe tut.
Bitte erklären Sie: Wie kommt ein Klavierstimmer auf die Idee, mit einem Tennisball im Flügel herumzuhantieren?
Das Problem war Folgendes: Wir hatten ein Instrument, das lange nicht gespielt wurde. Das hatte sich festgestanden, klang nicht mehr. Wenn man da plötzlich einen Pianisten drauf spielen lässt, ist der Abrieb groß, und es verschließt sich. Das ist wie ein Oldtimer, der nie gefahren wird, und dann lässt man einen Rennfahrer damit auf die Autobahn fahren. Der zerfährt Ihnen das Auto komplett. Also dachte ich, okay, wir bewegen den Resonanzboden nicht über die Mechanik, sondern geben Impulse von oben. Und so kam ich darauf, einen Tennisball mithilfe einer Stichsäge auf- und abzubewegen, damit klopft man den Flügel schön weich, der bekommt einen unglaublich freien Ton davon. Die Frage ist immer: Was ist physikalisch das Problem, und wie kann ich es physikalisch lösen? Da ist mir jedes Mittel recht.
Lässt sich Ihr Beruf mit dem eines Formel-1-Technikers vergleichen? Michael Schumacher fährt so gut, wie seine Techniker es zulassen – Lang Lang spielt so gut, wie Sie es zulassen?
Sicher, natürlich. Je besser das Instrument eingestellt ist, umso besser kann der Pianist spielen, umso mehr Risiko kann er eingehen. Ganz banal, er kann einfach schneller repetieren, wenn das Instrument schneller reagiert; er kann viel leiser spielen, wenn er weiß, das Instrument wird diesen leisen Ton noch bringen; genauso kann er viel lauter spielen. Wie man mit einem gut eingestellten Auto schneller in die Kurve fahren kann, später bremsen, aber auch langsamer losfahren. Es geht um Mechanik, um Physik.
Wenn an einem Abend András Schiff spielt, und auf demselben Instrument spielt am nächsten Abend Barenboim – wie müssen Sie den Flügel verändern?
Das ist genau das Problem, das ich täglich habe. Ich kann auf keinen Fall zu Herrn Barenboim gehen und sagen, Herr Schiff war gestern begeistert, ich habe alles so gelassen. Verschiedene Pianisten brauchen verschiedene Instrumente.
Wie gehen Sie da vor?
Ich habe einen Großteil meiner Arbeit damit verbracht, unterhalb der Bühne zu stehen und dem Pianisten beim Spielen unter die Finger zu schauen, um zu sehen, mit welchem Impuls, welcher Geschwindigkeit, welchem Gewicht er auf die Tasten drückt. Dazu rechne ich dann aus, welche Einstellung ich mache.
Und dann?
Nehmen wir einen Pianisten wie Arkadi Wolodos, der sehr massig ist – wenn Sie ihn spielen hören, wissen Sie, dass er jedem Ton, den er spielt, nachhört. Auch wenn er sehr schnell spielt, er hat immer diese innere Ruhe und dieses Gewicht. Und nehmen wir auf der anderen Seite einen Pianisten, der sehr leicht spielt, Rudolf Buchbinder zum Beispiel, hier in Wien. Der ist unglaublich schnell, auch im Kopf, hat eine unglaubliche Leichtigkeit in den Fingern. Das heißt: Die Grundeinstellung ist bei beiden eine andere. Bei Wolodos muss die Einstellung so sein, dass der Ton wesentlich langsamer anschlägt. Wenn der schneller anschlagen würde, würden die Scheiben aus dem Saal fallen, so viel Energie würde da frei werden. Die Mechanik muss langsamer sein. Ein Buchbinder-Ton dagegen muss hell sein, schnell, was nicht heißt, dass er hart klingen muss. Der braucht eine leichte Mechanik.
Ich stelle mir vor, ein Pianist kommt zu Ihnen und sagt: mein Flügel klingt nicht. Er ist zu dumpf. Zu matt. Helfen Sie mir. Wissen Sie immer sofort, was er meint?
Die Verständigung ist natürlich eines der Hauptprobleme zwischen Technikern und Pianisten. Es gibt ja keine festgelegte Sprache für Klänge, man muss Vergleiche bemühen. Eins der meist fehlinterpretierten Worte ist das Wort brillant. Sagen Sie als Pianist einem Techniker, der Flügel soll brillant sein, macht der Ihnen den Flügel hart. Dann wird der laut und schrill und hell. Dabei geht es um Glanz. Das ist ein Unterschied wie zwischen Gold und einem Halogenscheinwerfer. Und rund wird gerne mit weich verwechselt. Ein Fußball ist rund, aber er ist nicht weich, das ist etwas anderes. Man muss abstrahieren können. Als Beispiel: Stellen Sie sich einen runden, warmen Ton vor. Und jetzt sage ich Ihnen ein Wort. Zitrone. Passt das?
Nein.
Genau. Es kann gar nicht passen. Passen würde zum Beispiel Eiswein. Dieser süße Wein, der ist rund. Aber niemals Säure. Säure ist schnell. Sie beißen in Säure, und sofort merken Sie das.
Sie können einen Flügel sauer stimmen?
Ja, selbstverständlich. Sie müssen das ja nur übersetzen. Man kann alles in einen Ton umwandeln.
Auch Farben? Wie klingt lila?
Lila ist auf jeden Fall reif. Niemals laut, niemals.
Ein rot gestimmter Flügel wäre also kraftvoll, leuchtend, stark?
Perfekt. Grün ist auf jeden Fall immer in Balance. Das wäre, wie wenn Sie mit einem guten Auto immer 120 fahren, völlig entspannt, nicht an die Grenze gehend. Grün ist immer souverän.
Welcher Pianist spielt rot?
Nicht das Endergebnis, aber die Eingangsenergie: Mitsuko Uchida. Yundi Li. Wolodos spielt Dunkelgrün. Und es gibt viele, die spielen in jede Richtung. Denen müssen sie in einem unterschiedlichen Kontext ein unterschiedliches Instrument an die Finger basteln.
Im Film sagen Sie, dass ein Flügel ein akustisches Gedächtnis hat. Können Sie einem Flügel anhören, wer zuletzt darauf gespielt hat?
Sie können das selber ausprobieren, wenn Sie ein Klavier haben: Sie spielen einfach chromatisch, am besten in der Mitte, wo die Töne mehr oder weniger gleich lang klingen. Dann suchen Sie sich einen Ton aus, der ein bisschen schwächer ist. Bisschen weniger Obertöne, bisschen weicher vielleicht. Jetzt treten Sie das rechte Pedal und schlagen diesen Ton stark an. Der ganze Flügel klingt dann ja, weil alle Dämpfer oben sind. Lassen Sie es klingen, bis der ganze Flügel ruhig ist. Wiederholen Sie es. Dann spielen Sie dieselben chromatischen Töne vom Anfang noch mal – und Sie werden sehen, dass der Ton, den Sie ausgewählt hatten, nun der lauteste ist.
Ja? Warum?
Wenn Sie bei getretenem Pedal einen Ton anschlagen, fängt durch das Hochheben der Dämpfer der ganze Resonanzboden zu schwingen an und kriegt dabei eine Energie von diesem Ton. Er wird auf dessen Schwingung eingepegelt, der ganze Boden richtet sich nur nach diesem einen Ton. Geiger wissen das: Ein guter Geiger würde niemals seine Geige verleihen. Wenn jemand anderes darauf spielt, verändert sich das Instrument.
Tennisspieler verleihen auch nicht ihren Schläger.
Sehen Sie, das ist überall das Gleiche. Auch bei Autos. Wir hatten mal einen Kollegen, der hat den Firmenwagen ziemlich ruppig gefahren. Wenn Sie sich anschließend ins Auto gesetzt haben, hat alles gehakt. Es hat überall mit Energie zu tun, die auf Mechanik wirkt. Man kann einen Flügel gleichmäßig einspielen, indem man einen schwächeren Ton immer etwas stärker anschlägt. Das Instrument verändert sich dadurch, wie es gespielt wird. Das ist keine Esoterik, es ist Mechanik, es ist Akustik, es ist Physik.
Können Sie auch hören, wer einen Flügel gestimmt hat?
Also unter meinen Kollegen höre ich das sofort. Hundertprozentig. Es gibt leider zu wenig gute Klaviertechniker, aber wenn ich im Radio eine Aufnahme höre und merke, der Flügel klingt gut, dann drehe ich laut und rate. Ich würde mir nicht zutrauen, den Pianisten zu raten, aber ich rate den Techniker. Und ich habe eigentlich immer recht. Man kann diesen ganz bestimmten Klangcharakter hören. Ich kann auch die Nationalität der Person raten, die ein Klavier gestimmt hat.
Echt?
Ein Italiener stimmt einen Flügel vollkommen anders als ein Japaner.
Stimmt ein Deutscher besser für Bach, ein Franzose für Debussy?
Wenn die deutschen Klavierstimmer das Risiko eingehen würden, aus der vorgeschriebenen Flügelnorm herauszutreten, dann würde ich sagen: ja. Aber dieses Normdenken der Deutschen hemmt. Geographisch liegen die Schweizer ideal fürs Klavierstimmen. In Japan beispielsweise stimmen sie zu ängstlich. Wenn man da für ein Problem eine Lösung außerhalb der Steinway-Norm vorschlägt, werden sie lieber mit dem Problem weiterleben. Ein Instrument muss auseinandergestimmt werden, um zu klingen, das ist so. (Breitet die Arme aus.) Aber das würden Japaner nie machen. Viel zu riskant.
Wie kommt man darauf, Klavierstimmer zu werden? Was haben Ihre Eltern gemacht?
Mein Vater war bei der Bank, meine Mutter Hausfrau. Ich habe Klavier gespielt. Aber wie ich auf diese Idee kam, weiß ich nicht. Ich kann Ihnen aber noch den Tag sagen. Mit 13 Jahren dachte ich auf einmal: Das ist es! Es war ein Samstag. Eine verpatzte Mathematikklausur. Und ich dachte: Das reicht mir! Ich werde Klavierstimmer. Mein Vater hat gesagt, okay. Und dann habe ich mich bei Steinway beworben.
Hatten Sie denn einen Steinway zu Hause?
Nein. Aber ich war einmal mit meinem Vater am Wochenende in Hamburg, und wir standen in dem Klaviergeschäft in den Colonnaden, und ich sah meinen ersten Steinway. Das war unbeschreiblich. Das war für mich wie pure Magie. Allein schon die Klappe mit dem Emblem darauf, das war für mich wie Strom. Seitdem ist das wie ein Sog, bis heute.