Das Publikum ist überall. Vor ein paar Jahren noch konnte man auf dem Weg zwischen den weit auseinander liegenden Festivalkinos durch Toronto laufen und merkte kaum, dass hier das größte nordamerikanische Filmfestival stattfand. Seit das Festival sein eigenes Haus, das auch die Cinematheque beherbergt und dessen Kinos während des ganzen Jahres bespielt werden, bekommen hat und sich inzwischen fast ausschließlich um dieses Tiff Bell Lightbox genannte Gebäude abspielt, scheint das Festival dieser Tage das einzige Ereignis in Toronto zu sein. Man bleibt im selben Viertel, und da schlängeln sich um jede Ecke herum die Wartenden vor den Kassen und den Kinos, ihre Geduld ist überirdisch wie die Freundlichkeit der mehr als zweitausend freiwilligen Helfer. Manchmal hört man von nah oder ferner ein Gebrüll. Dann hat ein Star sich blicken lassen. Oder auch eine kleine Stararmee wie bei der Premiere von „Cloud Atlas“ mit seinen drei Regisseuren und dreizehn Hauptdarstellern. Ausgebuht wird so leicht keiner hier.
Toronto war immer ein Publikumsfestival. Es gibt keinen Wettbewerb und keine Jury außer der, die über den Publikumspreis abstimmt, die ganz große Jury also, die später auch an der Kinokasse darüber entscheidet, was ein Erfolg wird und was nicht. Insofern ist das Festival für das, was in diesem Teil der Welt nur „die Industrie“ heißt, ein zuverlässiger Gradmesser, wie „Slumdog Millionaire“ vor einigen Jahren oder später „Precious“ und „The King’s Speech“ zeigten - nach ihrem Publikumspreis in Toronto Hits und Oscar-Gewinner allesamt. Von den Siegern in Berlin, Cannes oder Venedig lässt sich das nicht sagen.
Im Programm spiegelt sich das wider. Was andere Festivals sich zur Eröffnung oder zum Schluss leisten, blockbusterfähige Filme mit Getöse und Spaß am Spektakel, durchzieht hier die ganze Auswahl. Es gibt sie schon auch, die kleinen Filme aus Usbekistan oder jene an der Grenze zwischen Kino und bildender Kunst, denen eine eigene Sektion gewidmet ist. Aber die Filme, über die geredet wird, sind die anderen, der neue mit Ryan Gosling oder die jüngste Regiearbeit von Ben Affleck. Es geht um sehr viel Geld beim Filmemachen, und kein anderes Festival macht das so deutlich wie Toronto, wo jedem Film nicht ein Festivaltrailer, sondern ein Werbeblock vorgeschaltet ist.
„Cloud Atlas“ war einer der Filme, die am dringlichsten erwartet wurden - das Buch von David Mitchell war vor einigen Jahren ein riesiger Erfolg an der Grenze zum Kult, und die Nachricht, die Geschwister Wachowski, die mit „The Matrix“ etwas nie zuvor Gesehenes auf die Leinwand gebracht hatten, würden, gemeinsam mit Tom Tykwer, dessen „Lola rennt“ ebenfalls bahnbrechend war, das komplizierte, viele hundert Jahre zwischen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und einer postapokalyptischen Zukunft umspannende Werk verfilmen, setzte umgehend Phantasien in Gang: wie das gehen würde, ein Film nach dieser Vorlage und mit drei Regisseuren. Und was das Geld angeht - es war schwierig aufzutreiben, und vor allem deutsches steckt drin.
Man hörte nicht viel darüber, was uns erwarten würde - außer der Besetzung mit Tom Hanks, Jim Broadbent, Hugh Grant, Halle Berry, Jim Sturgess, Ben Wishaw und Susan Sarandon sowie der Koreanerin Doona Bae und der Chinesin Xun Zhou. Doch in der vorigen Woche brachte der „New Yorker“ eine ausführliche Geschichte über die Geschwister Wachowski, über die Zusammenarbeit der drei Regisseure am Drehbuch und über die Dreharbeiten, eine Geschichte, in der Sätze stehen wie dieses Zitat von Tom Hanks: „Das Drehbuch war nicht benutzerfreundlich. Die Anforderungen, die es ans Publikum stellt und überhaupt an jeden, das geschäftliche Risiko, all dies war jenseits des Vorstellbaren.“ Er machte trotzdem mit, weil die Wachowskis nicht davor zurückschreckten zu sagen: „Wir machen Kunst!“ Vorher hatten sie erklärt, Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ habe für ihre Vision vom „Wolkenaltas“ Modell gestanden.
Geglückte Verbindung des Disparaten
Wie wird das auf der Leinwand aussehen, das war die Frage. Am schwierigsten schien bei dem Gedanken an die „Cloud Atlas“-Verfilmung: wie es möglich sein würde, die sechs Geschichten aus verschiedenen Zeiten, die im Buch im ersten Teil jeweils zur Hälfte hintereinander wegerzählt werden, um im zweiten Teil in umgekehrter Chronologie zu Ende gebracht zu werden, im Film miteinander zu verbinden seien. Jetzt, auf der Leinwand, sieht es ganz natürlich aus.
Wenn die Musik uns hilft, ein überlappender Voice-over, das Bild von einem Wasserschwall in der Zukunft in ein Meer im neunzehnten Jahrhundert übergeht, dann sind wir offenbar in der Lage, Verbindungen zwischen Teilen herzustellen, die ansonsten nichts miteinander zu tun haben. Wobei das nicht ganz richtig ist: Verbindungen werden im Film auch dadurch hergestellt, dass die wesentlichen Rollen von denselben Schauspielern gespielt werden: Halle Berry ist eine investigative Journalistin im Jahr 1973 und auch eine der letzten Überlebenden der Apokalypse, dazwischen hat sie einen Auftritt in einer Art koreanischem McDonald’s.
Tom Hanks vor allem ist überall: ein todbringender Arzt auf einem Schiff im neunzehnten Jahrhundert, auf dem er einen Reisenden langsam vergiftet, er ist der Besitzer einer billigen Absteige in England in den Dreißigern, ein Buchautor, der einen Kritiker vom Hochhaus wirft ungefähr zur Jetztzeit in London, und vor allem ist er der, den wir als Erzähler begreifen, der alte Zachary, der auf dem letzten, nicht untergegangenen Zipfel der Welt sitzt, und mit dem Teufel darum kämpft, gut zu sein. Es ist, als fände innerhalb des Materials eine Art Seelenwanderung statt, wobei die Seelen deutlich in Richtung Erleuchtung, Errettung und Erlösung unterwegs sind.
Es gibt eine herrliche Episode um Jim Broadbent, der in der Rolle des Verlegers des todbringenden Buchautors auf der Flucht vor seinen Gläubigern in einem Altenheim landet, in dem Hugo Weaving die dominahafte Aufseherin spielt. In einem anderen Segment sehen wir Halle Berry als viktorianische Hausfrau, Tom Hanks bekommt einmal einen ethnischen Touch - die Grenzen zwischen Rassen und Geschlechtern sind fließend, was in einem Film, in dem jede Geschichte einen romantischen Strang hat und die Liebenden die Botschaft der Freiheit in die Welt tragen, als Hinweis auf die kompliziertere Lage der Dinge willkommen ist.
Von der Graphic Novel über den Kostümschinken, die Klamotte und die schwule Genie-Romanze bis zum Siebziger-Jahre-Thriller über den Stammeskrieg am Ende aller Zeit werden in teilweise rasender Geschwindigkeit alle Genres berührt, während der Film durch die Zeiten hüpft und die einzelnen Geschichten nicht in zwei, sondern in mehrere Fragmente zerschneidet und damit ein hohes Tempo hält. Vielleicht fällt beim zweiten Sehen nicht mehr so auf, dass ein wenig zu häufig von der ewigen Wiederkehr der Dinge die Rede ist.
Tja... denkste...
Tyler Durden Volland (tylerdurdenvolland)
- 13.09.2012, 03:09 Uhr