17.05.2006 · Auch in China gibt es nun eine Internet-Enzyklopädie, die wie „Wikipedia“ von den Nutzern selbst geschrieben wird. Doch bevor ein Artikel im Netz erscheint, durchläuft er eine interne Zensur.
Von Mark Siemons, PekingChina ist bei seinem Projekt, eine der westlichen Moderne täuschend ähnlich sehende Parallelwelt, nur freilich mit „chinesischen Charakteristiken“, aufzubauen, wieder ein Stück vorangekommen. Es hat jetzt eine Internet-Enzyklopädie eingerichtet, die wie die amerikanische „Wikipedia“ von den Nutzern selbst geschrieben wird.
Allerdings müssen sich alle potentiellen Autoren zuerst beim Betreiber, der Suchmaschinen-Firma Baidu, registrieren lassen; und bevor ein Artikel im Netz erscheint, durchläuft er eine interne Zensur. Die Schreiber werden von vornherein auf die Kriterien aufmerksam gemacht, die einen Text von der Veröffentlichung ausschließen. Eine „entmutigende oder negative Sicht des Lebens“ ist zum Beispiel genausowenig gestattet wie die „detaillierte Beschreibung terroristischer Akte“, und natürlich verbieten sich „böswillige Einschätzungen des gegenwärtigen nationalen Systems“ sowie „Angriffe auf Regierungsinstitutionen“ ohnehin.
Ein uneinheitliches Bild
All diese Kategorien sollen die „Baidu Baike“ (Baidu-Enzyklopädie) von ihrem Vorbild und Mitbewerber Wikipedia abheben, dessen chinesischsprachige Version seit Oktober in China gesperrt ist und sich nicht mehr ohne besondere technische Vorkehrungen lesen läßt (die englische Version ist dagegen zur Zeit zugänglich). Baidu gibt an, daß seine Enzyklopädie quantitativ schon jetzt die chinesische Wikipedia überholt habe, die zuletzt auf 67.000 Einträge kam.
Stilistisch und gattungsmäßig geben die Artikel der „Baike“ ein eher uneinheitliches Bild ab. Neben nüchternen Definitionen haben auch blumige Abschweifungen ihren Platz. Besondere Sorgfalt wurde vermutlich auf Einträge wie den über „Demokratie“ verwendet, der mit zwei Absätzen wesentlich knapper ausgefallen ist als etwa der über „Sigmund Freud“. Nach einer kurzen Begriffsgeschichte versucht der Autor, aus dem Unbedingtheitsanspruch, der aus dem Wort möglicherweise abgeleitet wird, die Luft herauszulassen: „Ein demokratisches Land“, schreibt er, „erkennt, daß man Kompromisse braucht, um zu gemeinsamen Erkenntnissen zu kommen. Oft sind solche gemeinsamen Erkenntnisse nicht realisierbar.“ Der Artikel endet mit einem Gandhi-Zitat: „Intoleranz ist an sich Gewalt, ist ein Hindernis der Entwicklung zu echtem demokratischem Geist.“
„Ich brauche kein Lob“
Das kann man als Mahnung an westliche Demokratieverfechter verstehen, mehr Duldsamkeit gegenüber den Besonderheiten des chinesischen Wegs aufzubringen. Aber natürlich wäre auch die chinesische Regierung ein passender Adressat für Toleranz-Forderungen dieser Art. Die gleiche Mehrdeutigkeit ist trotz aller Zensur-Vorkehrungen in manchen der Baiku-Artikel zu finden, so wie in der chinesischen Gesellschaft überhaupt. Ein Autor, der sich in seiner Selbstdarstellung frei wie ein wiedergeborener Laotse geriert („Ich brauche kein Lob, nehme mir Beschimpfungen nicht zu Herzen, ahme keine Freude, keine Traurigkeit nach“), erläutert, was „Postmoderne“ ist, und zwar anhand des Lieds „Die Sonne geht im Osten auf“, das zu Maos Zeiten gesungen wurde: „Hundert Millionen Menschen hatten den gleichen Gedanken. Wenn es aber ein Bewußtsein gibt, das die hundert Millionen Menschen entdecken läßt, daß man auch noch anders denken kann, daß eine Sache so oder so aussehen kann, dann ist das die Postmoderne.“
Daß man eine Sache so oder so sehen kann, daran dürfte es unter den hundertdreißig Millionen, die jetzt zu potentiellen Lexikonverfassern geworden sind, keinen Zweifel mehr geben. Was freilich noch lange nicht heißt, daß diese neuen Postmodernen auch schreiben dürfen, was sie sehen.