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Charlotte Roche „Ich bin das gute Gewissen“

23.09.2003 ·  Ein Gespräch mit Charlotte Roche, der Hoffnungsträgerin eines intelligenten Unterhaltungsfernsehens, über ihr Image, ihre Interviews, den Mainstream, den Opa Mick Jagger und die Tratschtante Reinhold Beckmann.

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Ein Interview über das Interviewen mit Charlotte Roche, deren neue Sendung im Oktober auf Pro Sieben startet.

Es war einige Zeit lang ziemlich still um Sie - nach dem schrecklichen Unfall, bei dem drei Ihrer Brüder ums Leben kamen, haben Sie ein Kind bekommen, seit einigen Monaten sind Sie wieder in Ihrer Sendung "Fast Forward" beim Musiksender Viva zu sehen. Nun kommen Sie mit Ihrer ersten großen Sendung, ab Oktober, auf Pro Sieben. Wie wird die aussehen?

Es ist eine Interviewsendung. Eine Stunde, eine Person. Es gibt kein Studio, keine Vorgaben, nichts. Die einzige Konstante bin ich. Die Sendung heißt "Charlotte Roche trifft". Am 20. Oktober geht es los, immer montags nach "TV Total".

Eine Interviewsendung: Was kann Charlotte Roche noch aus Menschen herauskitzeln, was man bei Beckmann oder Maischberger nicht schon längst gehört hat?

Das fängt damit an, welche Gäste ich einlade. Da ist allein meine Meinung entscheidend, ob ich mir vorstellen kann, daß ein Gespräch zwischen mir und dieser Person etwas gibt. Das muß nicht heißen, daß ich die Gäste alle mögen muß - ich kann auch Leute interviewen, die ich nicht leiden kann. Aber ich will danach das Gefühl haben, es war gut, unterhaltsam, tiefgründig, interessant, anders als sonst.

Früher haben Sie Sandra Maischberger als Vorbild genannt. Wie finden Sie Ihre neue Talkshow?

Ich kann verstehen, warum sie das macht. Sie hat so die Möglichkeit, andere Gäste zu haben, andere Themen. Aber sie geht an Unterhaltungsleute heran wie an Politiker, und das funktioniert nicht. Man fragt sich, warum sie die so festnageln will, die haben ihr doch nichts getan. Hart nachfragen ist da fehl am Platz.

Gibt es eine Interviewsendung, die Sie gutfinden?

Nein.

Beckmann? Kerner?

Beckmann hält sich für einen unfaßbar tiefgründigen Erfrager von Boris-Becker-Tratsch. Dabei ist das: Tratsch. Er ist eine selbstverliebte Tratschtante mit aufgesetztem ernsten Reportergesicht. Mit diesem Weltleiden und dem Flehen im Blick: Mir können Sie es doch sagen, Herr Becker. Unerträglich. Kerner ist dagegen wenigstens ein bißchen sympathisch, aber ich finde diese Boulevardsachen leider nicht besonders interessant. Das ist Fernsehen für alte Leute, ich hab' damit nichts zu tun.

Würden Sie Dieter Bohlen in Ihre Sendung einladen?

Was um Himmels willen könnte man aus dem noch rausholen? Ich meine das gar nicht aus einem Journalistenethos heraus, so: man muß da jetzt noch eine eigene Note ... Aber Dieter Bohlen trägt ja nun wirklich sein Herz auf der Zunge, da gibt's nichts zu knacken, da gibt's nichts anders darzustellen - der ist so. Und weil er eben überall so ist, kennt man ihn schon. Der ist so durchgenudelt, so RTL, da gibt es keine Fragen mehr, also mir jedenfalls fällt keine ein.

Die neue Sendung ist vollkommen auf Ihre Person ausgerichtet, eine Charlotte-Roche-Interview-Show. Was ist das Besondere an einem Interview von Charlotte Roche?

Ich höre von anderen, daß ich etwas kann, was andere vielleicht nicht können, aber ich weiß gar nicht, was es ist. Daß ich zum Beispiel Xavier Naidoo interviewe und viele Leute, die den immer gehaßt haben, ihn da auf einmal mögen. Dabei erzählt er mir vielleicht noch nicht einmal etwas anderes als anderen, aber er erzählt es mir offensichtlich anders. Erklärender, sympathischer, irgendwie anders. Darauf bin ich stolz. Wie gesagt, ich kann es nicht erklären. Da kommt man sonst leicht in so eine Eso-Schiene mit Chemie zwischen Leuten und das dann in die Kamera transportieren. Und dann gibt es Ebenen, die ganz leicht zu erklären sind. Das fängt damit an, daß ich englisch sprechen kann. Oder daß ich mich nicht darauf verlasse, daß ich 25 bin und nicht auf den Mund gefallen und im Zweifelsfall ja immer noch nach Klamotten fragen kann: Ich bereite mich akribisch vor. Die Leute fühlen sich wohl und verstanden.

Ihre Art, Interviews zu führen, ist sehr affirmativ. Man hat den Eindruck, Sie versuchen, Ihrem Gegenüber ein gutes Gefühl zu machen, ihn anzufeuern, indem Sie alles, was er sagt, bestätigen und ihn damit in seinen Antworten weitertreiben. Hat sich diese Methode immer bewährt?

Ich treffe schon auch auf Leute, die keine Lust haben auf ein Interview oder auf mich. Madonna zum Beispiel war total zu. Sie hat immer Unverständnis vorgespielt, auch wenn die Frage nicht besonders kompliziert war. Oder die alten Opas - Mick Jagger, David Bowie. Wenn die mich sehen, denken die: Alles klar, junges Mädchen, flippig angezogen, mag eigentlich lieber Lenny Kravitz. Da hilft es, extrem gut vorbereitet zu sein. Ich gucke mir alte Sachen aus den Archiven an, lese alles, was ich kriegen kann, ich versuche, die wirklich zu verstehen. Wenn man böse ist, könnte man sagen, ich schleime. Aber es ist für ein Gespräch wichtig, daß das Gegenüber merkt, daß man es ernst nimmt. Das hat mit Respekt zu tun.

Angenommen, Roland Koch kommt in Ihre Sendung - geben Sie dem dann auch das Gefühl, Sie verstehen ihn?

Ich interviewe keine Politiker. Das kann ich nicht. Dieses ständige Geseire. Und wir wissen ja, daß die lügen. Nur werde ich sie nicht überführen können - selbst Politjournalisten versagen darin. In Interviews mit Entertainern sind Lügen erwünscht. Ich bin keine Wahrheitsfinderin, ich interviewe Unterhaltungskünstler. Ich will unterhalten.

Bei einer ersten Pilotsendung für Pro Sieben haben Sie vor ein paar Monaten Robbie Williams interviewt. Sogar Williams geriet leicht aus der Fassung, als Sie ihn irgendwann fragten, ob er sein Sperma trinkt. Muß Unterhaltung schockieren?

Normalerweise sind Moderatoren zum Bremsen da. Sie sollen den Ball flach halten, den Künstler zügeln, wenn es zu extrem wird. Aber das ist nicht unterhaltsam. Mag sein, daß ich Robbie Williams zeigen wollte, wo der Hammer hängt, daß mir das Interview zu lahm wurde, aber ich konnte ja nicht voraussehen, daß der sagt, ich höre nur meine eigene Musik. Und dann habe ich halt gesagt, das ist ja wie das eigene Sperma trinken. Eine spontane Reaktion. Und von da aus ging es weiter, das Gespräch lief danach viel besser. Aber das war nicht geplant. Das ist für mich das Wichtigste: Daß ich reagieren kann, wie ich will, ganz spontan. Und ich weigere mich, mir darüber Gedanken zu machen, ob etwas ausgestrahlt wird oder nicht. Ich kann nur so arbeiten. Ich muß wissen, daß ich politisch, sexuell oder drogentechnisch alles sagen kann, was ich will.

Und die bei Pro Sieben sind damit einverstanden?

Die kaufen mich dafür auch ein.

Als die Schrille, die Junge, die, die "anders" ist?

Ich komme mir nicht so vor, als würde ich ständig krasse Sachen von mir geben. Das habe ich früher mal gemacht, und das haftet einem natürlich an. Aber ich finde mich nicht schrill. Ich habe überhaupt das Gefühl, ich bin viel ruhiger geworden.

Sie haben sich auch äußerlich verändert: Keine Piercings mehr im Gesicht, Sixties-Lidstrich statt Kriegsbemalung, auch die Kleider sind normaler geworden. Waren Sie es leid, die Punkerin im deutschen Fernsehen zu sein?

Mir war einfach langweilig, wie ich aussah. Nach einer Zeit hat man doch Lust auf etwas anderes. Auch meine Moderationen sind heute anders. Am Anfang wollte ich unbedingt zeigen, guckt mal, ich kann andere Sachen machen, und das habe ich dann vollkommen ausgereizt. Ich habe zum Beispiel hemmungslos über Sex geredet.

Um zu gucken, wo eine Grenze ist?

Und es kommt ja keine. Es sagt ja keiner was.

Und deshalb werden Sie jetzt seriös, weil eine seriöse Charlotte Roche unter Umständen viel provokanter ist?

Ich will nicht provozieren. Ich will gute Sachen machen.

Der "Spiegel" nannte Sie "richtungsweisend", Harald Schmidt erhob Sie zur "Queen of German Pop Television", nahezu jede junge Moderatorin ahmt Sie heute in Gestik und Sprachstil nach: Beschleicht Sie da nicht manchmal das mulmige Gefühl - was sehen die alle in mir?

Ja, es ist seltsam. Ich habe das Gefühl, ich werde ständig dafür belohnt, einfach nur ich zu sein. Das kenne ich aus der Schule schon. So eine Art Helfen, die mir entgegenschlägt. Lehrer, die einen nicht durchfallen lassen, obwohl alles dafür spräche. Und die einem so zwinkernd zuflüstern: Ich war früher auch so wie du. Und das ist auch bei meiner Sendung so - alle denken, ich mache eine provokante Sendung, dabei ist das gar nicht wahr. Oder vielleicht merke ich auch einfach nicht mehr, wie das wirkt, wenn eine junge Frau sich im Fernsehen nicht halbnackt herumräkelt und davon redet, daß sie Robbie Williams so unglaublich sexy findet. Vielleicht ist das schon so radikal anders, daß ich damit provoziere? Mir kommt es jedenfalls so vor: Ich renne immer offene Türen ein. Das stört mich nicht, denn ich will ja nicht ein anstrengendes Leben haben.

Was, wenn niemand Ihre neue Sendung gucken will?

Bis jetzt gibt es keine Vorgaben, was die Quote betrifft. Aber auch wenn es niemand guckt, für einen Sender wie Pro Sieben ist es natürlich auch nicht so schlecht, mich zu haben. Die können ja von mir profitieren. Das Harald-Schmidt-Phänomen. Bei Viva funktioniert es ja auch: Wenn Viva vorgeworfen wird, sie würden nur Mainstream spielen und die Musikindustrie damit kaputtmachen, dann können die sagen, halt, wir sind auch Avantgarde, schauen Sie mal, wir haben auch die Sendung "Fast Forward", die andere Musik spielt. Ich besetze eine Nische, die allen hilft. Ich bin das gute Gewissen.

Mit Ihnen steht und fällt die Independent-Szene des deutschen Fernsehens.

Es kommt mir wirklich so vor, als würden das viele so sehen. Als hätten jetzt viele Angst, daß ich kaputtgemacht werde. Vom System vereinnahmt. Aber ich kann alle beruhigen: Ich gründe jetzt sogar meine eigene Produktionsfirma. Ich bin wirklich auf Nummer Sicher gegangen, daß ich machen darf, was ich will. Und wenn das alles nichts wird, dann eben nicht. Ich mache dann nicht um jeden Preis etwas anderes. Ich glaube, damit man nicht irgendwann Sonja Zietlow wird, ist das Wichtigste, daß man weiß, was man will. Und was nicht.

Interview Johanna Adorjan

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.09.2003, Nr. 38 / Seite 29
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