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Chinas Kino trifft Hollywood Weltbewusstseinsindustrie

24.07.2010 ·  Seit 2002 ist Chinas Filmindustrie marktwirtschaftlich organisiert. Ihr Wachstum scheint nur durch die geringe Anzahl Kinos begrenzt. Aber die Schnittmenge mit Hollywood wird größer.

Von Mark Siemons, Peking
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Beim Filmfestival in Schanghai kam es zum Eklat. Es hatte ein Gipfeltreffen von China und Hollywood sein sollen, das die immer engeren Verflechtungen zwischen den Mächten beschwört und feiert: Harvey Weinstein, der Gründer von Miramax und immer noch ein wichtiger Mann in Hollywood, stellte seinen zusammen mit der chinesischen Firma Huayi Brothers produzierten Film „Shanghai“ mit Gong Li und John Cusack vor und rühmte Filme wie Zhang Yimous „Hero“ und Ang Lees „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ als Beispiele einer global reüssierenden Synthese zwischen den Welten.

Danach musste er schon abreisen, und so hörte er Feng Xiaogang, einen der erfolgreichsten Regisseure innerhalb Chinas, nicht mehr sagen, viele seiner chinesischen Kollegen hielten ihn, Weinstein, für einen „Betrüger“. Er verspreche zuerst hohe Summen für die Rechte an chinesischen Filmen, um schließlich, wenn die Produktion abgeschlossen ist, die chinesischen Beteiligten zu zwingen, sich mit weit geringeren Beträgen zufriedenzugeben, wenn sie ihren Film auch tatsächlich international vertrieben sehen wollten.

Fengs Wut war nicht nur persönlicher, sondern grundsätzlicher Art. Er forderte die chinesischen Regisseure dazu auf, sich auf ihr lokales Publikum zu konzentrieren, statt sich mit Hollywood-Ambitionen gleich der ganzen Welt verständlich machen zu wollen. Woody Allen habe sich auch nicht überlegt, ob sein New Yorker Witz wohl von den Chinesen verstanden würde, und trotzdem oder gerade deswegen werde er auch heute noch in China sehr geliebt. Die von Weinstein als Vorbilder hingestellten Produktionen bezeichnete Feng hingegen als bloße „Hollywood-Filme“.

Universalismus à la Hollywood

Dem Regisseur ging es offensichtlich weniger um die amerikanische Filmindustrie als um das chinesische Phantasma. Tatsächlich hat die Obsession des Landes mit Hollywood tiefreichende Wurzeln, und sie geht auch weit über rein ökonomischen Ehrgeiz hinaus. Der amerikanische Kommunist Sidney Rittenberg erzählt in seiner Autobiographie, wie die Parteirevolutionäre um Mao und Tschou En-lai schon in den vierziger Jahren, also noch vor der Machtübernahme, jeden Freitagabend Pause machten vom Bürgerkrieg um China und sich in ihrem Hauptquartier in Yanan einen Hollywood-Film anschauten, vorzugsweise mit Laurel and Hardy. Anschließend erkundigten sie sich bei Rittenberg noch gern nach Automarken und anderen Details des amerikanischen Lebens. Die Faszination war um so auffallender, als sie in einem markanten Kontrast zum Desinteresse an dem offiziellen Vorbild Sowjetunion stand. Selbst die „progressiven Filme“, die unter kommunistischem Einfluss seit Ende der dreißiger Jahre in China entstanden, reicherten das Revolutionskino sowjetischer Art mit Hollywood-Ästhetik an.

Es dauerte freilich bis ins neue Jahrtausend, bis die einschlägige Begeisterung der chinesischen Kommunisten zu sich selbst kommen und offen bekannt werden konnte. Die institutionellen Voraussetzungen schuf China 2002, als die bis dahin rein staatliche Planung der Filmstudios durch marktwirtschaftliche Strukturen ersetzt wurde. Ästhetisch hatte schon ein Jahr zuvor der Taiwaner Ang Lee ein Vorbild geliefert; mit seinem Kung-Fu-Drama „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ eroberte er den amerikanischen Markt und zugleich einen Oscar. Die Zeit schien reif dafür zu sein, dass Chinesen den lange Zeit in amerikanischer und britisch besetzter Hongkong-Hand befindlichen Martial-Arts-Film für sich zurückeroberten.

Mit dem gewachsenen wirtschaftlichen Erfolg nahm zur gleichen Zeit das Verlangen Pekings zu, seiner neuen Bedeutung auch einen kulturellen Ausdruck zu geben. Als Kennzeichen einer Weltmacht entdeckten die Strategen nun auch die Fähigkeit, aus eigenen Ressourcen eine Kultur hervorzubringen, die von der gesamten Welt als die ihre akzeptiert wird - eine Kultur, die sich in den gleichen Kanälen über den Erdball verbreitet wie der Markt, um am Ende mit diesem eins zu werden. Als Urbild einer solchen Kapazität erschien die amerikanische Bewusstseinsindustrie, weshalb China, wenn von „Universalität“ die Rede ist, womöglich weniger an Menschenrechte denkt als an Hollywood.

Wachstumsmarkt mit Platzmangel

2003 drehte dann der chinesische Regisseur Zhang Yimou mit Hongkonger Schauspielern und amerikanischem Geld „Hero“; er verpasste zwar den Oscar, aber zusammen mit dem Kampfkunst-Nachfolge-Film „House of Flying Daggers“ spielte er außerhalb Chinas mehr als 190 Millionen Dollar ein. Seitdem ist die Oscar-Bewerbung für chinesische Großproduktionen zur Haupt- und Staatsaktion geworden. 2006 schickte China Chen Kaige mit „The Promise“ ins Rennen, 2007 gleich zwei Filme: Feng Xiaogangs „The Banquet“ (für Hongkong) und Zhang Yimous „Curse of the Golden Flower“. Doch die aufwendig inszenierten Historienschinken, die sich mit ihren bunten Chinoiserie-Signalen gegenseitig zu überbieten suchten, waren von einer derartigen ästhetischen Dürftigkeit, dass sie nicht den Hauch einer Chance hatten, die Trophäe zu erringen.

Im Inland weist das chinesische Kino seit drei Jahren hohe Wachstumsraten auf. Allein 2009 stiegen die Einnahmen der Kinos um vierzig Prozent auf sechs Milliarden Yuan (also mehr als 600 Millionen Euro); währenddessen wurden 456 Spielfilme produziert, fünfzig mehr als im Jahr zuvor. Das Wachstum scheint nur von der relativ geringen Anzahl von Kinosälen (4723 für 1,3 Milliarden Einwohner) begrenzt zu werden.

Auf der Suche nach einem ästhetischen Konzept

Doch ästhetisch ist das offizielle China bei seiner Suche nach einer eigenen und dabei global akzeptierten Filmsprache ratloser denn je. Aus dem für Filmpolitik und Zensur zuständigen Staatsamt für Radio, Film und Fernsehen dringen widersprüchliche Signale. Auf der einen Seite warnt es vor einer „Hollywoodisierung des chinesischen Geschmacks“; mit ihrem Übermaß an technischen Mitteln, sagte der Funktionär Mao Yu kürzlich auf einer Konferenz, könnten die Amerikaner einen „Schock der Sinne“ hervorbringen, dem sich niemand entziehen kann.

Auf der anderen Seite führte die Behörde dieses Frühjahr James Camerons in China extrem erfolgreichen Film „Avatar“ dem nationalen Kino als Vorbild vor: Der Literaturwissenschaftler Zhang Yiwu von der Peking-Universität sagte, die Amerikaner hätten im Unterschied zu den Chinesen die Fähigkeit demonstriert, „Thesen aufzustellen“. Und der stellvertretende Direktor der Behörde präzisierte, Cameron habe es vermocht, etwas Menschliches, „die vom Himmel gegebenen Menschenrechte“, darzustellen. Bezeichnenderweise kam zur gleichen Zeit der staatlich geförderte Film „Konfuzius“ heraus, der mit seiner kaum zu überbietenden Biederkeit auch beim chinesischen Publikum durchfiel.

Hollywoods Gegenoffensive

Längst gibt es freilich auch die Bewegung in umgekehrter Richtung: Hollywood greift immer entschiedener auf nicht-westliche Märkte und insbesondere den chinesischen aus. Die Weinstein-Brüder verarbeiteten 2008 einen Kung-Fu-Stoff mit Jet Li und Jackie Chan zu dem gleichzeitig in China und Amerika vertriebenen Film „The Forbidden Kingdom“. Disney hat ein chinesisches Remake seines „High School Musical“ hergestellt. Und für den diesen Monat in China anlaufenden Erdbebenfilm „Aftershocks“ von Feng Xiaogang stellt zum ersten Mal IMAX die Vorführtechnik zur Verfügung. In allen diesen Fällen tritt als Geschäftspartner die 1998 gegründete private chinesische Produktionsfirma Huayi-Brothers auf, die den chinesischen Markt zunehmend beherrscht und die entsprechend den „Zehn Leitlinien zur Entwicklung der Filmindustrie“, die der Staatsrat in Peking Anfang des Jahres verabschiedete, die Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern ausbauen will, um ein „Global Player“ zu werden.

Ob diese Amalgamierungen zu etwas ästhetisch Eigenständigem führen, lässt sich noch nicht absehen. Bisher hat Chinas Filmindustrie unabhängige Regisseure wie Zhang Yimou und Chen Kaige bloß absorbiert, ohne sie die Stärken ihres persönlichen Blicks im großen, für die Welt bestimmten Format ausspielen zu lassen. Man kann den Argwohn mancher Filmemacher gegenüber den globalen Ambitionen daher verstehen. Sinnvoll sei die Zusammenarbeit bloß, meinte Feng Xiaogang in Schanghai, um den Hollywood-Leuten ihre Tricks abzugucken.

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