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Dienstag, 18. Juni 2013
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„Da Vinci Code“ Alle sind erleuchtet

 ·  Der „Da Vinci Code“ kommt ins Kino, und die Kirchen fürchten sich. Doch es kann gar nichts passieren. Dan Brown füttert uns mit Spiritualität, Gewißheit und Bildung und stillt die Sehnsüchte nach abendländischer Kultur.

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Es ist schon beeindruckend, wie sehr im Moment die Augenbrauen hochgezogen werden; wie betont herablassend vor allem Theologen und Kunsthistoriker sich erneut zu Dan Browns Bestseller „Sakrileg“ zu Wort melden, weil Schreckliches droht: Die Romanverfilmung kommt diese Woche in die Kinos.

Nach sechzig Millionen verkauften Exemplaren wird der Stoff - mit Tom Hanks, Audrey Tautou und Jean Reno in den Hauptrollen - also mindestens noch einmal so viele Kinozuschauer erreichen. Da scheint es notwendig, den Autor des „Da Vinci Codes“ besonders kleinzumachen, ganz so, als wäre er eine Witzfigur.

Leonardo und die großen Jungs

„Shame on you!“ rumpelte Salman Rushdie vor einiger Zeit noch in das Mikrophon eines amerikanischen Hörsaals und meinte damit die Dan-Brown-Leser, weil er „Sakrileg“ für so schlecht hielt, daß schlechte Bücher dagegen gut wirkten. Das war wenigstens direkt. Jetzt dagegen geht es eher sophisticated zu. Beiläufig wird erwähnt, daß Dan Browns Helden „freilich viel dummes Zeug“ erzählten. Oder man macht sich, wie vergangene Woche der Kunsthistoriker Frank Zöllner in der „Zeit“, ironisch über das „hermeneutische Anspruchsniveau“ Dan Browns lustig - um selbst kräftig auszuholen und im Überbietungsgestus zu erklären, worum es auf Leonardo da Vincis Gemälden, die Gegenstand des Romans sind, „wirklich geht“, und daß da Vinci nicht, wie im Buch behauptet, das Weibliche verehrte, sondern „in Wahrheit die großen Jungs“.

Die „Wahrheit“, die eine Deutungshoheit ist und um die auch der Vatikan bangt, wenn er um Himmels willen verhindern will, daß Dan Browns frevlerisches Wissen den Glauben seiner Anhänger erschüttert, diese Wahrheit steht tatsächlich aber gar nicht auf dem Spiel. Die Einflußangst ist völlig übertrieben. Dan Brown mag eine Verschwörungstheorie aufgegriffen und weitererzählt haben. Doch heißt das noch lange nicht, daß sämtliche Leser und ein großes Kinopublikum ihr auch anheimzufallen drohen.

Man will nicht mehr aufhören

Es geht einem ja auch nicht so, wenn man den Roman liest. Und doch gerät man hinein in diesen Sog, stolpert anfangs über die merkwürdig erwartbaren Satzkonstruktionen, deren Redewendungen wie in einem abrufbaren Computerschreibprogramm vorgefertigt erscheinen, gewöhnt sich aber schnell daran und will einfach nicht mehr aufhören - bis zur letzten Seite.

Dieser Sog hat wenig damit zu tun, daß hier ein Geheimnis enthüllt und behauptet wird, welches, wenn es sich bewahrheitete, nicht weniger als die Grundlagen des Christentums zerstören würde. Dann wäre man viel erstaunter. Dann würde man zwischendurch vielleicht mal aufstehen und zum Lexikon gehen, um nachzuprüfen, ob die Thesen überhaupt annähernd stimmen könnten. Auf diese Idee kommt man aber gar nicht. Man bleibt liegen, sitzen, liest weiter.

Paradoxe Sehnsüchte

Der „Da Vinci Code“ ist kein neuestes Testament. Nicht die Verkündigung der vermeintlichen „Wahrheit“ ist es, die einen festhält. Es sind die paradoxen Sehnsüchte, die Dan Brown aufzugreifen vermag - die eigenen paradoxen Sehnsüchte und offenbar auch die von ein paar Millionen anderen. Anstatt mühsam Schadensbegrenzung zu betreiben, Verbote auszusprechen oder ausführlich darzulegen, wie sehr Dan Brown andere in die Irre führen und Macht über sie gewinnen könnte, sollte man sich also lieber auf sich selbst besinnen. Möglicherweise nämlich haben wir genau die gleichen Sehnsüchte wie Dan Brown. Und spätestens dann wäre es für alle besser, er wäre keine Witzfigur.

Den Film hat bisher kaum jemand gesehen. Denn die Geheimhaltung gehört zur Verkaufsstrategie. Als vor gut zwei Monaten Ron Howard, Regisseur und Oscar-Preisträger für „A Beautiful Mind“, Berlin besuchte, um 35 Minuten seines „Da Vinci Codes“ zu präsentieren, ging es am Potsdamer Platz zu wie am Flughafen: Sämtliche Taschen, Mäntel und Mobiltelefone mußten abgeben, es mußte per Unterschrift versichert werden, daß man nichts über die Bilder verraten würde. Mit Headsets ausgestattete Hostessen schleusten die Gäste durch Metalldetektoren in den Kinosaal - und es fehlte eigentlich nur noch, daß man beim „Piep“ auch die Stiefel hätte ausziehen müssen.

Sehr nah an dem Roman

Selbst wenn man gewollt hätte, wäre über die 35 Minuten Vorabfilm allerdings nur wenig zu sagen gewesen: Atemlos sah man Jean-Pierre Marielle als Direktor des Louvre durch die dunklen Museumssäle vor seinem Mörder fliehen und in der „Grande Galerie“ sterben. In einer wilden Rückwärtsfahrt kurvte Audrey Tautou am Steuer eines Smart mit Tom Hanks auf dem Beifahrersitz durch die Pariser Straßen. Und als der Opus-Dei-Jünger und Mörder Silas geißelte Paul Bettany sich mit brutalen Peitschenhieben und blutig ins Fleisch schneidenden Bußgürteln selbst. Die Sequenzen waren zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht richtig geschnitten, also völlig durcheinander. Trotzdem meinte man, alles bereits aus dem Buch zu kennen. Und so ließen die gezeigten Ausschnitte zumindest eine Vermutung zu: daß der Film sich sehr nah am Erzählverlauf des Romans orientiert. Genau das muß er auch, wenn er mit dem Buch überhaupt mithalten will. Denn ohne seine Erzählstrategie, ohne die Dramaturgie der fortwährenden Cliffhanger, ist Dan Browns Erfolg gar nicht zu denken: Schritt für Schritt wird das dunkle Puzzle zusammengesetzt.

Dan Brown ist der Sohn eines agnostischen Mathematikers und einer gläubigen Kirchenorganistin. Das sei das paradoxe Umfeld, in dem er aufgewachsen sei, hat er einmal gesagt. Er habe schon immer an Gott glauben wollen, sei aber bis heute damit beschäftigt, diesen Wunsch mit wissenschaftlichen Erkenntnissen in Einklang zu bringen. Will man die sich widersprechenden Sehnsüchte erklären, die „Sakrileg“ anspricht und zu stillen vermag, ist genau das die entscheidende Information. Denn um nichts anderes geht es: um das beim Lesen aufgehobene Paradox von Spiritualität und Erkenntnis.

Legende und Logik

Dan Brown gibt seinen Lesern etwas, woran sie glauben können, und liefert zugleich die Versicherung mit, daß das, woran sie da glauben, auch begründet ist. Er erzählt eine Legende: Jesus war mit Maria Magdalena verheiratet und hatte Kinder mit ihr, die in Frankreich, wohin die Frau - der Gral, die Trägerin der Frucht - entkommen konnte, eine Blutlinie bildeten, die von den Merowingern über die Tempelritter und den Geheimbund Prieure de Sion bis auf den heutigen Tag überlebt hat; ein Geheimbund, dem auch Geistesgrößen wie Isaac Newton, Victor Hugo und eben Leonardo da Vinci angehörten. Er nennt das Ganze aber nicht „Die da Vinci Legende“, sondern spricht vom „Da Vinci Code“. Also unterlegt er der Geschichte eine mit wissenschaftlichen Mitteln zu entschlüsselnde Logik.

Diese behauptete Wissenschaftlichkeit hat nun aber wenig damit zu tun, daß der Autor im Vorwort seines Romans beansprucht, die im Roman erwähnten Werke der Kunst und Architektur und alle Dokumente seien „wirklichkeits- beziehungsweise wahrheitsgetreu wiedergegeben“. Wäre man etwas cooler als die großen Kirchen, würde man diese mit „Fakten und Tatsachen“ überschriebene Bemerkung als bloße Herausgeberfiktion verbuchen. Denn was in „Sakrileg“ Gewißheit schafft, ist nicht die vermeintliche Authentizität der Quellen. Es ist die durch die Erzählung selbst hergestellte Logik des „Codes“.

Eine riesige Weihnachtsfeier

Sein Vater, der Mathematiker, sagt Dan Brown, habe bei ihm früh die Faszination für Anagramme und Chiffren geweckt: „Bei uns lagen an Weihnachten die Geschenke nicht einfach unter dem Christbaum. Sie waren versteckt. Vater verschlüsselte den Fundort in Bilder- oder Zahlenrätseln. Die mußten wir knacken.“ Nichts anderes tun in „Sakrileg“ der Symbolforscher Robert Langdon, die Kryptologin Sophie Neveu - und mit ihnen die Leser. Der Roman ist eine einzige riesige Weihnachtsfeier im Hause Brown. Fortwährend wird dechiffriert, zuallererst die Botschaft, die der Museumsdirektor im Todeskampf hinterließ („O Draconian Devil! Oh Lame Saint!“) als Anagramm von „Leonardo da Vinci! The Mona Lisa!“.

So geht es von einem Rätsel zum anderen, von einem Schauplatz zum nächsten. Lesend vollzieht man alles logisch und räumlich nach. Dan Brown also zaubert aus obskuren Quellen eine Legende hervor - und stellt durch den von ihm unterstellten Code Evidenz her. Die behauptete Ordnung ist damit fundiert.

Der traditionelle Bildungskanon

Das ist der so glänzend umgesetzte Trick. Nur besteht der Code eben nicht aus mathematischen Formeln, sondern aus Bilder- und Buchstabenrätseln, mit denen mit aller Wucht die Kunstgeschichte, die Bilder Leonardo da Vincis, der Louvre oder die Kirchen Englands ins Spiel kommen. Und vielleicht ist das überhaupt der Witz des ganzen „Sakrilegs“: Die Ordnung, die im Buch zur Gewißheit führt, ist keine neue, sondern eine sehr alte: nämlich der traditionelle Bildungskanon.

Museumsartig werden einem - während man sich mit den Helden der Geschichte von einer Chiffre zur nächsten hangelt - mal eben die großen Kunstschätze des Abendlandes vorgeführt; diejenigen, von denen es immer heißt, daß sie jeder gesehen haben muß. Damit schlägt Dan Brown im Grunde gleich drei Fliegen mit einer Klappe: Er füttert seine Leser mit Spiritualität, Gewißheit und Bildung. Und er stillt die großen Sehnsüchte nach abendländischer Kultur - nach denen bemerkenswerterweise auch in Amerika die Nachfrage groß zu sein scheint. Erstaunt über den eigenen Eifer, saugt man das Ganze in zwei Nächten weg und bleibt nicht gerade alarmiert zurück: Wenn drei Dinge, die man sucht, auf einmal zusammenkommen, hat das eine ausgesprochen beruhigende Wirkung.

Unglaublich harmlos

Eben das macht den „Da Vinci Code“ - entgegen allen Befürchtungen - zugleich aber auch so unglaublich harmlos. Die Evidenz ist ein bloßer Effekt. Denn Legende und Code funktionieren nur in ihrer Verschränkung. Löst man das eine vom anderen, gerät das ganze System ins Wanken, und sehr schnell glaubt man dann gar nichts mehr.

Enttäuschte Leser, die an die Originalschauplätze nach Paris und London reisten, mit dem Buch in der Hand Orte wie die in Vor-Brown-Zeiten so wunderbar verschlafene Kirche Saint-Sulpice aufsuchten und von Kirchenböden die Teppiche wegrissen, mußten während der vergangenen Monate jedenfalls feststellen, daß sich unter den Böden weder Schlußsteine, Davidsterne noch gar der Gral verbargen. Da war gar nichts. Trotzdem werden sie sicher eine schöne Reise gehabt haben. Enttäuschte Detektive sind schließlich auch welche. Und immerhin kamen sie so dem Romanautor Dan Brown auf die Spur.

Daß es anläßlich des bevorstehenden Filmstarts in den Vereinigten Staaten Boykottaufrufe gibt, ein philippinischer Staatssekretär ein Verbot des Films gefordert hat und Opus Dei vergeblich einen Warnhinweis im Vorspann forderte, der den Film zur „reinen Fiktion“ erklärt; all das kommt einem schon merkwürdig vor. Es sollten sich lieber alle mal beruhigen. Tatsächlich kann gar nichts passieren. Die große dreifache Dan-Brown-Sehnsucht nach Spiritualität, Gewißheit und - nun ja - offenbar auch Bildung, dürfen wir uns aber ruhig eingestehen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.05.2006, Nr. 19 / Seite 27
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