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: Das dritte Leben der alten Dame

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"Wenn es in Deutschland noch ein Kino gibt, auf das die schöne alte Bezeichnung ,Filmtheater' zutrifft, dann ist es die Lichtburg in Essen." Das sagte der Berlinale-Chef Dieter Kosslick 1998, als er noch ...

          "Wenn es in Deutschland noch ein Kino gibt, auf das die schöne alte Bezeichnung ,Filmtheater' zutrifft, dann ist es die Lichtburg in Essen." Das sagte der Berlinale-Chef Dieter Kosslick 1998, als er noch Geschäftsführer der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen war und dem größten Einzelkino in Deutschland zum siebzigstenGeburtstag gratulierte. Doch selbst wenn er damals einen Landesbonus gewährt haben sollte, fünf Jahr später bedürfte es dessen nicht mehr, denn inzwischen erstrahlt die Lichtburg in neuem, originalgetreuem Glanz: Die große alte Dame unter den deutschen Filmpalästen, 1928 geboren, 1943 schwer verletzt und 1950 wieder voll genesen, beginnt ihr drittes Leben.

          Daß ihr das vergönnt sein würde, schien damals, an jenem Siebzigsten, als ihre Existenz noch an Galgenfristen geknüpft wurde, wenig wahrscheinlich. Zwar waren Überlegungen der Stadt Essen, den fünfgeschossigen Komplex am Südrand des Burgplatzes, einen - nach dem Entwurf des Beigeordneten Ernst Bode - plastisch akzentuierten Baukörper in der Architektursprache der Neuen Sachlichkeit, an einen Investor zu verkaufen, 1995 gescheitert: Denkmalschützer und eine Bürgerinitiative wandten sich gegen die Pläne, das stadtbildprägende Gebäude einer Shopping-Mall zu opfern, und wurden von Prominenz aus der Filmbranche, von Mario Adorf bis Wim Wenders, unterstützt. Doch hatte der Rat der Stadt 1998 den "Tendenzbeschluß" gefaßt, das Kino zum Konzerthaus umzubauen.

          Von "der hinhaltenden Politik der Stadt" vergrätzt, kündigte die Ufa als damalige Betreiberin zum 31. März 1998 den Pachtvertrag und verabschiedete sich vielsagend mit "Titanic". So eröffnete sich die Chance einer Zwischenlösung, zu der sich, ziemlich überraschend, zwei führende Akteure der Bürgerinitiative bereit fanden. Marianne Menze und Hanns-Peter Hüster, deren Essener Filmkunsttheater GmbH fünf anspruchsvolle Häuser betreibt, verpaßten der maroden Immobilie eine Mindestsanierung und legten ein Programm auf, das an die große Tradition des Premierenkinos anzuknüpfen versuchte: Als am 3. September 1998 Pierce Brosnan zur Deutschland-Premiere von "The Nephew" nach Essen kam, war die Lichtburg erstmals wieder ausverkauft und etwas von ihrem Glamour zurückgekehrt. Die Essener begannen, sie als "unser Kino" wiederzuentdecken, und ihr Interesse zog immer weitere Kreise. Als der Oberbürgermeister dann Anfang 2000 zu einem offenen Forum in den Ratssaal rief, hielten Wim Wenders und Wolfgang Niedecken, die in der Lichtburg ihren "BAP-Film" gedreht haben, flammende Plädoyers. Davon ließ sich sogar die Politik beeindrucken: Ihre Entscheidung, das Haus von Grund auf zu sanieren und seine Büroräume der Volkshochschule, die nebenan einen Neubau erhält, zuzuschlagen, soll auch die Belebung der Innenstadt befördern.

          Stadtentwicklung - das war schon für die Gründung der Lichtburg ein Motiv gewesen. Denn 1928 zählte Essen bereits 24 Kinos, gut ein Drittel davon in der Innenstadt, wo mit der zweitausend Besucher fassenden Schauburg auch - so die Werbung - der "Koloß der Lichtspieltheater Deutschlands" stand. Zehn Minuten entfernt ein zweites Haus dieser Größenordnung zu eröffnen schien riskant und war vor allem dem Bedürfnis geschuldet, sich endlich als Großstadt darzustellen. Die war Essen erst 1896 geworden, doch schon 1925 war die Einwohnerzahl auf 475 000 explodiert. Urbanes Flair aber hatte die schon damals größte Stadt des Ruhrgebiets keines vorzuweisen. "Aha, das ist die Vorstadt. Solches sagt man sich bei der Ankunft in Essen an der Ruhr. Denn die Gassen sind so eng, daß die Elektrische oft nur eingleisig fahren kann, wogegen das Posthaus und das Bürohaus ,Handelshof' respektable Ausmaße haben", wunderte sich Egon Erwin Kisch, als er 1924 die Stadt besuchte. Dabei hatte der rasante wirtschaftliche Aufschwung die Stadt zu einem Wohlstand kommen lassen, mit dem sie nicht länger hinter den Kohlebergen halten wollte. Die Altstadt sollte Geschäfts- und Unterhaltungsviertel, der Reichtum endlich gezeigt und in anspruchsvollen Gebäuden verewigt werden. Große Lichtspielhäuser galten als Synonyme für urbanes Leben: "Sie als ,Kinos' zu bezeichnen wäre despektierlich. Gepflegter Prunk an der Oberfläche ist das Kennzeichen dieser Massen-Theater", analysierte Siegfried Kracauer 1926, "Geschmack hat über den Dimensionen gewaltet und im Bunde mit einer hochgezüchteten kunstgewerblichen Phantasie die kostbare Ausstattung geschaffen. Aus dem Kino ist ein glänzendes revueartiges Gebilde herausgekrochen: das Gesamtkunstwerk der Effekte." Dem sollten auch in Essen Architektur, Ausstattung und Ambiente entsprechen: mit einer Kuppel, die mit 20 Metern Durchmesser alle anderen deutschen Theaterbauten überragte, mit Farblichtspielen, die das Publikum im Saal in unterschiedlichste Stimmungen versetzen konnten, mit der größten Wurlitzer-Kinoorgel Europas, hundertfünfzigtausend Reichsmark teuer, die zur Eröffnung am 18. Oktober 1928 spielte, gefolgt von dem kinoeigenen dreißigköpfigen Orchester und einem Jazz-Duett.

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