16.02.2006 · China, du könntest es besser: „Isabelle“ im Wettbewerb der Berlinale ist politisch linientreu bis zur Lächerlichkeit. Viel besser hingegen ist „Little Red Flowers“, das im Panorama läuft.
Von Andreas PlatthausChina hat bei dieser Berlinale etwas falsch gemacht, und zwar bewußt. In den Wettbewerb entsandte man zwei Filme: außer Konkurrenz Chen Kaiges „Wu Ji“, einen Flop, dessen Ausmaß noch die Summe übersteigt, die er gekostet hat (siehe auch: Filme von Chen Kaige, Terrence Malick und Michael Glawogger im Berlinale-Wettbewerb), und als regulären Beitrag „Isabella“ von Pang Ho-cheung, eine Pleite nicht viel geringeren Ausmaßes.
Über Pangs Werk läßt sich dreierlei sagen. Erstens: Es ist in einer Weise fotografiert, geschnitten und mit Musik unterlegt, die man entweder als geschmäcklerisch oder geschmacklos bezeichnen kann. Zweitens: Hinter der kalten Glätte des ästhetischen Konzepts steht eine Handlung, die man schon tausendfach im asiatischen Kino gesehen zu haben glaubt. Rauhbeiniger Polizist mit eigenen kriminellen Ambitionen wird durch die Begegnung mit einer jungen Frau geläutert. Drittens: Der Film ist politisch linientreu bis zur Lächerlichkeit.
Die Botschaft ist klar
Nicht nur, daß Inspektor Ma sich brav seiner Verantwortung stellt, um das Mädchen, in dem er seine Tochter vermutet hat, nicht zur gemeinsamen Flucht ins Ausland zu zwingen. Nein, die Geschichte ist auch noch unterlegt mit Nachrichtentexten aus Macau, dem Handlungsort des Films. Alle stammen aus dem Jahr 1999, an dessen Ende die bis dahin portugiesische Stadt an China zurückgegeben wurde. Und alle Nachrichten berichten von der Korruption der den Portugiesen unterstellten Polizei von Macau. Die Botschaft ist klar: Mit Chinas Oberhoheit kommt die Ordnung zurück, und die Läuterung von Inspektor Ma ist die Allegorie dazu.
Vielleicht muß man in China so drehen wie Chen oder Pang, um es in die Hauptkonkurrenz eines großen Festivals zu schaffen. Und vielleicht muß man es als Strafe für einen Filmemacher wie Zhang Yuan betrachten, daß sein Film „Kan Shang Qu Hen Mai“, der für den internationalen Markt den Titel „Little Red Flowers“ erhalten hat, im Panorama gezeigt wird, obwohl er weitaus besser gemacht ist und Interessanteres zu erzählen hat als die Werke der Landsleute im Wettbewerb.
Ein Kindergarten des Schreckens
Zhangs Film berichtet von den Integrationsschwierigkeiten eines Vierjährigen, der von seinem Vater in einen Internatskindergarten gegeben wird. Dort erfolgt eine strikte Kollektivierung der analen Art: Morgens werden die Kinder hintereinander auf einer langen Toilettenrinne aufgereiht, und wer brav defäkiert, erhält zum Lohn eine rote Papierblume als die übliche Prämie für Lerneifer. Nachmittags wischt die Leiterin persönlich den Kindern den Hintern ab, und wenn in den gemeinsamen Spiel- und Lernstunden eine Flatulenz zu riechen ist, wird akribisch jedes Mädchen und jeder Junge beschnüffelt, bis man den Übeltäter ertappt und schleunigst aufs Gemeinschaftsklo geschickt hat. Was man sieht, ist höchst skurril, aber es ist in der akribischen Kontrolle der Körperausscheidungen auch ein Kindergarten des Schreckens.
Der kleine, mit allen Wassern gewaschene Qiang ist nicht für diese Zucht gemacht, und man schmilzt angesichts der großen skeptischen Augen des wunderbaren Kinderdarstellers Dong Bowen dahin, wenn man deren Fassungslosigkeit angesichts der Ungerechtigkeit in der Welt beobachtet. Auch die anderen Kinder im Film spielen mit einer überschäumenden Freude und jenem Schuß Perfidie, der diesem Alter eigen ist: Da wird munter intrigiert, gepetzt und blamiert. Stünde Zhangs Film zumindest im Wettbewerb des Kinderfilmfests, sollte er den Gläsernen Bären sicher haben.
Widerliches Katzbuckeln
Aber ist es überhaupt ein Kinderfilm? Haben Kinder überhaupt Spaß daran, ihren Alltag abgebildet zu sehen, auch wenn er für deutsche Augen noch so exotisch daherkommt? In diesem Fall sicherlich. Und Erwachsene erfreut etwas anderes. Natürlich liegt es nahe, im Mikrokosmos des Kindergartenkollektivs ein Porträt der chinesischen Gesellschaft zu lesen. Diese Deutung wird durch etliche Sequenzen gestützt. So gibt es eine grandiose Szene, in der ein hoher Funktionär seinen Sohn in der Einrichtung besuchen kommt, und die anfängliche Unduldsamkeit der Leiterin wandelt sich sofort, nachdem sie erfährt, mit wem sie es zu tun hat, zum widerlichen Katzbuckeln.
Am Schluß folgt die Kamera Qiang, dem wegen ungebührlichen Verhaltens für mehrere Wochen jedes Gespräch mit den anderen Kindern verboten war, auf einem seiner Ausflüge über den Hof des Kindergartens hinaus. Die erzwungene Isolation hat ihn nicht gebrochen - im Gegenteil: Er ist endgültig ein Einzelgänger geworden und damit zufrieden. Bei einer alten Statue legt er sich hin und schläft ruhig ein. Diese Einstellung steht in einer Bildtradition, die Anhänger der von den Qing gestürzten Ming-Dynastie im siebzehnten Jahrhundert entwickelt haben: Man malt vorbildliche Menschen in Einsamkeit, aber in unmittelbarer Nähe zu Zeugnissen der alten Hochkultur. Das ist die schärfste Absage an die Gegenwart, die sich in China denken läßt.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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