21.05.2004 · Am Ende des Festivals in Cannes blickt Wong Kar-wai in die Zukunft und wiederholt doch schon Gesehenes. Die Kritik ist milde und zufrieden.
Von Andreas Kilb, CannesAm Abend ist Cannes am schönsten. Die Dämmerung verwischt die klotzigen Umrisse des Festivalpalasts und kaschiert die Bausünden der vergangenen Jahrzehnte, die aus der Côte d'Azur eine nahezu versteinerte Küste gemacht haben.
Unter der alten Festung von Le Suquet, die schon die Flotten Napoleons und des Emirs von Tunis, die Armeen Karls V. und des Prinzen Eugen vorbeiziehen sah, liegen die Luxusjachten am Hafenquai wie die weißen Tasten auf einem Klavier. Der Wind trägt die Geräusche des Festivals in Wellen herauf und vermischt sie mit dem Rauschen der Pinien, dem Zirpen der Zikaden, dem Tönen der Klosterglocken auf der Insel Saint-Honorat. Es ist die Stunde, da man sich an alles erinnert, die Jahre, die vergingen, und die Jahre, die kommen werden.
Die Liebe, die Sehnsucht, die Erinnerung, die "days of being wild"
In dieser Dämmerung spielt Wong Kar-wais neuer Film "2046". Schon sein Titel ist ein wenig verschwommen, denn er bezeichnet drei Dinge auf einmal: das ferne Jahr, zu dem ein Grüppchen melancholischer Zeitreisender am Anfang des Films in einem lichtschnellen Zug unterwegs ist, zugleich aber auch diesen Zug selbst; und die Nummer eines Hotelzimmers in Hongkong, in dem der Journalist Chow (Tony Leung) im Sommer 1966 die schöne Bai Ling kennenlernt.
Wir kennen Chow aus "In the Mood for Love", der vor vier Jahren in Cannes lief, und in gewisser Weise ist "2046" die direkte Fortsetzung dieser Liebesgeschichte. Bloß daß es bei Wong keine direkten Fortsetzungen gibt. Es gibt nur endlose Variationen und Improvisationen über dieselben ewigen Themen, die Liebe, die Sehnsucht, die Erinnerung, die "days of being wild", wie das in einem anderen alten Wong-Film hieß, und die stilleren Tage, die ihnen folgten.
Es ist immer die gleiche Geschichte, die da erzählt wird, die Geschichte einer verlorenen Emotion, aber weil Wong Kar-wai ein Zauberer des Immergleichen ist, weil er die Engel der Vergangenheit auf der Nadelspitze eines genialen Filmbilds balancieren kann, erscheint sie immer wieder neu. Nur nicht in "2046".
Nahe der Selbstparodie
Denn dieser Film, an dem Wong fast vier Jahre gearbeitet hat, kommt einer Selbstparodie so nah, wie eine in allem proustischen Ernst vorgetragene melodramatische Science-fiction-Epopöe nur kommen kann. Er erzählt nicht bloß eine oder zwei, sondern gleich vier ineinander geschachtelte Liebesgeschichten, für die Wong ein Quartett der bekanntesten chinesischen Schauspielerinnen (Zhang Ziyi, Gong Li, Faye Wong und Maggie Cheung) engagiert hat.
Er spielt auch dieselben klassischen Sambas, Rumbas, Weihnachtslieder und Opernarien so oft zu denselben kaum variierten Einstellungen von Fluren, Restauranttischen, Hotelbetten, Männer- und Frauengesichtern ab, bis man sich an beidem endgültig satt gehört und gesehen hat.
Es gibt auch in "2046" wieder Momente, die das Herz schneller schlagen lassen, aber sie sind nur Schaumkronen im Strudel einer Phantasie, die ihren Leerlauf durch immer pompösere Selbstumkreisung zu kaschieren versucht. Die sechziger Jahre, deren Kleider, Gesten und Melodien in "In the Mood for Love" magisch aufleuchteten, sind zur Konfektion verkommen. Wenn Wong mit diesem Film eine Palme gewinnt, dann nur, weil er sie vor vier Jahren verdient und nicht bekommen hat.
"The Life and Death of Peter Sellers"
Sosehr hier viele Kritiker auf "2046" gesetzt hatten, so wenig hatte man mit Stephen Hopkins gerechnet, dessen Film "The Life and Death of Peter Sellers" die Palmenkonkurrenz abschloß. "Peter Sellers" ist die Filmbiographie des großen britischen Schauspielers, der den Inspektor Clouseau im "Rosaroten Panther", den Dr. Strangelove für Stanley Kubrick und den Gärtner Chance bei Hal Ashby spielte, bevor er 1980 an einem Herzinfarkt starb - ein klassisches biopic also, aber eines, das es in sich hat.
Denn anders als die meisten Filme der Gattung, die das Geheimnis eines Kinostars in seinem Privatleben, seiner Kindheit, seinen Hobbies und verborgenen Neigungen suchen, sucht Hopkins die Wahrheit über Peter Sellers in dessen Rollen. Sellers hat zeitlebens damit kokettiert, ein Mann ohne Gesicht zu sein, ein leeres Gefäß, das jede beliebige Persönlichkeit in sich aufnehmen konnte, und aus dieser Behauptung schlägt "The Life and Death of Peter Sellers" Funken.
"Ich habe ihn nicht gesehen."
In einer der schönsten und zugleich gespenstischsten Szenen dieses Films sieht man Sellers (Geoffrey Rush) als Dr. Seltsam im Rollstuhl auf dem Set von Kubricks Film seiner Mutter (Miriam Margolyes) gegenübersitzen. Sie versucht ihn auf sein chaotisches Leben anzusprechen, auf die Scheidung von seiner ersten Frau, die er hinter sich, und die Ehe mit der zweiten (Charlize Theron), die er vor sich hat, aber ihr Sohn läßt sie nicht ausreden, sondern kräht mit emporgerecktem Grußarm, bald werde es eine Welt geben, in der Mütter überflüssig seien. Als die Mutter dann wegfährt, fragt der Taxifahrer, wie es ihrem Sohn gehe, und sie antwortet: "Ich habe ihn nicht gesehen."
Das geht dem Zuschauer dieses Films anders. Er lernt Peter Sellers auf eine Weise kennen, die unvergeßlich ist, gerade weil Hopkins sich nicht an die Regeln hält, weil er das Fiktive biographisch, das Biographische als Fiktion liest.
Eitel Milde und Zufriedenheit
Stephen Hopkins, der Regisseur, hat bei Hollywoodproduktionen wie "Lost in Space" und "Unter Verdacht" das Szepter geführt, aber vielleicht sagt es mehr über sein Talent, wenn man weiß, daß er die erste Staffel der Fernsehserie "24" inszeniert hat. Der gleiche pulsierende Schnittrhythmus, der dort die Geschichte antreibt, regiert auch in "Peter Sellers". Der Film läßt dem Zuschauer kaum Zeit zum Luftholen, aber nur so begreift man wirklich etwas über das Leben eines Mannes, der mit 54 Jahren erlosch, weil er keinen Halt in sich selbst finden konnte.
So endet der Wettbewerb auf einem hohen Ton. Im vergangenen Jahr gab es um diese Zeit in Cannes allgemeines Stirnrunzeln und Verbitterung, diesmal aber herrscht eitel Milde und Zufriedenheit. Das Festival hat sich mit seinen Kritikern versöhnt und die Kritiker mit dem Festival. Jetzt fehlt nur noch das Happy-End der Palmen.