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Kiarostamis und Coppolas Filme : Sehnsucht und Schönheit in Cannes

Trotz großem Staraufgebot in der Besetzung von „The Beguiled“ kommt das Remake von Sofia Coppola nicht an das Original mit Robert Redford heran. Bild: Foto Cannes

Abbas Kiarostamis letzter Film überrascht mit einem fast meditativen Werk. Sofia Coppolas „The Beguiled“ kann im Wettbewerb des Filmfestivals Cannes nicht so recht überzeugen.

          Noch sind es zwei volle Festivaltage bis zum Ende, aber Cannes leert sich bereits. Der Filmmarkt ist vorbei, mit mäßigen Ergebnissen, so heißt es in den Branchenblättern, die ihr Erscheinen auf Papier zu dieser Zeit immer einstellen, weil keine Anzeigen mehr geschaltet werden. Gute Filme sind immer noch dringend gesucht, und immer noch keimt die Hoffnung jedes Mal, wenn der Festivaltrailer läuft, jetzt sei es vielleicht so weit.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Manche Filme allerdings klingen von vornherein so langweilig, dass selbst diese Hoffnung ausbleibt. „24 Frames“ etwa, der letzte Film des im vergangenen Juli verstorbenen großen Iraners Abbas Kiarostami. Ein Film, der aus vierundzwanzig kurzen Teilen besteht, die sich zu zwei Stunden addieren und jeweils ein Foto zum Ausgangspunkt haben. Kiarostami hat gefilmt, was vorher oder nachher geschah. Vor allem in Schwarzweiß.

          Archivfoto: Abbas Kiarostami 2012 in Cannes
          Archivfoto: Abbas Kiarostami 2012 in Cannes : Bild: dpa

          Muss das sein? Es klingt erst mal wie eine typische Übung in künstlerischer Selbstüberschätzung. Doch dann die Überraschung: Auf der Leinwand entfalteten diese vierundzwanzig Teile nicht nur eine große Schönheit, sondern auch einen Sog ins Meditative, der einen, auch wenn es zwischendurch durchaus etwas langweilig wurde, verändert aus dem Kino gehen ließ. 24 Bilder hat eine Filmsekunde. Godard hat deshalb einmal gesagt, Film, das sei vierundzwanzigmal die Wahrheit in der Sekunde. Das ist oft variiert worden, vor allem zum Gegenteil: Film sei vierundzwanzig mal Lüge in der Sekunde. Kiarostami wollte mit seinem Titel vermutlich, dass wir daran denken, weil es der Angelegenheit einiges Pathos verleiht. Er hatte dann aber doch etwas geringfügig anderes im Sinn. Ihn interessierte die Frage, inwieweit der Künstler die Wirklichkeit im Blick hat, und was es bedeutet, dass Filmemacher dazu vierundzwanzig Bilder in der Sekunde brauchen, Maler aber mit einem Bild auskommen.

          Über Ozeane, Wälder und Strände hinweg

          Zum Beginn zeigt er deshalb Pieter Bruegels „Jäger im Schnee“. Kurz steht das Bild still, dann steigt Rauch aus einem der Schornsteine auf, die Krähen beginnen zu flattern und zu krächzen, ein Hund schnüffelt herum. Doch die Jäger bleiben regungslos. Nach etwa vier Minuten wird die Leinwand wieder dunkel, bevor das nächste Bild erscheint. Aus dem Auto gefilmt zwei Pferde im Schnee, dazu Tangomusik. Die Kamera bewegt sich nicht, aber die Pferde. Sie scheinen zu tanzen, die Musik aufzunehmen, die gar nicht in der Szene spielt, sondern darübergelegt ist, dazu beginnt es wieder zu schneien. So geht es mit jedem Bild weiter, über Ozeane, Wälder und Strände hinweg, von Hunden, Schafen, Vögeln und Hirschen immer wieder im Schnee oder im Regen, auf ein phantastisches Ende zu. Es war der Beitrag, den das Festival zur Gala seines siebzigsten Jubiläums ausgesucht hatte, eine weise Wahl, bewies doch bisher kein anderer Film die transformative Kraft, die das Kino hat, wenn auch nur für die wenigen Menschen, die diesen Film je sehen werden.

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          Was hingegen im Wettbewerb von Sofia Coppolas Remake des alten Don-Siegel-Films von 1971, „The Beguiled“, zu erwarten war? Sie wolle die Geschichte eines Yankees im Bürgerkrieg, der verletzt von einer Gruppe von Frauen in einem Mädchenpensionat in Virginia gepflegt wird und unter den Schülerinnen wie bei der Direktorin für sexuelle Verwirrung sorgt, aus der Perspektive der Frauen erzählen. Das war insofern eine verwirrende Ansage, als auch der Film von Don Siegel keineswegs allein aus dem Blickwinkel des Mannes, dort gespielt von Clint Eastwood, gedreht ist. Wie auch immer, Sofia Coppola wollte die schwüle Südstaaten-Geschichte noch einmal drehen und kam damit in den Wettbewerb nach Cannes. Ein Haus, das aussieht wie die kleine Schwester von Tara aus „Vom Winde verweht“. Die Sklaven, sagt die Direktorin, sind längst weg. Drumherum moosbewachsene Bäume, durch die Sonnenlicht fällt und die Luft tanzen lässt, die Mädchen und Frauen in züchtigen und später nicht mehr ganz so züchtigen Kleidern, Plantagenbesitzerzubehör drinnen, vom Silber über Leuchter zu Tischdecken und Stickrahmen für die Mädchen, die jetzt allein sind, später aber über alle Dinge eines gutgeführten Haushalts Bescheid wissen sollten: Französisch, nähen, sticken, Pilze sammeln. Das jüngste Mädchen findet den verletzten Soldaten, und die Geschichte kann beginnen.

          Die Besetzung ist herausragend. Nicole Kidman spielt die Direktorin, Kirsten Dunst die Lehrerin der fünf Schülerinnen, unter denen Elle Fanning die Verführerin gibt. Colin Farrell ist der Verletzte. Doch während Eastwood in Siegels Version die Frauen gegeneinander ausspielt, bei einer Gefühl, bei der anderen Leidenschaft und bei der dritten eine Geschäftsidee vortäuscht, ist Farrell hier vergleichsweise harmlos und insofern tatsächlich Spielball der unterdrückten Begierden der Frauen und Mädchen, die ihn pflegen. Aber trotz der sehnsüchtigen Blicke, der Bemerkungen, der Einladungen zum abendlichen Brandy oder zur Musik- und Gebetsstunde danach, die alle sehr geschmackvoll und dekorativ arrangiert sind, wirkt der Film brav. Dabei schrecken auch diese Frauen vor dem Äußersten nicht zurück. Was auch immer Sofia Coppola wollte, als sie dieses Remake drehte – dem Film sieht man es nicht an.

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          Quelle: F.A.Z.

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