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Cannes „Wall Street“: Gier ist geil!

15.05.2010 ·  Nach dreiundzwanzig Jahren kehrt Gordon Gekko, der Held aus „Wall Street“, auf die Leinwand zurück. In Cannes lief die Fortsetzung außer Konkurrenz, überzeugte aber einmal mehr mit Michael Douglas in der Hauptrolle.

Von Verena Lueken, Cannes
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Manchmal ist dies das Erste, was man bei einem Film spürt: ob die Leute, die ihn gemacht haben, sich in ihrer Haut wohlfühlten. Dann kann nicht viel schiefgehen, außer man gewinnt den Eindruck, einer privaten Spaßveranstaltung beizuwohnen, bei der man nichts verloren hat. In Oliver Stones „Wall Street: Money Never Sleeps“ ist vom ersten Bild an klar: Hier, in dieser Stadt, diesem Milieu, dieser Geschichte sind die, denen wir zwei Stunden lang zuschauen werden, zu Hause. Das ist natürlich nicht alles, was zählt. Aber es ist mehr, als sich von fast allen anderen Filmen des Festivals bisher sagen lässt.

Dreiundzwanzig Jahre sind vergangen, seit wir Gordon Gekko kennenlernten, den Schurken von der Wall Street aus Oliver Stones „Wall Street“. Diese Figur und der Film hatten vermutlich größeren Einfluss als irgendein anderer Kinofilm auf die Investmentbanker, die seitdem reich und zum Teil wieder arm geworden sind. Sein Stil einschließlich der zurückgekämmten Haare und der Hosenträger wurden zu Markenzeichen. Da, wo Geld gemacht wurde, bedeuteten sie nicht Schurkerei, sondern Coolness und Macht. Sie zeigten an, wer mitspielte.

Wie Diamanten im Sonnenlicht

Heute sieht Gordon Gekko anders aus. Lässiger, wenn man will, verlebt auf alle Fälle. Er hat acht Jahre im Gefängnis hinter sich, und in der Welt und an der Wall Street, wie sie ist, wenn der neue Film nach einem kurzen Prolog beginnt, nämlich im Jahr 2008, hat er nichts mehr zu melden. Nicht, dass er betrogen hat, ist unverzeihlich, sondern dass er sich erwischen ließ. Inzwischen, im Knast vermutlich, hat er ein Buch geschrieben, das seine große Rede „Gier ist geil“ aus dem ersten Film dahingehend revidiert, dass er nur die Gier Einzelner meinte, nicht die der Banken. Dass der Zusammenbruch kommt, überrascht ihn nicht. Immer noch behält Gordon Gekko in solchen Dingen todsicher recht.

Wie das aussieht in den holzgetäfelten Konferenzräumen der mächtigen Bankiers und auf dem Parkett, auf dem ihre Angestellten zu retten versuchen, was nicht zu retten ist, sieht in Stones Fortsetzung der Gordon-Gekko-Geschichte deutlich unterhaltsamer aus, als es in Wirklichkeit war. Schon zu Beginn, wenn Manhattan mit der Kamera umrundet wird und die Fassaden im frühen Sonnenlicht glitzern wie Diamanten, hat man den Eindruck, Stone fühle sich in der Stadt, seiner Heimatstadt, vollkommen sicher. Hier kennt er sich aus, hier will er nicht auftrumpfen, nicht predigen, sondern einfach eine Geschichte weitererzählen, deren Fortschreibung seine Drehbuchautoren Allan Loeb und Stephen Schiff nach all der Zeit weitgehend plausibel erfunden haben.

Ohne Geschmacklosigkeiten geht es nicht

Das lässt sich auch von Michael Douglas sagen, der überzeugend selbst in peinlichen Situationen ausstrahlt: Ich komme wieder. Männer, die er kannte und begrüßen will, lächeln gequält, Frauen wenden sich ab. Seine Tochter, wenn auch aus anderen Gründen - war er jemals ein Vater? -, will nichts von ihm wissen. Aber er hat schon eine Idee, wie all das wieder anders werden kann. Am Ende, wenn alle Welt eigentlich pleite sein müsste, trägt er wieder Maßschuhe, Krawatte und das Haar wie früher, aber wie es dazu kommt, welche Rolle seine Tochter spielt und welche Jake (Shia LaBeouf), ihr Verlobter, das ist über weite Strecken clever ausgedacht.

Wenn es auch, wie immer bei Stone, ohne einige Geschmacklosigkeiten nicht geht (die Spiegelung eines Fernsehbilds seines geliebten Mentors in Jakes Pupille, kopulierende Avatar-ähnliche Aufblaspuppen von monströsen Ausmaßen, solches Zeugs). Dafür läuft ein Soundtrack mit viel David Byrne und Brian Eno und am Ende sogar den alten Talking Heads mit „This Must Be the Place“, was man als ein weiteres Zeichen dafür nehmen kann, wie wohl Stone sich mit seinem Material fühlt.

In Cannes lief der Film außer Konkurrenz im offiziellen Programm, ins Kino wird er erst im September kommen. Das heißt, die Produzenten benutzten ihren Auftritt hier nicht ganz so schamlos als Hintergrundrauschen für den internationalen Start wie die von „Robin Hood“, die nicht einmal an der Croisette darauf verzichteten, ihren Film noch vor seiner Premiere, die das Festival eröffnete, in den schmierigen Kinos in einer Seitenstraße anlaufen zu lassen.

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