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„The Square“ im Kino : Haut den Affen, schlagt die Kunst!

Der Kunstbetrieb ist ein Dschungel, und manchmal fängt eine Metapher an zu hüpfen: Terry Notary in „The Square“ Bild: REX/Shutterstock

Ruben Östlunds „The Square“, der in Cannes gewann, ist eine Kino-Pointe ohne Witz. Man fragt sich, was die Jury geritten hat, als sie diesem Film die Goldene Palme verlieh.

          Eine Festivaljury ist kein Haager Menschenrechtstribunal. Sie muss nicht über die Werte der Staatengemeinschaft befinden, sondern kann sich bei der Preisvergabe ihren persönlichen Vorlieben, Abneigungen und Stimmungen überlassen, all dem, was das Wort „Geschmack“ notdürftig bemäntelt. Wenn man aber „The Square“ von Ruben Östlund sieht, fragt man sich doch, was die Jury von Cannes geritten hat, als sie diesem Film im Mai die Goldene Palme verlieh.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          „The Square“ beginnt mit einem Fernsehinterview. Die Reporterin fragt den Kurator eines Museums in Stockholm, worum es bei einem Podiumsgespräch über „die Konstruktion von Öffentlichkeit im Geist von Smithsons site/nonsite“ gegangen sei, und er antwortet, der Abend habe sich um die Frage gedreht, ob ein Gegenstand, zum Beispiel die Handtasche der Interviewerin, automatisch zum Kunstwerk werde, sobald ein Museum ihn ausstelle. In der folgenden Einstellung wird ein Reiterdenkmal auf dem Vorplatz des Museums abgebaut und an seiner Stelle ein mit Leuchtröhren markiertes Quadrat in den Boden gefräst. Und in der übernächsten Szene läuft Christian (Claes Bang), der Kurator, auf dem Weg ins Büro einem Trickbetrüger-Trio in die Arme, das ihm im Verlauf eines kunstvoll arrangierten Handgemenges seine Brieftasche, Handy und Manschettenknöpfe klaut. Jetzt hat der Museumsmann, der mit der Leuchtröhren-Installation sein Prestige mehren will, neben einem professionellen auch ein privates Schicksal. Beides könnte man, wie es Robert Altman in „The Player“ am Beispiel Hollywoods getan hat, zu einer wahren Geschichte der heutigen Kunstszene und ihrer Phänotypen verstricken, beißend, witzig und kalt.

          Man könnte. Aber Ruben Östlund, der Regisseur dieses Films, will nicht. Denn Östlund hat viel zu viele gut ausgedachte Szenen im Kopf, die er in seiner Geschichte unterbringen will, ob sie zu ihr passen oder nicht. Eine handelt von einem halbnackten Muskelmann (Terry Notary), der die Gäste eines Sponsorendinners mit einer Gorilla-Performance quält. Erst streift er kreischend um die festlich gedeckten Tische, dann greift er prüfend in den Schopf eines Smokingträgers, und schließlich reißt er eine Dame im Abendkleid zu Boden und fällt über sie her. Da kommt Bewegung in die Honoratioren, und sie beginnen, den Affenmenschen mit Fäusten zu traktieren, erst einer, dann viele, bis ihre verzerrten Gesichter das gesamte Kinobild füllen.

          Eine andere Szene zeigt ein öffentliches Künstlergespräch, das durch einen Zuhörer mit Tourette-Syndrom gestört wird. Der Künstler, ein Amerikaner (Dominic West aus der Amazon-Serie „The Affair“) will sein Konzept erklären, doch der Tourette-Mann lässt ihn nicht zu Wort kommen, er beschimpft die Moderatorin, das Publikum, die Kunst. Die Szene hört irgendwann einfach auf, und auch den Amerikaner verliert der Film bald aus dem Blick, aber Östlund erreicht dennoch seinen Zweck – er lenkt mit hohem inszenatorischem Aufwand von der Tatsache ab, dass er sich für nichts von dem, was er zeigt, wirklich interessiert. Es ist, als würde man eine zweistündige Folge von Teasern zu einem Spielfilm sehen, der sich auf dem Weg vom Schneidetisch zur Leinwand verflüchtigt hat.

          In diesem Reigen gehen jene Augenblicke unter, in denen „The Square“ zu so etwas wie einer Erzählung ansetzt. Der Museumskurator macht mit Hilfe einer Tracking-App den Standort seines gestohlenen Smartphones ausfindig. Er verfasst einen anonymen Drohbrief und wirft ihn in jeden einzelnen Türbriefkasten des Vorstadthochhauses, zu den ihn die App geführt hat. So bekommt Christian zwar seine Sachen zurück, doch zugleich Ärger an den Hals, denn ein ausländisch aussehender Junge aus dem Haus spürt ihn auf und verlangt, dass der Kurator sich bei seinen Eltern entschuldigt. Aber auch diesen Konflikt behandelt der Film wie eine beliebige Pointe, aus der nichts folgt. Christian stößt den Jungen eine Treppe hinunter, und das Opfer verschwindet aus der Geschichte, ebenso wie die Reporterin (Elisabeth Moss), mit der unser Held einen One-Night-Stand hat, bei dem sogar ein echter Affe zuschaut (oder fast). Als er sie nicht zurückruft, stellt sie ihn im Museum zur Rede. Im Hintergrund klappert eine sehr authentisch wirkende Installation aus geschichteten Stühlen. Eine Wärterin hört mit. Der Beziehungsknatsch ist beinahe kurzweilig. Aber „The Square“ dauert fast zweieinhalb Stunden.

          Der Film, anders gesagt, ist selbst der Poseur, der Trickster, den er entlarven will. Auf eine Museumskultur, die ihre Mechanismen mit sprachlichen Versatzstücken tarnt, antwortet er mit Versatzstücken von Handlung. Weil er aber mit dem Kino nicht Ernst macht, trifft auch der Pfeil nicht, den er auf den Kunstbetrieb abschießt. Der Kurator muss am Ende gehen, weil er aus Zerstreutheit einen Werbeclip abgenickt hat, in dem ein kleines Mädchen zwischen den Leuchtstäben der neuen Installation in die Luft gesprengt wird. Aber Christians Untergang bringt Ruben Östlunds Film nicht aus der Fassung, weil er sich auf seine Hauptfigur nie wirklich eingelassen hat. Die Jury von Cannes hat „The Square“ ausgezeichnet, weil sie es genoss, ihre Vorurteile über zeitgenössische Kunst im Kino bestätigt zu bekommen. So wie wir alle. Und sie stimmen ja auch. Aber nicht so.

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