http://www.faz.net/-gqz-993hb

Claudia Cardinale zum 80. : Die Diva des Südens feiert Geburtstag

  • -Aktualisiert am

1960 verdrehte Claudia Cardinale in dem Film „Das Mädchen mit dem leichten Gepäck“ dem jungen Jacques Perrin den Kopf. Bild: Picture-Alliance

Rita Hayworth weinte bei ihrem Anblick: „Mädchen, ich war auch einmal so schön wie du“. In den Spiegel schaut sie aber weniger gern, als man denkt: Der Filmschauspielerin Claudia Cardinale zum Achtzigsten.

          Es gibt erste Leinwandauftritte von Filmschauspielern, die eher beiläufig erfolgen, wie ein Vorkommnis unter vielen. Bei Claudia Cardinale, der großen Diva aus dem Süden, verhielt sich das immer anders: Da wurde der Moment, wenn sie zum ersten Mal die Szene betrat, stets zum herausragenden Ereignis. Geradezu als Epiphanie, als leuchtende Erscheinung, inszenierten Regisseure sie, die mit einer selbstgewissen Schönheit die Augen aufschlug und damit gleich die höchstmöglichen erotischen Ansprüche an ihr Gegenüber stellte. In Fellinis „8 1/2“ etwa läuft sie barfuß, mit vor der Brust gekreuzten Armen lachend aus einer Waldlichtung hervor, um dem tagträumenden Marcello Mastroianni ein Wasserglas zu reichen. Die Armhaltung ist hier entscheidend, denn sie erzählt vom Gefühl der Freiheit und Selbstbestimmung, das Fellinis Regie ermöglichte.

          In dem „etwas ungewöhnlichen“ Interview, das der dreiundfünfzigjährige Alberto Moravia 1961 mit der dreißig Jahre jüngeren Cardinale führte, in dem es, zwischen expliziter Anzüglichkeit und vornehmer Mäeutik changierend, allein um eine möglichst dichte Beschreibung ihres Körpers ging, spricht die junge Wunderschönheit über ihre Arme als die ihr teuersten Körperteile, weil sie am besten ausdrückten, wer sie sei: „Wenn ich spreche und die Arme nicht bewege, habe ich das Gefühl, nicht alles gesagt zu haben“, erklärt sie und beschreibt offenherzig ihre Lieblingshaltung: „Über Kreuz, mit einer Hand auf der Schulter und das Gesicht ins Profil gedreht; und das Kinn auf der anderen Schulter abgelegt.“

          Während Cardinale also bei Fellini so auftreten durfte, wie sie sich am wohlsten fühlte, waren die Anforderungen bei dem anderen Film, den sie parallel zu „8 1/2“ drehte, das genaue Gegenteil: Luchino Visconti gab seinen Schauspielern bei „Il gattopardo“ bis ins kleinste Detail Haltung und Gestik vor. Kein Alltag, kein Zufall sollte hier Eingang ins Geschehen finden. Der erste Auftritt von Cardinale ist daher so präzise wie genial inszeniert: Statt sie selbst beim Betreten des Ballsaals zu zeigen, lässt Visconti ihren Auftritt zunächst nur auf dem sich schockartig verdüsternden Gesicht ihrer hoffnungslos unterlegenen Nebenbuhlerin spiegeln. Erst danach fährt die Kamera langsam herum und bleibt an dem schnippischen Schmollmund, dem kleinen Muttermal am Hals und den tiefliegenden leuchtend-dunkelbraunen Augen dieser alles dominierenden Verführerin hängen. Nicht immer blieb das darauffolgende Spiel so aufregend wie ihr erster Auftritt; aber in all den Filmen, die Claudia Cardinale im Laufe ihres Lebens gedreht hat, gab es durch sie doch immer zumindest das Versprechen auf etwas Unerhörtes, Funkelndes.

          Mit neunzehn wurde die in Tunis geborene Tochter eines Sizilianers und einer Französin, die eigentlich Volksschullehrerin werden wollte, bei einer Misswahl entdeckt und 1957 zum Filmfestival nach Venedig geschickt. Das italienische Kino, das sich zu diesem Zeitpunkt von seinen Stars Sophia Loren und Gina Lollobrigida mit Hollywood betrogen fühlte, reagierte euphorisch auf die neue Divenhoffnung und besetzte die junge Cardinale exzessiv. Innerhalb von drei Jahren drehte sie vierundzwanzig Filme, ihr Ruhm wuchs schnell, zwängte sie aber auch auf grausame Weise in die gesellschaftlichen Konventionen der Zeit: Dass ihre Produzenten sie damals zwangen, eine Vergewaltigung geheim zu halten und ihren kleinen Sohn als ihren Bruder auszugeben, hat Cardinale erst vor wenigen Jahren in ihrer Autobiographie offengelegt. Es hätte nicht zu dem Bild der unberührt-natürlichen Schönheit gepasst, die sie verkörpern sollte.

          Allerdings hat sie dieses Bilderbuch-Image in ihren besseren Rollen immer konterkariert: An der Seite von Alain Delon in Viscontis neorealistischem Sozialdrama „Rocco und seine Brüder“, als beschwipste Prinzessin in Blake Edwards’ Krimiparodie „Der rosarote Panther“ und als junge, moral- und wortstarke Witwe Jill McBain in Sergio Leones Italowestern „Spiel mir das Lied vom Tod“.

          1982 mit Klaus Kinski in „Fitzcarraldo“ Bilderstrecke

          Die Sinnlichkeit, die Cardinale bei ihrem Spiel ausstrahlte, war nie nur eine des Körpers. Sie fiel zusammen mit dem aufreizenden Gestus ihrer Blicke, der Art, wie sie sprach, mit jener dunklen, rauhen Stimme, die zu der Sanftheit ihrer Bewegung nicht richtig passen wollte und deren mit stark französischem Akzent gesprochenes Italienisch man deswegen eine Zeitlang synchronisierte. Erst bei Fellini durfte sie mit ihrer eigenen Stimme sprechen. Werner Herzog besetzte sie dann 1982 in „Fitzcarraldo“ als abenteuerlustige Bordellbesitzerin Molly, die von Klaus Kinski am Ärmel durch peruanische Hinterzimmer gezerrt wird und ihm bereitwillig den berühmten Dampfer finanziert, der später auf ikonische Weise über den Berg wandert.

          Claudia Cardinale ist die Symbolfigur eines selbstbewussten Südens, der gegen die kühle Berechnung des Nordens mit Gewalt und feuriger Leidenschaft aufbegehrt. So schön war sie, dass man daran verzweifeln konnte. Als Rita Hayworth sie einmal auf einem Filmset traf, brach sie in Tränen aus und schluchzte: „Mädchen, ich war auch einmal so schön wie du.“

          Zu solch melancholischem Pathos lässt sich die Cardinale selbst heute nicht hinreißen: Sie, die gerne damit kokettiert, wie sie Marlon Brando einmal an einer Hoteltür abblitzen ließ, hat sich im Gegensatz zu vielen ihrer Kolleginnen nie um eine künstliche Aufarbeitung ihres Äußeren bemüht. Das Älterwerden werde kein Problem für sie sein, hatte sie schon früh angekündigt, denn sie habe noch nie gerne ständig in den Spiegel geschaut. Dafür hat sie ja auch ihre Filme. Mehr als hundertfünfzig sind es inzwischen – in ihnen ist ihr Spiegelbild in den unterschiedlichsten Zärtlichkeitsgraden eingefangen. Für sie und für uns und für die glückliche Ewigkeit. An diesem Sonntag wird die schönste Schauspielerin unter der Sonne achtzig Jahre alt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Merkel im Bundestag : Ein Satz wie Blei

          Wenn es um Migration geht, bemüht die Kanzlerin stets die Unantastbarkeit der Menschenwürde. Dabei treibt sie nicht nur Multilateralismus, sondern Wiedergutmachung. Das ist Wasser auf die Mühlen ihrer Kritiker. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.