16.05.2004 · One plus one, reich und arm: Abbas Kiarostami zeigt in Cannes vor den Ungeduldigen von heute das Kino von morgen. Jean-Luc Godards neuer Film hingegen ist ein Versöhnungsangebot an seine Zuschauer.
Von Andreas Kilb, CannesEin kluger Mann hat einmal erklärt, das Kino sei nicht dadurch entstanden, daß einer mit der Filmkamera ein Bild gemacht habe, sondern dadurch, daß ein zweites Bild dazugekommen sei: "one plus one". Aber eigentlich hat es von Anfang an nicht nur zwei Bilder, sondern auch gleich zwei Sorten von Kino gegeben, ein reiches und ein armes: das Kino der Industrie und das Kino der Individuen.
Beide haben ihren angestammten Platz an der Croisette. Das Industriekino wurde am Samstagabend durch den Animationsfilm "Shrek 2" repräsentiert, zu dessen Vorführung sich die Crème der französischen Kulturbürokratie und ein paar angereiste Hollywoodstars im Festivalpalast versammelten. Während draußen die "intermittents du spectacle", die vom Zusammenbruch ihrer Versorgungskasse bedrohten französischen Kulturarbeiter, auf sich aufmerksam zu machen versuchten, öffneten sich drinnen ein weiteres Mal die Türen von Nimmerland: Last Exit Cannes 2004.
Parodie der Studiowelt-Klischees
"Shrek 2", der wie sein Vorgänger vor drei Jahren ganz regulär im Wettbewerb von Cannes läuft, setzt die Abenteuer des grünen Ogers Shrek fort, der sich diesmal mit seiner geliebten Prinzessin Fiona bei den Schwiegereltern im Lande Far Far Away vorstellen muß. Vom ersten Bild an parodiert der Film hingebungsvoll die Klischees der Studiowelt, der er seine Existenz verdankt. Seinen Höhepunkt erreicht er in der Schilderung des Märchenkönigreichs, dessen Emblem dem Hollywood Sign hoch über Beverly Hills aufs Haar gleicht.
Die Kaffeekette Starbucks heißt hier Farbucks, im Schnellrestaurant bestellt man einen Medieval Burger, und im Hintergrund leuchtet die Silhouette des Beverly Wilshire Hotels, in dem schon "Pretty Woman" ihr Glück fand. So geht es am Ende von "Shrek 2" auch der Ogerprinzessin, aber bis dahin werden eineinhalb Stunden lang alle Effekte aufgeboten, welche die digitale Technologie zur Verfügung stellt. Im Grunde ist der Film die reine Selbstbespiegelung Hollywoods, aber weil das amerikanische Kino heute fast überall die Leinwände regiert, wirken die Spiegelbilder für niemanden mehr fremd. Das globale Dorf mag viele Namen tragen, aber sein visuelles Zentrum liegt unter den Hügeln von Beverly Hills.
Vorlesung vor laufender Kamera
"Wenn wir das Wort ,Museum' aussprechen, denken wir an den Louvre, obwohl es hunderte andere große Museen gibt. Und wenn wir ,Kino' sagen, denken wir an amerikanische Filme." Das sagt der iranische Regisseur Abbas Kiarostami in einem Film, der die krasseste Antithese zum Augenzuckerwerk von "Shrek 2" ist, die man sich vorstellen kann. In "Ten on Ten", der in Cannes in der Nebenreihe "Un Certain Regard" lief, hält Kiarostami eine Vorlesung vor laufender Kamera - nur daß er nicht vom Katheder aus spricht, sondern vom Steuer eines Geländewagens, der durch jene Hügel oberhalb von Teheran fährt, in denen vor acht Jahren Kiarostamis "Geschmack der Kirsche" entstand.
Es geht um das, was für Kiarostami das Kino ausmacht: den Widerschein der Realität, und wie man ihn einfängt. In die zehn Kapitel der Lektion sind Ausschnitte aus Kiarostami letztem Film "Ten" einmontiert, so daß man sehen kann, was der Iraner meint, wenn er über die Arbeit mit Laiendarstellern spricht, über den sparsamen Einsatz von Musik, die Überflüssigkeit von Dekors und Kostümen, das technische Wunder der Digitalkamera. Es gibt vielleicht keinen wichtigeren Film dieses Jahr in Cannes als "Ten on Ten", denn er enthält eine ästhetische Unabhängigkeitserklärung, die ebenso revolutionär ist wie einst das Manifest von "Dogma 95". Das arme Kino sagt dem reichen den Kampf an, nicht um es zu vernichten, sondern damit beide überleben können.
Der amerikanischen Übermacht trotzen
Was Kiarostami in "Ten on Ten" mit Worten sagt, zeigte er anderntags in seinem Film "Five" mit Bildern. "Five", aus fünf langen Einstellungen am kaspischen Meeresstrand zusammengesetzt, ist eine Einübung in den Gegen-Blick, mit dem der iranische Regisseur der amerikanischen Übermacht trotzen will. Man sieht ein Holzstück, das im Wasser treibt; Menschen mit Schirmen unter dem Arm, die vorbeihasten; Hunde, die am Strand herumlümmeln; eine Schar Enten, die von links nach rechts, dann von rechts nach links über die Leinwand läuft; schließlich, fast zwanzig Minuten lang, die silbrige, mal von Wolken verdeckte, mal klare Spiegelung des Mondes im Meer.
Für die überreizten Augen des Berufskinogängers ist "Five" eine ebenso große Wohltat, wie es Peter Handkes "Die Stunde, da wir nichts voneinander wußten" auf der Theaterbühne war. Aber wo Handke für sein stummes Stück gefeiert wurde, da mußte sich Kiarostami in Cannes als Langweiler und Zeitschinder beschimpfen lassen. Es ist das alte Los des Kinopropheten, der die Filme von morgen für die Ungeduldigen von heute macht.
Ein Friedensprozeß in Bildern
Jean-Luc Godard, von dem fast alle einschlägigen Bonmots über das Kino stammen, kennt dieses Schicksal genau, aber er kommt dennoch immer wieder an die Côte d'Azur, und sei es nur, um der versammelten Branche seine Verachtung ins Gesicht zu schleudern. Als Rückendeckung für seinen neuen Film "Notre Musique", der in Cannes ebenso wie "Five" außer Konkurrenz im Hauptprogramm lief, hat Godard in Interviews vorsorglich ein paar seiner bekanntesten Kollegen in die Pfanne gehauen (F.A.Z. vom 13. Mai). Dabei ist "Notre Musique" alles andere als eine Polemik: ein Friedensprozeß in Bildern, eine Versöhnungspredigt made by Godard.
Im ersten Teil, "Die Hölle" betitelt, dreht sich das Kaleidoskop des Krieges: Filmausschnitte, Nachrichtenschnipsel, Wochenschaubilder. Dann folgt das Fegefeuer: eine Schriftstellerkonferenz in der Märtyrerstatt Sarajewo, auf der der angereiste Regisseur das jüdische Mädchen Olga (Sarah Adler) kennenlernt. Schließlich "Das Paradies": eine grüne Wildnis am Fluß, die von amerikanischen Marines in Matrosenkleidern bewacht wird und in der Olga, die von israelischen Sicherheitskräften erschossen wurde, ihren Frieden findet.
Wunderschöne Bilder
Es gibt rätselhafte und wunderschöne Bilder in diesem Film, wie jene Einstellung, die drei Indianer mit Pferd und Kopfschmuck vor der Brückenbaustelle von Mostar zeigt. Und es gibt falsche Bilder wie jenes, in dem ein jüdisches Naziopfer mit dem Wort "Musulman" bezeichnet wird, als könnte man durch die Beschwörung des Konzentrationslagers Versöhnung zwischen Israelis und Arabern stiften. Was es nicht gibt, ist jene visuelle Unruhe und Kratzbürstigkeit, die für Godards letzte Filme typisch war. "Notre Musique" ist ein Versöhnungsangebot an den Zuschauer, eine Einladung, den Propheten auf seinem Kinoberg wieder öfter zu besuchen. So soll es sein.
Im Wettbewerb von Cannes laufen derweil Filme, die weder arm noch reich, weder dumm noch klug, weder richtig gut noch richtig schlecht sind: eine Comic-Adaption aus Korea ("Old Boy" von Park Chan-wook), ein katholisches Mädchendrama aus Argentinien ("La Niña Santa" von Lucrecia Martel), eine bürgerliche Komödie aus Frankreich ("Comme une image" von Agnès Jaoui). Es sind jene Filme, die Godards Kollege Eric Rohmer vor ein paar Jahren meinte, als er erklärte, mit den Meisterwerken sei es vorbei, nun gelte es, das Interessante zu entdecken. Daran sollte man sich halten. Aber es fällt schwer.