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Charlotte Rampling Die Frau, die nicht weinen konnte

08.02.2006 ·  Charlotte Rampling, Präsidentin der Berlinale-Jury, hat zu Berlin eine ganz besondere Beziehung: Ihr Vater gewann bei Olympia 1936 eine Goldmedaille. Das Porträt einer durch und durch europäischen Schauspielerin.

Von Michael Althen, Paris
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Wer von Charlotte Rampling und Berlin erzählen will, muß neun Jahre vor ihrer Geburt anfangen. Denn im Jahr 1936 lief ihr Vater Godfrey Rampling bei den Olympischen Spielen in der britischen 4x400-Meter-Staffel und gewann tatsächlich eine Goldmedaille.

Man kann das noch mal erleben, wenn man in Leni Riefenstahls Olympia-Film „Fest der Völker“ zusieht, wie er nach dem Staffelwechsel an dritter Stelle in die Kurve geht und die Stimme des Sprechers sich überschlägt: „Im gleichen Moment kommt aber der Engländer, kommt Rampling. In einem einzigen Ansturm geht er an beiden vorbei.“ Und genauso ist es: Rampling schiebt sich in der Gegengeraden an die erste Stelle und holt jenen Vorsprung heraus, den die Engländer bis zum Schluß gegen die Amerikaner und Deutschen verteidigen werden. Dann sieht man sie bei der Siegerehrung, eine Truppe wie aus dem Läuferfilm „Die Stunde des Siegers“, wie sie die Lorbeerkränze überreicht bekommen - und wie die drittplazierten Deutschen die Arme artig zum Hitler-Gruß recken.

Noch heute stolz auf den Vater

Ramplings Tochter ist noch heute sichtlich stolz auf ihren Vater: „Er ist jetzt 98 Jahre alt und sehr fragil, aber er erinnert sich noch an damals. Der Startläufer Frederick Wolff war krank geworden, aber lief mit seiner Darmgrippe trotzdem und war ziemlich zurückgefallen. Deshalb mußte mein Vater, der schon 1932 in Los Angeles dabeigewesen war, das ganze Feld überholen. Er ist später nie wieder so gelaufen. Aber dieser Sieg war sehr romantisch und schön, und das sieht man auch im Olympia-Film.“ Und wenn sie so spricht, dann wirkt sie tatsächlich fast wie Daddy's Little Girl, obwohl sie dem späteren Nato-Kommandeur nicht immer Freude bereitet hat. Colonel Rampling war nämlich am Anfang ihrer Karriere der Meinung, daß er seine Tochter nicht auf die Academie Jeanne d'Arc des Jeunes Filles in Versailles und die exklusive St. Hilda's School in Bushley geschickt hatte, um sie an den Tingeltangel zu verlieren. Aber gegen die Verlockungen des Swinging London der sechziger Jahre konnte auch ein britischer Colonel auf Dauer nichts ausrichten.

Wenn Charlotte Rampling nun als Jury-Präsidentin nach Berlin kommt, dann tut sie das ähnlich erhobenen Hauptes und lorbeerumkränzt wie ihr Vater. Denn seit Francois Ozon sie im Jahr 2000 für seinen Film „Unter dem Sand“ quasi wiederentdeckt hat, ist das Kino ausgesprochen gut zu ihr gewesen und hat endlich eingelöst, was es einer Frau mit ihrer Ausstrahlung lange schuldig geblieben war. Allein im vergangenen Jahr hat sie drei Filme gedreht, Demonik Molls „Lemming“, Laurent Cantets „Vers le sud“ und an der Seite von Sharon Stone „Basic Instinct 2“, das Gipfeltreffen zweier Femmes fatales.

Eine Königin ihres Fachs

Grund genug für sie, im Vorfeld der Berlinale in Paris Interviews zu geben und die Presse zu empfangen wie eine Königin ihres Fachs, huldvoll um Verbindlichkeit bemüht, aber stets die richtige Distanz wahrend. Sie spricht mal französisch und mal englisch und wirkt im Französischen merkwürdigerweise wesentlich reservierter als im Englischen. „Ich habe schon als Kind Französisch gesprochen und wollte immer in Paris leben. Ich habe einen Franzosen geliebt und geheiratet und bin nun schon seit fünfundzwanzig Jahren da. Die Leute hier und das Kino haben mich adoptiert. Aber bei intimen Dingen wie Lesen und Schreiben fühle ich mich im Englischen wohler. Und ich habe in London natürlich immer noch eine Wohnung. Aber es stimmt, auf französisch fühle ich ein wenig anders, ohne daß ich es genau benennen könnte.“

Tatsächlich hört man, daß sie im Englischen eine Spur entspannter ist, nicht unbedingt wärmer, aber humorvoller, eher bereit für Scherze und ironische Bemerkungen. Aber gleichgültig in welcher Sprache, immer vermitteln ihre unergründlichen Jadeaugen den Eindruck, sie wisse Dinge, die mit Worten ohnehin nicht zu fassen sind.

Eine europäische Schauspielerin

Rampling ist also eine durch und durch europäische Schauspielerin. Nach ersten Schritten im englischen Kino folgte in Italien dann im Alter von zweiundzwanzig Jahren eine Rolle bei Luchino Visconti in „Die Verdammten“. „Er war mein Meister, und er sagte mir damals: ,Du wirst ein großer Star und hast zwei Möglichkeiten: Entweder gehst du nach Hollywood, wirst reich und läßt dich auffressen, oder du bleibst und erfährst eine andere Art von Reichtum.'“

Sie ist geblieben und hat es bei Ausflügen nach Hollywood belassen. Aber nachdem sie mit Liliana Cavanis „Nachtportier“ und John Boormans „Zardoz“ in den Siebzigern ein Star geworden war und sie mit Robert Mitchum in „Fahr zur Hölle, Liebling“ und Paul Newman in „The Verdict“, mit Woody Allen in „Stardust Memories“ und Mickey Rourke in „Angel Heart“ gespielt hatte, schienen die interessanten Angebote gegen Ende der Achtziger zu versiegen. „Ich bin nicht der Typ, der auf Regisseure zugeht. Und weil ich das nicht kann, mußte ich eine andere Art finden, die Leute dazu zu bringen, mich zu fragen, sozusagen telepathisch. Im Englischen gibt es das Wort ,serendipity' - das ist die Kunst, etwas zu finden, was man nicht gesucht hat.“

Das Unausgesprochene unter dem Glamour

So hat sie also Francois Ozon gefunden - oder ihn dazu gebracht, daß er sie findet. Und der hat gesagt, „Unter dem Sand“, die Geschichte der Frau, die den Tod ihres Mannes nicht wahrhaben will, sei auch eine Art Dokumentarfilm über Charlotte Rampling: an der Oberfläche der Glamour, die Magie, und der Eindruck, daß darunter etwas Unausgesprochenes verborgen liegt.

Tatsächlich gab es eine Art Familiengeheimnis, das erst nach dem Tod der Mutter ans Licht kam. Charlottes ältere Schwester Sarah, von der es immer geheißen hatte, sie sei 1966 an einer Gehirnblutung gestorben, hatte sich in Wahrheit selbst getötet - und der Vater hatte Charlotte dazu gebracht, der Mutter die Wahrheit zu ersparen. All das wurde durch „Unter dem Sand“ hochgewirbelt, und so ist es kein Zufall, daß Charlottes Rollenname in „Swimming Pool“, ihrer nächsten Zusammenarbeit mit Ozon, Sarah war.

Befreit aus der Depression

Der verleugnete Selbstmord, die verdrängte Trauer hatten in den Achtzigern in Depressionen gemündet, und natürlich sieht man nun das Auf und Ab ihrer Karriere in einem anderen Licht: „Ich möchte das alles nicht noch mal durchmachen. Aber wenn man einmal am Boden war, dann weiß man wenigstens beim nächsten Anfall von Melancholie und Depression, daß irgendwo im Hinterkopf das Wissen versteckt liegt, wie man sich daraus wieder befreit.“ Und wenn man die zweifache Mutter und dreifache Großmutter so hört, dann hat man den Eindruck, daß all das wirklich hinter ihr liegt und sie die zweite Karriereluft mit vollen Zügen genießt.

Der Jury-Vorsitz in Berlin ist ihre dritte Berufung bei einem A-Festival. 2000 saß sie unter Jane Campions Vorsitz in Venedig, 1976 war sie in Cannes, als Tennessee Williams Präsident war: „Das war kurz bevor er starb. Er hatte einen Übersetzer und einen Hund bei sich, und man mußte immer aufpassen, daß er bei den Vorführungen nicht einschlief.“ Über ihre filmischen Präferenzen will sie nicht sprechen, die Frage nach Lieblingsfilmen wimmelt sie ab - da läßt sie sich genausowenig in die Karten blicken wie in ihren Rollen. Nur soviel: „Ich weiß, ob ein Film mich bewegt, ob er mir Bilder und Dialoge gegeben hat, die ich nicht vergessen werde. Wenn acht Leute dazu bewogen werden, eine Entscheidung zu treffen, ist das immer ein faszinierender Prozeß. Darauf freue ich mich.“

Quelle: F.A.Z., 08.02.2006, Nr. 33 / Seite B3
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