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„Das Parfüm“ wird verfilmt Ein Duo, das sich gut riechen kann

10.11.2005 ·  Am Rande des Wahnsinns unter dem künstlichen Mond von Barcelona: Tom Tykwer und Bernd Eichinger verfilmen Patrick Süskinds Welterfolg „Das Parfüm“. Ein erster Drehbericht.

Von Michael Althen, Barcelona
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„Außen Nacht“ - das sagt sich so schön, daß es in Frankreich sogar mal einen Film gleichen Titels gab, aber wenn im Drehbuch „Außen Nacht“ steht, dann bedeutet das beim Drehen einen Aufwand, bei dem man sich wie bei allen Kinoanstrengungen immer wieder fragt, ob und wie er eigentlich im Verhältnis steht zu dem, was man später dann auf der Leinwand sieht.

Außen Nacht also, eine von schätzungsweise über zweihundert Szenen, irgendwo in der Mitte der Verfilmung von Patrick Süskinds Welterfolg „Das Parfüm“, irgendwo am Nordrand von Barcelona, wo die Nächte noch lau sind. Die Szene soll auf der Terrasse des Anwesens des Kaufmanns Richis spielen, das in der Vorlage in Grasse liegt, aber in Barcelona kostengünstiger zu haben war. Außerhalb der Ringautobahn Ronda de Dalt liegt der Parc del Laberint d'Horta, ein hübsches neoklassisches Gartenlabyrinth, das der Architekt Domenico Bagutti im 18. Jahrhundert hinter dem Palais des Joan Antoni Desvalls, dem Marques de Llupia i d'Alfarras, angelegt hat. In den Siebzigern wurde der Park renoviert, das Gebäude selbst ist in weniger gutem Zustand, aber als Kulisse fürs Kino gibt es einiges her.

Mitten im Kostümgeflatter

Wir schreiben das Jahr 1766, im Hause des Kaufmanns Richis wird der sechzehnte Geburtstag der alabasterhaften Tochter Laura gefeiert, die natürlich noch nichts vom gräßlichen Geschick weiß, das ihr der mörderische Held Jean-Baptiste Grenouille bereiten wird. Die Torte mit den Kerzen wird hereingetragen, die Festgesellschaft applaudiert, der Vater (Alan Rickman) hält eine Ansprache, die Tochter (Rachel Hurd-Wood) ist entzückt - all das schreibt sich so leicht und bedeutet fürs Kino eine enorme Kraftanstrengung.

Die Dutzende von Komparsen wollen eingekleidet sein, die Kamera muß den Weg der Torte einfangen, die Kerzen dürfen nicht ausgehen, und die Schauspieler sollen im rechten Moment ihren Rollen entsprechen. Da gibt es eine Probe und noch eine, und dann klappt es beim ersten Mal nicht und beim zweiten auch nicht und ist doch alles der ganz normale Wahnsinn des Filmemachens. Auf der Terrasse, wo sich vor und hinter der Kamera alle auf den Füßen stehen, herrscht das übliche Auf und Ab von totaler Anspannung, wenn die Kamera läuft, und hektischer Betriebsamkeit danach, wenn für den nächsten Take nachgebessert wird, hier gezupft, dort gepudert, ein Wort mit den Schauspielern, eine Anweisung für die Komparsen, ein Austausch mit dem Kamerateam. Und noch mal: Torte, Kerzen, Kamera, Ansprache, Mädchengeschnatter, Kostümgeflatter. Danke. Und noch mal.

Undurchdringliches Chaos

Über allem hängt ein großer Leuchtstoffballon, der wie ein Vollmond die katalanische Nacht erhellt, auf den Mauern sitzen Pfauen, die sich in ihrem Schlaf durch nichts stören lassen, und dazwischen stehen die deutschen Journalisten. Gestern waren die aus Lateinamerika da, und morgen kommen die aus Resteuropa - und sie starren alle beklommen wie ungebetene Gäste auf das undurchdringliche Chaos, das doch einer geheimen Ordnung gehorchen muß, in deren Mitte der Regisseur Tom Tykwer oder der Produzent Bernd Eichinger stehen, je nachdem, wie man die Hierarchien des Filmemachens deutet. Jedenfalls sitzen die beiden einträchtig vor dem Monitor, der zeigt, was die Kamera sieht, umgeben von jenem Bannkreis der Macht, der im Kino die Verhältnisse regelt. Die Nähe von Regisseur und Produzent wäre bei jedem Film ungewöhnlich - in diesem Fall ist sie womöglich die Grundbedingung einer erfolgreichen Zusammenarbeit.

Um dieses besondere Verhältnis zu verstehen, muß man zwanzig Jahre zurückgehen, als ein Mann, der sich als „Autor von kürzeren unveröffentlichten Prosastücken und längeren unverfilmten Drehbüchern“ bezeichnete, einen Roman schrieb, der sich neun Jahre lang auf den Bestsellerlisten hielt und mittlerweile weltweit mehr als fünzehnmillionenmal verkauft wurde. „Das Parfüm“ von Patrick Süskind war damit natürlich auch fürs Kino interessant geworden, doch der Autor war gegen die Verlockungen des Geldes immun und scheute ohnehin jede Art von Rampenlicht. Er ließ alle abblitzen, von Spielberg bis Scorsese, und träumte allenfalls davon, daß sich Stanley Kubrick der Sache annähme, ein Regisseur, der ähnlich zurückgezogen und perfektionistisch arbeitete. Vielleicht weil dieser Traum nach Kubricks Tod nicht mehr in Erfüllung gehen konnte, gab Süskind vor vier Jahren endlich dem Drängen seines Freundes Bernd Eichinger nach und überließ ihm die Filmrechte für eine Fabelsumme, die bei zehn Millionen Euro liegen soll.

Unter immensem Erfolgsdruck

Das ist selbst für jemanden, dessen größter Erfolg die Literaturverfilmung „Der Name der Rose“ war, sehr viel Geld, aber man kann sich ausrechnen, daß dieser einmalige Stoff für Bernd Eichinger die Chance verkörpert, endlich auch weltweit jenes Ansehen zu erlangen, das Deutschlands größtem Produzenten hierzulande schon lange zuteil ist. Wie man am „Untergang“ sehen konnte, hat der Mann Ambitionen, die über den bloßen Erfolg hinausgehen. Was lag also näher, als einen jener renommierten Regisseure für sein Projekt zu gewinnen, deren Namen schon länger gehandelt wurden: Ridley Scott und Tim Burton, Jean-Jacques Annaud, Jean-Pierre Jeunet und Julian Schnabel waren im Gespräch - letzterer soll sogar ein Drehbuch geschrieben und Johnny Depp für die Hauptrolle vorgesehen haben. Statt dessen machte Tom Tykwer das Rennen, der zwar auch international einen guten Namen hat, aber mit einem Projekt dieser Größenordnung auch noch nicht zu tun hatte. Die Frage ist also, warum Bernd Eichinger, der unter immensem Erfolgsdruck steht, in diesem Fall auf Risiko gesetzt hat.

Daß die Entscheidung etwas mit Nationalstolz zu tun haben könnte, weist er gleich weit von sich: „Aus solchen Erwägungen heraus wähle ich keine Regisseure. Nicht daß mich das nicht freuen würde, daß wir hierzulande jemanden gefunden haben - was zählt, ist aber, daß ich Tom für diesen Film für den besten Regisseur halte. Seine Filme sind sehr visionär, und er hat etwas Zupackendes, ohne daß er es zerbricht. Das Problem bei den anderen Regisseuren war, daß ich nicht herausfinden konnte, was die eigentlich mit dem Stoff machen wollten. Die fanden das Buch faszinierend, aber der Verdacht lag nahe, daß sie das Ganze ausschließlich als Thrillerplot inszeniert hätten. Tom und ich hatten von Anfang den gleichen Zugang, daß man die Dinge vor allem in der Psychologie der Hauptfigur herausarbeiten muß.“

Auf derselben Wellenlänge

Die beiden waren also auf derselben Wellenlänge und haben zusammen mit Andrew Birkin das Drehbuch geschrieben. Trotzdem geriet das Projekt nochmal ins Schlingern, weil zwar viele Stars für die Hauptrolle gehandelt wurden - von Leonardo Di Caprio bis Johnny Depp -, aber letztlich keiner zusagen wollte oder konnte. Fast sah es so als, als würden die auf ihr Image bedachten Schauspieler vor der Radikalität des autistischen Charakters Grenouille zurückschrecken, der die Welt nur über den Geruch wahrnimmt und seiner olfaktorischen Leidenschaft frönt, indem er Mädchen ihres Geruchs wegen ermordet. Im Grunde waren die Absagen ein Glück, weil sich die Figur, die ohne ihre Düfte unsichtbar bleibt, von einem Namenlosen eigentlich besser spielen läßt. Man fand den fünfundzwanzigjährigen Engländer Ben Whishaw, der erst wenige Filme gedreht, aber als „Hamlet“ in London Furore gemacht hat.

Der junge Mann, der in fast jeder Szene des Films zu sehen sein wird, aber an diesem Abend drehfrei hat, muß trotzdem zum Parc del Laberint, um sich den Journalisten zu zeigen. Tatsächlich ist er im wirklichen Leben von einer Nervosität beseelt, als wolle er sich hinter seinen fahrigen Bewegungen unsichtbar machen, und obwohl sein Blick bevorzugt zu Boden gerichtet ist, strahlt Whishaw eine gewisse Intensität aus, die sich auf der Leinwand durchaus in Präsenz verwandeln könnte. „Ich dachte eigentlich nicht, daß ich die Rolle kriege“, sagt er, „ich hatte geglaubt, daß Orlando Bloom oder Di Caprio sie spielen. Erst sechs Monate später habe ich den Vertrag unterschrieben. Es war wohl sehr schwer, das viele Geld für den Film aufzutreiben mit einem unbekannten Hauptdarsteller wie mir. Bernd hat mich zuerst ein bißchen eingeschüchtert. Er hat so was, was einem etwas Angst machen kann, aber je näher man ihn kennt, desto besser kommt man mit ihm zurecht.“

Warum Eichinger nicht selbst Regie führt

Man kann sich das leicht vorstellen, daß der zerbrechliche Whishaw von dem forschen Produzenten eingeschüchtert war, aber man tut Eichinger unrecht, wenn man in ihm nur den Rammbock sieht. Der Mann weiß sehr gut, wo seine Grenzen sind und warum er beispielsweise bei diesem Herzensprojekt nicht selbst Regie führt: „Es ist nicht so meine Stärke, einen Film zu inszenieren, der sich gleichsam schwebend entfalten muß. Ich bevorzuge als Regisseur das Melodram. Die Nähe zu Tom ergibt sich aus der Komplexität des Themas, und wir haben ja auch das Drehbuch zusammen geschrieben. Wir kommen nicht aus verschiedenen Richtungen, wir ergänzen uns. Die Inszenierung ist seine Sache.“

Tom Tykwer sieht das offenbar genauso. „Der Bernd“, sagt er, „hat ja auch siebzehn Jahre Vorsprung bei diesem Projekt.“ Wenn ihm die fünfundsiebzig Drehtage und angeblichen sechzig Millionen Euro Produktionskosten angst machen, dann läßt er es sich jenseits von Müdigkeit und Anspannung zumindest nicht anmerken - schon gar nicht, wenn Journalisten am Set sind. Immerhin gibt er zu: „Ausstattung und Requisite sind mittlerweile am Rande des Wahnsinns.“ Aber das ist schließlich Aufgabe des Regisseurs, am Rande dieses Wahnsinns das Bild im Kopf zu behalten, das er sich irgendwann von dem Film gemacht hat.

„Außen Nacht“, das heißt auch: Vor dem Morgengrauen wird er nicht ins Bett kommen. Und am Ende wird die Szene im Film ein paar Sekunden dauern: Torte, Kerzen, Ansprache. Dafür stehen ein gutes Jahr vom Kinostart entfernt Dutzende von Leuten in Kostümen unter einem künstlichen Mond in der Nacht von Barcelona. Das ist der rechte Moment, die idiotischste aller Fragen zu stellen, wie Tykwer die Gerüche im Film zum Leben erwecken will? Die Antwort ist einfach: „Das Buch hat auch nicht gerochen - mehr hab' ich dazu nicht zu sagen.“

Quelle: F.A.Z., 10.11.2005, Nr. 262 / Seite 39
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