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Filmfestival : Zur Lage der Liebe in Cannes

Ihre Sehnsucht gilt einer anderen: Cate Blanchett als „Carol“ Bild: dpa

Nach den ersten Tagen beim Filmfestival überragen zwei Filme die anderen: „The Lobster“ von Yorgos Lanthimos und „Carol“ von Todd Haynes erzählen von surrealer Partnersuche und bohrendem Sehnsuchtsgefühl.

          Wenn Sie die Wahl hätten, ein Tier zu sein, warum nicht ein Hummer? Er lebt lange, sollte er nicht vorher gegessen werden, sein Sexualtrieb und seine Fruchtbarkeit lassen bis zum Ende nicht nach, er kann sich auch gut verteidigen (außer gegen uns). Die meisten Menschen aber wären lieber ein Hund. Oder auch ein Esel, jedenfalls wird ein solcher am Anfang des bisher seltsamsten Films des Wettbewerbs von einer Frau erschossen, einfach so. Sie fährt mit dem Auto durch den Regen zu einer Koppel, steigt aus, geht zu einem Esel und schießt, und der Esel fällt tot um.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Was das mit Griechenland und seiner langen Krise zu tun hat? Keine Ahnung. „The Lobster“ ist zwar ein griechischer Film, einer der meisterwarteten in diesem Jahr, weil sein Regisseur Yorgos Lanthimos in den vergangenen Jahren mit „Dogtooth“ und „Alpes“ bereits unvergessen sonderliche Filme gedreht hat. Aber von einem Film zu erwarten, Antworten zu geben auf Fragen, zu denen der Politik nichts einfällt, ist lächerlich.

          Doch gerade auf Filmfestivals, auf denen die Globalisierung des Geschäfts wie der Kunst in jedem Vorspann, der die internationalen Geldgeber aufzählt, offensichtlich wird, soll sie andererseits auch außer Kraft gesetzt sein. Wenn es schon keine nationalen Kinematographien mehr gibt, so die weitverbreitete Haltung, kann nicht wenigstens jeder einzelne Regisseur für sein Land einstehen? Yorgos Lanthimos also für Griechenland? Dabei lebt Lanthimos seit Jahren in London, und seinen Wettbewerbsfilm „The Lobster“ hat er auf Englisch in Irland gedreht. In den Hauptrollen sehen wir internationale Stars mit festem oder vorübergehendem Wohnsitz in Hollywood, allen voran Colin Farrell, der einen weichen Bauch mit sich herumträgt, Rachel Weisz, John C Reilly, Léa Seydoux und Ben Whishaw.

          Lieber zu zweit auf wilder Wiese als allein im sonderlichen Hotel: Szene aus „The Lobster“
          Lieber zu zweit auf wilder Wiese als allein im sonderlichen Hotel: Szene aus „The Lobster“ : Bild: Imago

          „The Lobster“ also, trotz anderslautender Berichte, erzählt uns nichts über die Lage des Landes, in dem sein Regisseur geboren wurde. Mehr über die Lage der Liebe in Zeiten, in denen die Menschen nach besonderen Merkmalen oder Vorlieben sortiert werden – der eine hinkt, der anderen blutet oft die Nase –, vor allem aber danach: sind sie allein oder zu zweit? Wenn sie allein sind, so der Ausgangspunkt von „The Lobster“, kommen sie in ein Hotel, in dem sie innerhalb von 45 Tagen einen Partner finden können. Gelingt das nicht, verwandelt man sie in das Tier ihrer Wahl. In der Stadt müssen sie Lizenzen vorzeigen, dass sie einen Partner haben, sonst werden sie ins Hotel eingewiesen. Draußen im Wald leben die anderen, die ohne Partner, die aus dem Hotel vor ihrer Verwandlung fliehen konnten. Auch sie folgen strengen Regeln. Von denen die wichtigste heißt: keine Liebesbeziehungen. Keine Berührungen. Die Strafen bei Zuwiderhandeln sind drastisch, wie im Hotel. Die Hotelgäste veranstalten regelmäßige Jagden auf die Waldbewohner, für jeden Abschuss gibt es einen Tag mehr für die Partnersuche und also als Mensch und dessen oberstes Ziel: die Kleinfamilie, und nur sie.

          Diese ziemlich grimmige Dystopie entwickelt nah an ihren surrealistischen Vorbildern im und außerhalb des Kinos eine komische Zärtlichkeit. Diese führt gerade zu dem, was im Hotel nicht gelingt und im Wald verboten ist, einer Liebesgeschichte nämlich von extremer Dimension. Colin Farrell, der ein Hummer wäre, wäre ihm die Flucht in den Wald nicht geglückt, entwickelt sich vom erstaunt naiven Weichling zum entschlossenen Liebhaber, der sein Augenlicht gäbe für die Frau seiner Wahl, Rachel Weisz. Und wie er in Zeitlupe und einem langen Regencape über der zu engen Hose mit einem Gewehr in der Hand durch den nächtlichen Wald stolpert und all unsere Sympathien auf seiner Seite hat, würden wir ihn nicht eintauschen wollen für Alexander den Großen, den er mit soviel weniger Fett um die Mitte vor ein paar Jahren spielte.

          Ob Carol und Therese unter den Bedingungen des Hotels in Beige an der irischen Küste zueinander gefunden hätten? Unwahrscheinlich. Die Bedingungen, die Patricia Highsmith in ihrem Roman „Das Salz und sein Preis“ für sie erfunden hat, sind schon schwierig genug. Wenn auch bei weitem nicht so surreal wie in „Lobster“ und ohne die komischen Wendungen.

          „Carol“ hat Todd Haynes seinen Film nach diesem Roman aus den frühen Fünfzigern genannt, mit Cate Blanchett die bestmögliche Besetzung der Carol gefunden, einer wohlhabenden eleganten Frau, die sich in die junge Therese verliebt, gespielt von Rooney Mara. Patricia Highsmith hat den Roman unter Pseudonym geschrieben und ist erst nach mehr als dreißig Jahren mit ihrer Autorschaft herausgerückt, was unter anderem zeigt, wie heikel die Liebe zweier Frauen damals war, wie unmöglich im öffentlichen Bewusstsein. Und in dem Film von Haynes sehen wir das alles und mehr – eine so tiefe Sehnsucht zwischen zweien jenseits der Form, die für Sehnsucht vorgesehen ist, die sich sowieso nur zwischen Männern und Frauen schickt, wenn überhaupt.

          Es ist ein Kino der großen Gefühle jenseits von Kitsch und Sentimentalität, das Haynes hier ebenso durch Dekor, Kostüme und Referenzen an Filme der Fünfziger evoziert wie auch noch einmal neu erschafft. Die Kamera scheint immer in einer leichten Bewegung zu sein, sich hierhin und dorthin zu neigen, aus der Nähe herauszugehen und wieder in sie hinein, eine innere Bewegung und eine Erregung nachvollziehend, die zwischen diesen beiden Frauen wächst. Es geht auch um das Sorgerecht für Carols Kind, das ihr Mann in Scheidung ganz für sich haben will, weil er Carol für moralisch nicht geeignet hält, ihre Tochter großzuziehen. Und wie Carol in Gestalt von Cate Blanchett sich nicht von ihrer Liebe lossagt und dennoch ihren Mann vom Kontaktverbot zurückhält, das hat eine Größe, vor der auch die starrsinnigen Leute im Hotel zur Mann-Frau-Findung möglicherweise in die Knie gegangen wären.

          Täglich Neues aus Cannes gibt es im Blog unter www.faz.net/cannes

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