21.05.2004 · Ernesto Guevara sucht die Wahrheit in Tanzhallen und Heuschuppen neben der Straße. Filme von Walter Salles und Olivier Assayas beim Festival in Cannes zählen zu den Preisfavoriten. Wer wird die Palme gewinnen?
Von Andreas Kilb, CannesIm Januar 1952 steigen zwei junge Argentinier in Buenos Aires auf ein altes Motorrad, um gemeinsam den südamerikanischen Kontinent zu erkunden. Der eine, Alberto Granado, ist Biochemiker, der andere, Ernesto Guevara de la Serna, studiert Medizin. Sein Porträt wird später, nach seinem frühen Tod, in allen Studentenbuden der westlichen Welt hängen, überschrieben mit seinem Kampfnamen: Che Guevara.
Der brailianische Regisseur Walter Salles hat die Geschichte dieser Fahrt filmisch nacherzählt. "The Motorcycle Diaries" überblendet zwei verschiedene Erinnerungen, die geschönte, nachträglich überhöhte des Berufsrevolutionärs Che Guevara (aus seinem Buch "Reisenotizen") und die authentischen Tagebuchaufzeichnungen seines Freundes Alberto Granado.
Granado ist inzwischen zweiundachtzig Jahre alt und hat mehrere Herzinfarkte hinter sich, aber er flog dennoch tapfer nach Cannes, um für den Film einzustehen, der eine zentrale Episode seines Lebens dokumentiert. Es sind solche Besuche, die ein Festival wie dieses unvergeßlich machen.
Ein Kontinent der Armut
Der Film von Salles beginnt als großbürgerliche Idylle. Die beiden Freunde fahren zu einer Hacienda von Guevaras Verwandten, wo der schöne Ernesto (Gael García Bernal) mit seiner Kusine anbandelt, bevor er mit dem handfesteren Alberto (Rodrigo de la Serna) weiterzieht, gebrochene Herzen und unhaltbare Versprechungen hinterlassend. Doch je länger die Reise dauert, je tiefer die beiden Motorradfahrer in die Einöden und Urwälder Patagoniens, Chiles und Perus eindringen, desto deutlicher erscheint die bittere Realität Südamerikas.
Es ist ein Kontinent der Armut, den Ernesto und Alberto kennenlernen, ein Reich der Tagelöhner und Kleinpächter, der entwurzelten Indios, der Klassenherrschaft und der Korruption. Man könnte dies alles in drastischen Farben schildern, wie es viele andere Spielfilme getan haben, aber Salles hat sich dafür entschieden, das allgemeine Elend nur beiläufig am Rande aufblitzen zu lassen, und diese Entscheidung macht seinen Film groß.
Eindrücke werden zu unumstößlichen Einsichten
"The Motorcycle Diaries" ist zuerst und vor allem ein Road Movie, also das Gegenteil eines Lehrstücks: eine Geschichte nicht von Thesen, sondern von Straßen und Plätzen, Tanzhallen und Heuschuppen. Erst allmählich erkennt man im Gesicht von Ernesto, dem der Mexikaner Gael García Bernal die Zartheit eines Stendhalschen Helden verleiht, wie die Etappen zu Denkschritten, die Eindrücke zu unumstößlichen Einsichten werden.
Seinen dramatischen Höhepunkt erreicht der Film in einer Leprastation auf beiden Ufern eines Flusses in Peru, wo sich die beiden Reisenden als Assistenzärzte einquartieren. Am Ende ihres Aufenthalts hält Ernesto vor dem Pflegepersonal eine improvisierte Abschiedsrede, in der er die Aufteilung Südamerikas in unterschiedliche Länder als Lüge und Selbstbetrug verdammt. Dann wählt er den kürzesten Weg vom Gedanken zur Tat: Er stürzt sich in den Fluß, um das Lager der Leprösen auf der anderen Seite zu erreichen, in der Schwärze einer mondlosen Nacht.
Tarantionos exzentrischer Geschmack
Das Kino liebt solche Geschichten, und das Publikum der Filmfestivals liebt sie noch mehr. Nach acht Tagen Wettbewerb ist "The Motorcycle Diaries" der Favorit für die Goldene Palme, auch wenn manche Kritiker die nostalgische Sentimentalität und das fehlende politische Bewußtsein des Films bemängeln. Andererseits ist Quentin Tarantino, der Jurypräsident, für seinen exzentrischen Geschmack und seinen Eigensinn bekannt, und so könnte die Entscheidung der Jury am Ende alle Voraussagen düpieren.
Tarantino könnte zum Beispiel Mamoru Oshiis Manga-Verfilmung "Innocence" mögen, den ersten japanischen Anime, der je im Wettbewerb von Cannes zu sehen war. "Innocence" ist ein Malstrom gewaltiger Bilder, die um ein dünnes Science-fiction-Märchen kreisen, die Geschichte einer neuen Generation von weiblichen Androiden, die von der Mafia (japanisch: Yakuza) für ihre Zwecke abgerichtet werden. Das treffendste Zeugnis stellt der Film sich selber aus, indem er immer wieder vom Innenleben der Puppen spricht, von ihrer Menschenähnlichkeit, ihren Träumen, ihrem Tod.
"Innocence" ist selbst eine solche Puppe, ein Spektakel, das einem Spielfilm so ähnlich sieht, wie es ein Ensemble überstilisierter Zeichentrickbilder eben vermag, das aber im übrigen ebenso leblos und aseptisch wirkt wie die Wesen, die es beschwört.
"Clean" - ein Road Movie ohne Straße
Der Franzose Olivier Assayas hat in seinem vorigen Film von den internationalen Intrigen der Manga-Industrie erzählt. In "Clean" kehrt er zu einem einfacheren Sujet zurück, ohne deshalb den Rahmen zu verkleinern. Emily Wong (Maggie Cheung) tourt mit ihrem Ehemann Lee, einem alternden Rockstar, durch die Vorstadtbühnen Kanadas. Als Lee an einer Überdosis Drogen stirbt, kehrt Emily in ihre Wahlheimat Paris zurück, während ihr kleiner Sohn Jay mit seinen Großeltern nach London fährt.
In diesem Dreieck London-Paris-Vancouver spielt der Film, oder besser: Er versucht es. Aber er findet keinen Ort, keinen Schauplatz für seine Figuren. "Clean" ist ein Road Movie ohne Straße, und je länger die Geschichte dauert, desto weniger kann man unterscheiden, ob diese Weltlosigkeit ihr Thema ist oder ihr Problem. Weil Nick Nolte den Großvater des Jungen spielt, den Kontrahenten und späteren Verbündeten Emilys, und weil Maggie Cheung noch immer zu den aufregendsten Schauspielerinnen des Gegenwartskinos zählt, schaut man dem Film dennoch gern zu, aber wenn "Clean" nach knapp zwei Stunden zu Ende ist, weiß man schon bald nicht mehr, was man da eigentlich gesehen hat.
Ein Frauenporträt? Ein Melodram? Eine kleine Geschichte der französischen Rock-'n'-Roll-Industrie? Etwas von allem womöglich, und doch nichts von alledem.
Und der deutsche Beitrag?
Drei Wettbewerbsfilme kommen noch, darunter Wong Kar-wais seit langem erwartetes und mit einem Tag Verspätung eintreffendes neues Werk "2046" - dann ist das Fest vorbei. In den Kritikerlisten der Festivalzeitschriften, die den Meinungsdurchschnitt der internationalen Filmpublizistik widerspiegeln, rangiert Hans Weingartners deutscher Beitrag "Die fetten Jahre sind vorbei" unter ferner liefen. Das muß nichts heißen, schließlich gab es Festivaljahre, in denen allseits verachtete Filme die Hauptpreise gewannen. Aber das ist lange her.