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Fatih Akins „Aus dem Nichts“ : Von Recht und Rache

Diane Kruger in „Aus dem Nichts“ Bild: HANDOUT/REX/Shutterstock

Zielsicher und verstörend hat Fatih Akin die Verbrechen der NSU aufgegriffen: Diane Kruger überzeugt im Film „Aus dem Nichts“ als Frau, deren Mann und Sohn von Neonazis ermordet wurden.

          Gegen Ende des Festivals dreht das Programm immer noch einmal auf. Das ist in den letzten Tagen die Hoffnung gewesen, und so kam es. Plötzlich brach die Thriller-Zeit im Wettbewerb an. Nach den zahlreichen Filmen, die vom Zusammenbruch der bürgerlichen Mitte oder auch der Trunksucht der Russen erzählten und uns zeigten, wie Elektronik wahre Gefühle verdrängt und die Kunst dagegen nichts ausrichtet und ähnliche unstimulierende Geschichten, kommt erst jetzt, da das Festival fast vorbei ist, physische Intensität und Spannung und damit körperliche Reaktion auf das, was da auf der Leinwand geschieht, endlich auch in den Wettbewerb. Nur in den Sondervorführungen einer Reihe von koreanischen Actionfilmen konnte man das vorher schon haben.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Brüder Josh und Bennie Safdie jagten mit „Good Times“ einen fulminanten Genrefilm durch den Palast, rasend schnell, unruhig, laut, hektisch auch, mit einem blond gefärbten Robert Pattinson in der Hauptrolle des Connie und einem der Regisseure, Bennie Safdie, als behindertem Bruder Nick an seiner Seite. Die beiden überfallen eine Bank, was halb daneben geht, weil kurz darauf Nick gefasst wird und ins Gefängnis kommt. Nun geht es darum, wie Connie ihn dort, genauer aus dem Krankenhaus, in dem er nach einer Schlägerei liegt, wieder herausholen wird. Die Geschichte ist wirklich nichts Besonderes. Aber wie sie gedreht ist, im Guerillastil in New York, was das Tempo erklärt, mit einer Energie, die alles, was vorher war, vom Platz fegte, das war der längst überfällige Befreiungsschlag des puren Kinos gegen die Themenlast, die den Wettbewerb so schwerfällig machte wie lange nicht mehr.

          Der Zweifel spricht für die Angeklagten

          „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin, der deutsche Beitrag im Wettbewerb, ist ebenfalls ein Thriller, allerdings einer, der auch ein Thema außerhalb seiner selbst hat und seine Spannung von der Explosion einer Bombe im Prolog, der ein Mann und ein Kind zum Opfer fallen, bis zur Explosion einer zweiten Bombe am Ende nicht immer hält, nicht immer halten will. Denn neben dem Thriller ist dies auch die Geschichte einer Frau, die alles verliert, was ihr lieb ist. Und die Geschichte einer Justiz, die trotz eindeutiger Beweislage einen Zweifel zulässt, der für die Angeklagten spricht. Die Angeklagten sind ein Mann und eine Frau, zwei Neonazis mit internationalen Verbindungen. Die Frau, deren Mann und Kind ermordet werden, heißt Katja. Ihr Mann hieß Nuri. Er war Türke und saß früher einmal wegen Drogenhandels. Rocco, ihr gemeinsamer Sohn, war fünf.

          Kinotrailer : „Aus dem Nichts“

          Der NSU und ihre Verbrechen als Material für eine Justiz- und Selbstjustizgeschichte mit Diane Kruger in der Hauptrolle - funktioniert das? Diane Kruger spielt Katja mit einer Leidenschaft, die in der Trauer versteinert. Ihre Eltern waren offenbar immer gegen die Ehe mit Nuri, wie dessen Eltern auch, was ein bisschen schematisch wirkt. So bleibt Katja mit ihrem Anwalt, gespielt von Denis Moschitto, allein. Die Lage ist im Prinzip so, wie es im polizeilichen Umgang mit den Anschlägen des NSU zwischen 2000 und 2007 gewesen war: Statt Ermittlungen im rechten Milieu erstmal die Durchsuchung der Wohnung des Ermordeten und seiner Familie, die Ausleuchtung des Hintergrunds seiner Kontakte, Verdacht gegen Kurden, gegen die türkische Mafia, und erst als es gar nicht anders geht das Eingeständnis, dass es sich bei dem Bombenattentat nicht um die Auseinandersetzung verfeindeter ausländischer Organisationen oder um eine persönliche Rachegeschichte handelt, sondern dass es Neonazis waren. Motiv Fremdenhass.

          In der Mitte des Films daher: die Gerichtsverhandlung. Ein dämonischer Anwalt der Nazis. Ein verantwortungsvoller Vater, den Ulrich Tukur spielt, der an der Tat seines Sohns nicht verzweifelt, sondern Katja zu Kaffee und Kuchen einlädt, sollte sie mal in seiner Gegend sein. Ein Richter, der nicht anders kann, als Recht zu sprechen, auch wenn es Unrecht ist. Im Kino ist die zwangsläufige Konsequenz einer solchen Gemengelage klar. Deshalb dreht Akin im letzten Teil noch einmal auf und setzt eine Rachegeschichte in Gang, die einen außerordentlich nervös macht. Und die Diane Kruger einige Szenen schenkt, in der sich durch ihre Versteinerung hindurch ganz allein mit sich und ihrem Plan Ambivalenz zeigen kann, Zweifel auch und immer wieder Trauer ohne jedes Selbstmitleid bis hin zu einem wahnwitzigen Schluss, der das Publikum kurz aufjapsen ließ.

          Wer am Sonntag Abend nun gewinnen wird? Keine Ahnung. Nach dem vergangenen Jahr, in dem alle mit „Toni Erdmann“ rechneten und sich irrten, sind in diesem Jahr alle ratlos.

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          Quelle: F.A.Z.

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