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Veröffentlicht: 18.05.2017, 06:24 Uhr

Eröffnung des Festivals Ein Film übers Kino, wie Cannes es versteht

Autorenkino par excellence: Cannes eröffnet mit „Les Fantômes d’Ismaël“ von Arnaud Desplechin. Könnte es ein besseres Thema zur Eröffung der siebzigsten Ausgabe des Filmfestivals geben?

von , Cannes
© Not P/REX/Shutterstock Anhänglichkeit tut gut: Marion Cotillard (links) und Mathieu Amalric in einer Szene aus dem Eröffnungsfilm

Ein Filmregisseur kämpft mit den Geistern der Vergangenheit. Und einigen, die neu dazugekommen sind, ohne die alten zu vertreiben. Könnte es ein besseres Thema zur Eröffung der siebzigsten Ausgabe des Filmfestivals in Cannes geben, noch dazu gedreht von einem Franzosen, von Arnaud Desplechin, der sich vor dem großen Helden aller ernstzunehmenden französischen Regisseure – das war Alfred Hitchcock – ebenso verbeugt wie vor seinen inländischen Kollegen, den verstorbenen zumal, wie Alain Resnais? Und jenseits der Verbeugungen vollkommen selbstbezüglich bleibt, Figuren verwendet, die wir aus anderen Filmen kennen, die Genres wechselt vom Künstlerfilm zum Film über eine Verschwundene hin zu einem Spionagefilm (das ist der, über dem der Regisseur verzweifelt), der als Film im Film das Ganze einleitet?

Verena Lueken Folgen:

„Les Fantômes d’Ismaël“ dreht sich tatsächlich um Phantome, denn nichts in diesem Film ist jenseits seiner selbst von irgendeiner Bedeutung. Das muss nicht gegen ihn sprechen, im Augenblick spricht sogar einiges dafür, ein Festival so zu beginnen, um zu zeigen: Hier gelten andere Regeln – unsere ersten Anliegen sind nicht Brexit, Trump und ein neuer Präsident.

Alles, was am Kino noch lebendig ist

Ismaël heißt der Regisseur im Film, gespielt von Mathieu Amalric, der schon mal einen Ismaël für Desplechin gespielt hat (in „Reine et Roi“, da war er Musiker, hatte aber offenbar denselben Adaptivsohn, von dem er jetzt nur noch ein Foto zeigt). Seine Frau Carlotta – genau, wie die in „Vertigo“, hier gespielt von Marion Cotillard – ist seit 21 Jahren verschwunden. Dann taucht sie eines Tages wieder auf. Und tanzt zu Bob Dylans „It Ain’t me, Babe“, während zuvor die Musik nach Bernhard Hermann klang und auch von ihm war.

Eine Hitchock-Heldin und ein paar Takte von seinem Hauskomponisten machen aus einem Desplechin-Film noch keinen Hitchcock. Und so war es wohl auch gar nicht gedacht. Eher als Spiel mit möglichst vielen Ingredienzien, nicht nur den verschachtelten Geschichten, sondern auch den Wischblenden, ganz kurzen Einstellungen und ganz langen, Achsensprüngen, Handkamera, weiten Blicken und in die Gesichter gezogenen Zooms. Streckenweise wirkte das, als stünde alles in Anführungszeichen: „französische Spionagekomödie aus den Siebzigern“, „der Künstler verzweifelt“, „Abend bei Freunden in Paris“ und dergleichen mehr. Neben Amalric und Marion Cotillard sind noch Charlotte Gainsbourg, Louis Garrel, Hippolyte Girardot und Alba Rohrwacher dabei, alle in Rollen, die sie schon vielfach gespielt haben. Es gibt übrigens offenbar noch eine zwanzig Minuten längere Version des Films, die „intellektuelle“, wie der Regisseur in der Pressekonferenz sagt.

© dpa, Wild Bunch Germany Kinotrailer: „Les Fantômes d‘ Ismaël“

Das Festival findet zum zweiten Mal im Ausnahmezustand stand. Nach dem Anschlag in Nizza im vergangenen Juli sieht die Croisette deutlich verändert aus. Wo man bisher von der Straße auf die Promenade einfach durch die Beete stapfen konnte, wenn der Bürgersteig verstopft war, verstellen heute riesige Blumenkübel den Weg, Steinquader, Gitter. Dazu viel Polizei, militärisch bewaffnet. Hunde. Metalldetektoren am Festivalpalast. Ein Drohnenabwehrsystem überm Flughafen.

Es kann uns nichts passieren. Außer etwas Unerwartbares. Und langweiligen Filmen. Danach sieht das Programm erst mal nicht aus. Es lässt eine Phalanx von Autoren und auch ein paar Autorinnen aufmarschieren, als gelte es, sich den Feinden der Cinephilie mit aller Macht entgegenzustemmen, die behaupten, auch sie machten das, worum es hier geht: Filme. Wenn auch für andere Abspielplattformen. Gleichzeitig sind einige Spieler auf diesen anderen Plattformen aber auch eingeladen, weil sie sich früher schon als Angehörige der Cannes-Familie bewährt haben, wie David Lynch zum Beispiel, der zwei Teile der neuen „Twin Peaks“-Serie vorstellt, und Jane Campion, die mit der zweiten Staffel von „Top of the Lake“ kommt, ihrer sechstündigen Miniserie, deren erste Staffel sie bei der Berlinale vor einigen Jahren zeigte.

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Einen kleinen Sturm entfachten bereits die beiden Filme von Netflix, die Ende Juni ohne Kinoauswertung auch in Frankreich für die Abonnenten des Streamingdiensts verfügbar sein werden. Das soll in Zukunft nicht mehr möglich sein. Kino als Erfahrungsort – möglicherweise werden wir vor allem dazu in Zukunft die Festivals brauchen. Alles, was an ihm noch lebendig ist, ist in Cannes versammelt. Wenn nicht im offiziellen Programm – in dem Studiofilme selbst außerhalb des Wettbewerbs auffallend fehlen –, so doch am Markt, von dessen ersten Deals bereits berichtet wurde, bevor das Festivals eröffnet war. Unter anderem, so wurde gemeldet, für „Les Fantômes d’Ismaël“, diesen Film übers Kino, wie Cannes es versteht.

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