26.05.2006 · Marie Antoinette war eine der meistgehaßten Frauen der französischen Geschichte. In Cannes hat Sofia Coppola nun ihren Film mit Kirsten Dunst in der Titelrolle vorgestellt - und überzeugte nicht jeden.
Von Verena Lueken, CannesPink, die Farbe, die in diesem Jahr niemand mehr trägt, der den roten Teppich zum Festivalpalast hinaufschreitet, ist die Farbe der Marie Antoinette, wie Sofia Coppola sie sieht. Pink sind die Törtchen, die sie sich in den Mund schiebt, pink sind die meterhohen Federn, mit denen ihr Coiffeur den Perückenturm krönt, pink sind zahlreiche der Schuhe, die der spanische Schuhdesigner Manolo Blahnik für sie entworfen hat, pink leuchten alle möglichen Pasteten, Kirschen, Dekolletes.
Und nur ganz am Anfang, wenn Kirsten Dunst in der Rolle der skandalösen Königin zum Abschluß eines rockigen Vorspanns, auf einer Chaiselongue ausgestreckt, uns über eine mehrstöckige pinkfarbene Sahnetorte anblickt, ihr pinkfarbenes Pantöffelchen am Fuß schaukeln läßt und uns einmal kurz zuzwinkert, nur in diesem Moment glauben wir, daß mit dieser Farbe etwas gewonnen werden kann, das Weiß oder Blau uns nicht bieten würden: eine Art „Legally Blonde“ in Versailles, erzählt mit den Mitteln von „Romeo and Juliette“. Was folgte, wurde aber am Ende der ersten Pressevorführung mit lauten Buhs zwischen schütterem Applaus bedacht. Und später dann, o Wunder, mit wohlwollender bis begeisterter Kritik.
Kein Empfangsapplaus
Sofia Coppola, so sagte sie in der Pressekonferenz, in der sich niemand zu einem Empfangsapplaus für sie und ihre Darsteller, darunter auch Marianne Faithfull (die Maria Theresia spielt), entschließen konnte, werde keine politischen Kommentare abgeben. Wahrscheinlich war das eine weise Entscheidung. Aber immerhin hatte sie gerade einen Film über eine der meistgehaßten Frauen der französischen Geschichte vorgestellt - einen Film, in dem die Revolution eine Minute am Ende bekommt und Marie Antoinette als zwar verwöhntes und verschwendungssüchtiges Geschöpf, aber vor allem als naiver Teenager in einem höfischen Zwangssystem erscheint, dessen Opfer sie ist und in dem sie zu ersticken droht, dann als junge Frau mit viel Spaß an großen Partys und später als liebevolle Mutter, der man eigentlich nicht den Kopf abhacken muß, nur um politisch etwas zu demonstrieren.
Was da in Frankreich geschieht, während Marie Antoinette Törtchen ißt und sich in die künstliche Schäferei von Le petit Trianon zurückzieht, um mit ihrer Tochter Lämmer zu streicheln, interessiert Sofia Coppola nicht, die daraufhin mit allem Recht antworten könnte, Marie Antoinette habe das ja auch nicht interessiert. Aber wäre nicht die Geschichte, wie eine vierzehnjährige österreichische Prinzessin, ohne je gefragt zu werden, an einem fremden Hof voller Intriganten in politische und persönliche Ranküne verwickelt wird, die sie nicht durchschaut, die viel interessantere Geschichte gewesen?
Großartige Bilder von Versailles
So aber bekommen wir großartige Bilder von Versailles, wo Sofia Coppola offenbar unbegrenzten Zutritt hatte, eine schier unendliche Fülle grandioser Garderoben, Schuhe und Frisuren, überzeugende Darstellerleistungen und eine an vielen Stellen unsichere Regie, die die große Zahl an Personen bei den vielen Festen und höfischen Zeremonien nicht zueinander in Beziehung setzen kann. Statt Dialog und Interaktion gibt's dann eine Erzählerstimme und nach einer knappen Stunde: Langeweile. Daß Sofia Coppola französische Musik des achtzehnten Jahrhunderts mit Pop von heute mischt, funktioniert außer im Vorspann nur in einer einzigen Szene - bei einer entfesselten Fahrt durch Marie Antoinettes Schuhschrank, in dem zwischen fellgefütterten und schnabelnasigen auch ein Paar Turnschuhe liegt. All Star, nicht Manolo Blahnik.
Ein weiterer Wettbewerbsbeitrag, der unter regelmäßigen Festivalbesuchern mit einiger Spannung erwartet wurde, „Flandres“ des Franzosen Bruno Dumont, löste nur vereinzelt Enthusiasmus aus. Er zeigt uns einen Bauernjungen aus Flandern mit Namen Demester, der in einen nicht weiter benannten Krieg in irgendein arabisches Land aufbricht und alle Verrohungen durchläuft, während in Flandern seine Freundin, die auch mit einem seiner Kameraden geschlafen hatte, plötzlich verrückt wird. Das Tempo bewegt sich, wie immer bei Dumont, an der Grenze zum Stillstand, und wir sehen lange in Gesichter, in denen das Elend der Welt zu Hause ist, aber nur irgendwie, niemals konkret. Man gewinnt den fatalen Eindruck, daß es Dumont, der viel mit nichtprofessionellen Darstellern arbeitet, auch nicht interessiert.
Universelle Tragik
Der Mexikaner Alejandro Gonzalez Inarritu gehört, mit Aki Kaurismäki und einigen anderen Regisseuren mit Filmen in Seitensektionen zu denen, die in diesem Jahr eine Trilogie abschließen - ganz ersichtlich ist das Prinzip nicht, aber bei Inarritu ist der dritte Film, „Babel“, der um die Goldene Palme konkurriert, tatsächlich auch ein Schlußpunkt, und zwar unter die Zusammenarbeit mit seinem Drehbuchautor Guillermo Arriaga, der nach „Amores perros“ und „21 Grams“ auch „Babel“ für ihn geschrieben hat. Und zwar nach mehr oder weniger demselben Prinzip: drei Geschichten, die in vier Ländern spielen, und zwar in Mexiko (wie „Amores perros“), in den Vereinigten Staaten (wie „21 Grams“), in Marokko und in Japan, die durch einen Gewehrschuß verbunden sind, vor allem aber durch eine universelle Tragik der Nichtverständigung.
„Babel“ spricht in vielen Sprachen, Spanisch und Englisch, Japanisch, Zeichensprache und in einem arabischen Dialekt. Eine mexikanische Kinderfrau (Adriana Barraza) nimmt zwei amerikanische Kinder, die sie betreut, mit zu einer Hochzeit nach Mexiko. Eine taubstumme junge Japanerin (Rinko Kikuchi) kämpft mit ihrer Trauer über den Tod der Mutter und versucht, sexuell Kontakt herzustellen. Ein unglückliches amerikanisches Ehepaar (Cate Blanchett und Brad Pitt) wird durch einen Unfall in der Wüste Nordafrikas festhalten. Das alles geschieht über zwei Tage, und wenn man Inarritu fragt, worum es in seinem Film gehe, dann sagt er, was schon der Titel offenbart: „Es geht um Menschen, die versuchen, über alle Hindernisse und Sprachgrenzen hinweg zu kommunizieren, und darum, wie zerbrechlich sie dabei sind.“
In gewisser Weise zeigte das auch „Indigenes“ des Franzosen Rachid Bouchareb, der mit den Mitteln des konventionellen Kriegsfilms von einer der afrikanischen Einheiten in der französischen Armee erzählt, die in Italien, in der Provence, den Vogesen und im Elsaß gegen die Deutschen kämpften, und dann vergessen wurden. Ein wenig wie Marie Antoinette bei Sofia Coppola blieben sie Fremde in diesem Land. Aber sie zahlten nur und bekamen gar nichts dafür. Nicht einmal ein Törtchen.