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Chinas erfolgreichster Film Als der Mensch den Himmel noch besiegte

13.08.2010 ·  Das Erdbeben von Tangshan im Todesjahr Maos ist ein nationales Trauma - und jetzt der Stoff des erfolgreichsten chinesischen Films aller Zeiten. Scheinbar verzichtet er auf eine politische Botschaft. Aber selbst das wäre eine.

Von Mark Siemons, Peking
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In der chinesischen Erinnerung war das Erdbeben von Tangshan, bei dem am 28. Juli 1976 nach offiziellen Angaben 242.000 Menschen ums Leben kamen, bisher eng mit Hochmut und Fall der maoistischen Ära verknüpft. Auf einem Plakat der Zeit sieht man entschlossene Arbeiter, Bauern und Soldaten den Opfern zu Hilfe eilen, mit nichts anderem ausgerüstet als Spaten. „Der Mensch besiegt mit Sicherheit den Himmel“, hieß der Slogan dazu: „Was gibt es zu fürchten, wenn Himmel und Erde auseinanderbrechen? Mit beiden Händen entwerfen wir einen neuen Himmel und eine neue Erde.“

Obwohl die eigenen Kräfte bei den Rettungsarbeiten hoffnungslos überfordert waren, wies man im Geiste des hergebrachten Dezisionismus alle internationale Hilfe zurück. Doch dem vermeintlichen Selbstbewusstsein zum Trotz wurde die Katastrophe erst nach über einer Woche im Land bekanntgemacht. Einen guten Monat später starb Mao, und eine neue Dynastie bereitete sich vor.

Von all dem sieht man in Feng Xiaogangs Spielfilm „Das Erdbeben von Tangshan“ (englischer Titel: „Aftershock“), der schon jetzt, drei Wochen nach dem Kinostart, der erfolgreichste chinesische Film aller Zeiten ist, nur den von Menschen übersäten Tiananmen-Platz, auf dem sich die Massen stumm vor dem toten Vorsitzenden verbeugen. Auch hier behalten die beiden Ereignisse also ihre Korrespondenz, doch bloß als ein doppeltes Unglück, aus dem sich die Nation im Lauf der Jahrzehnte dann materiell und geistig erhoben habe. Von dem politischen Kontext der Katastrophe bekommt man in diesem Film sonst nichts mit: Aus dem nationalen Trauma voll unbewältigter Widersprüche macht der Regisseur ein Familientrauma, das die Kraft der Liebe einem glücklichen Ende zuführt.

Kollektive Tränenausbrüche im Kino

Der Film nimmt die Katastrophe als Kulisse für eine unerhörte Begebenheit, die sich auch inmitten jedes anderen Erdbebens hätte ereignen können. Eine Mutter, deren Mann schon umgekommen ist und deren Zwillingskinder unter einer Betonplatte eingeklemmt sind, wird vor die Wahl gestellt, entweder ihren Sohn oder ihre Tochter zu retten. Ihre Entscheidung für den Sohn verfolgt sie ihr Leben lang - und die Tochter, die ohne ihr Wissen wie durch ein Wunder überlebt und später von einem Offiziersehepaar adoptiert wird, ebenso. Erst 2008 löst das Erdbeben von Sichuan den Knoten: Die getrennten Geschwister begegnen sich zufällig bei den Rettungsarbeiten, der Bruder erzählt der Schwester von den seelischen Qualen der Mutter, worauf die Familie wieder zusammenfindet.

Der Regisseur Feng Xiaogang, der wegen seiner regelmäßig zum Neujahrsfest herauskommenden Komödien in China populärer ist als der im Westen berühmte Zhang Yimou, ist ein Meister wohldosierter Effekte. Das Erdbeben, das in Wirklichkeit nur 23 Sekunden dauerte, setzt er zwei Minuten lang ebenso spektakulär wie unpathetisch in Szene, ohne Zeitlupe, aber mit einer beeindruckenden Stille danach, wenn die Überlebenden hinter dem Staubvorhang wie Geister durch die Trümmer irren. Sein eigentliches Thema, die Familiengefühle, führt er ohne forcierte Gesten, fast beiläufig immer neuen dramatischen Zuspitzungen zu, so dass sich die chinesischen Filmkritiker vor allem darauf konzentrieren, die kollektiven Tränenausbrüche im Kino zu zählen.

Was die emotionale Beteiligung betrifft, hat der Film sein Ziel sicher erreicht. Auch Überlebende von Tangshan sollen sich bei Vorführungen bewegt gezeigt haben. Bislang spielte das Werk schon 532 Millionen Yuan (etwa 59 Millionen Euro) ein; es liegt damit weit vor dem bisherigen chinesischen Rekordhalter, „Die Gründung einer Republik“, aus dem letzten Jahr.

Nur die falschen Schmerzen machen Tränen

Ein Blogger namens Guan Yadi schrieb, der Film komme zum rechten Zeitpunkt, um die Chinesen dazu zu bringen, ihr „stumpf gewordenes Herz“ zu erweichen und wieder über den Sinn der Familie nachzudenken. Ein anderer, Bi Chenggong, verbindet die Familiensaga mit dem Glaubensverlust einer ganzen Generation, der mit dem Tod Maos eingetreten sei. Der Regisseur gebe zwei Antworten auf die Frage, wie das seelische Vakuum wieder gefüllt werden könne: mit der „Liebe unter Familienangehörigen“, wie sie die Mutter bewiesen habe, und mit „dem Leben selbst“, auf das sich ihre Kinder geworfen hätten.

Das sind beides Antworten fern aller politischer Programmatik - eher könnten sie aus der konfuzianischen oder taoistischen Tradition stammen. Tatsächlich ließe sich die politische Enthaltung des Films als ein Fortschritt der Geschichte sehen, die er nicht erzählt: Niemand wird mehr dazu gezwungen, seine persönlichsten Angelegenheiten im Raster einer Regierungsideologie zu verstehen. Der Kulturtheoretiker Zhang Yiwu von der Peking-Universität interpretiert den Film sogar als Zeichen eines gewachsenen Selbstbewusstseins, das es China erlaube, frühere Selbstfixierungen hinter sich zu lassen und universell verständliche Botschaften hervorzubringen.

Doch viele chinesische Blogger sind mit einer solchen Deutung nicht einverstanden. Shi Shusi wirft dem Film vor, auf Selbstreflexion zu verzichten und stattdessen die Vergangenheit „weißzuwaschen“. „Jinghezai“ (zu Deutsch: Wo stehst du heute?) vermisst jegliche historische Realitätshaltigkeit. „Sind die wirklichen Erinnerungen nicht grausam genug, um Tränen hervorzulocken?“, fragt er im Internetforum Douban: „Oder sind sie vielleicht zu grausam, so dass man sie verdrängen, harmonisieren und manipulieren muss?“ Der Blogger Li Chengpeng meint: „Die wirklichen Schmerzen machen uns stumpf. Nur die falschen, geschönten Schmerzen lassen uns genussvoll weinen, weil alle Probleme schon gelöst zu sein scheinen.“ Filme wie „Aftershock“ wollten die wirkliche Geschichte daher vergessen machen: „Und so erinnert man sich am Ende nur noch an das, was der Film zeigt.“

Der Film aber zeigt als Kulisse des privaten Dramas nur, wie die in Trümmer gesunkene Stadt, ein Sinnbild des ganzen Landes, im Lauf der Jahrzehnte zu nie gekannter Größe und Prosperität wiederaufersteht. Gerade indem der Staat fast ausgespart wird und bloß als selbstverständlich überwölbende Instanz im Hintergrund vorkommt (selbst die Hilfstruppen der Volksbefreiungsarmee, die in der Wirklichkeit einen Tag brauchten, um zum Unglücksort zu gelangen, sind im Film immer schon anwesend), erscheint er als eine Art Verlängerung der Familie, der alle Zuwendung gebührt. Ein Blogger verweist darauf, dass der Parteisekretär von Tangshan die gesamte Produktion begleitet habe und der Bürgermeister unverhohlen erklärte: „Alles, was nicht der Hauptmelodie entspricht (also der vom Staat vorgegebenen Geschichtsdeutung), muss verändert werden.“ Immerhin kam die Stadt Tangshan auch für die Hälfte der Produktionskosten auf.

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