Home
http://www.faz.net/-gs6-owwd
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Cannes Es war einmal ein Land

14.05.2004 ·  Gackernde Hühner, weinende Esel, brummende Bären: Emir Kusturicas Film „Das Leben ist ein Wunder“ ist eine traurige Allegorie über das Land, den Krieg und die Liebe.

Von Andreas Kilb, Cannes
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wenn es einen Ort gibt, der noch lauter, bunter und chaotischer ist als das Filmfestival an der Côte d'Azur, dann ist es das Kinoland des Regisseurs Emir Kusturica. In Kusturicas Filmen gibt es keine Ruhepausen, weil sie Ausgeburten einer Phantasie sind, die nie zur Ruhe kommt.

Der Treibsatz, die historische Lunte, welche diese Phantasie entzündet hat, war die Implosion des jugoslawischen Vielvölkerstaates am Anfang der neunziger Jahre. Seither kreisen Kusturicas Filmstories in immer neuen Anläufen um die Frage, wie diese Katastrophe geschehen, wie eine Welt zusammenbrechen konnte, in der Menschen, Tiere, Dinge, Gedanken und Gefühle an ihrem Platz zu sein schienen, in der das Multikulturelle kein Schimpfwort, sondern alltägliche Wirklichkeit war.

Idyllen und Elegien

Das ist natürlich ein allzu idyllisches Bild Ex-Jugoslawiens, und Kusturica weiß das genau. Deshalb lädt er seine Geschichten von Anfang an mit zahllosen großen und kleinen Konflikten auf, die durch den Bürgerkrieg nur mehr verstärkt werden. Aber Idyllen sind diese Filme doch, und Elegien. Sie kommen als Stimmungskanonen daher, als poetische Ekstasen aus Bewegung und Musik, aber auf ihrem Grund liegen die Angst und die Trauer eines Kindes, das in einen tiefen Brunnen gefallen ist. Das Kind heißt Jugoslawien, aber es heißt auch Emir Kusturica. Und die Bilder, die es träumt, gewinnen den Schrecken der Geschichte immer neue Wunder ab.

"La vie est un miracle" (Das Leben ist ein Wunder), Kusturicas diesjähriger Wettbewerbsbeitrag in Cannes, ist eine Variation seines Films "Underground", mit dem er vor neun Jahren die Goldene Palme gewann. "Underground" spielte in einem Keller, "La vie est un miracle" spielt in einer abgelegenen Bergregion zwischen Bosnien und Kroatien, durch die eine halbfertige Bahnstrecke führt; aber bei Kusturica bedeuten oben und unten wenig, was zählt, ist die freie Bewegung seiner visuellen Imagination, für die es kein räumliches Hindernis zu geben scheint.

Gackernde Hühner, weinende Esel

Luka (Slavko Stimac), der Held, ist mit seiner Frau, einer Opernsängerin, in diese ländliche Hinterwelt gezogen, um als Ingenieur den Streckenbau zu überwachen, und wer Kusturicas Filme kennt, kann sich vorstellen, wie es um ihn herum aussieht. Gackernde Hühner, weinende Esel, brummende Bären, Trompeten und Tuba blasende Dörfler, Saufkumpane, Autos auf Schienen, Frauenstimmen und Draisinen, alles schreit und rennt und feiert wild durcheinander, bis jeder Hauch balkanischer Schläfrigkeit ausgetrieben ist.

In dieses Tohuwabohu hinein pflanzt Kusturica seine traurige Allegorie über das Land, den Krieg und die Liebe. Es beginnt damit, daß Lukas Sohn Milos, ein begabter Fußballer, am gleichen Tag ein Angebot von Partizan Belgrad und seine Einberufung zur Armee erhält. Dann wird der Bürgermeister des Ortes, von seinem intriganten Stellvertreter verraten, bei einer Bärenjagd aus dem Hinterhalt erschossen. Als die Kugel ihn getroffen hat, setzt er ein letztes Mal seine Trompete an und bläst. Aber aus dem Instrument quillt kein Ton, sondern Blut. Es ist eins von vielen großen Bildern dieses Films, und der einzige Vorwurf, den man Kusturica machen kann, ist der, daß er solchen Einstellungen zuwenig Zeit läßt, sich zu entfalten. Andererseits dauert sein Film auch so noch zweieinhalb Stunden, woran man ungefähr ermessen kann, wieviel er zu erzählen hat.

Eine Bosnierin als Pfand

Bald nach Kriegsausbruch wird Lukas Sohn von bosnischen Rebellen gefangengenommen. Im Gegenzug bekommt der Ingenieur von seinen serbischen Landsleuten die Bosnierin Sabaha als Pfand, das er gegen Milos eintauschen soll. Statt dessen verliebt er sich in die blonde Sabaha, und es beginnt eine mit Herbstlaub und Granateinschlägen gleichermaßen garnierte Romanze zwischen den Fronten.

Bei Kusturica tanzen alle Liebesgeschichten an der Grenze zum Kitsch, aber in "La vie est un miracle" entgeht er der Gefahr, wie früher schon, durch die Flucht nach vorn. Er läßt das Bett des Paares aus der engen Hütte in den Himmel steigen, und auf einmal sieht man, daß die Landschaft dort unten das genaue Abbild der Miniaturlandschaft ist, die der Eisenbahningenieur in seinem Keller gebaut hat, die äußere Welt ein Spiegel der inneren. Es ist ein großer Sieg über die Realität, den das Kino mit diesem Film erringt, einer jener Siege, die vergeblich, aber nicht fruchtlos sind. Denn es wird immer ein Jugoslawien geben, selbst wenn es nur noch das des Emir Kusturica ist.

Kein Werk der Kunst

Aus den achtzehn Beiträgen, die sich diesmal um die Goldene Palme bewerben, wurden vorgestern neunzehn, als das Festival Jonathan Nossiters Dokumentarfilm "Mondovino", der ursprünglich außer Konkurrenz im Wettbewerb laufen sollte, nachnominiert. Als der Film dann gezeigt worden war, fragte man sich, welche Laune die Direktion von Cannes bei dieser Entscheidung wohl geritten haben mochte. Denn "Mondovino" ist, anders als die filmischen Pamphlete des Amerikaners Michael Moore, dessen "Fahrenheit 911" hier am Montag Premiere hat, eine klassische Dokumentation, ein Produkt der Wirklichkeit, kein Werk der Kunst.

Nossiter, der zwischen Auftragsarbeiten für Hollywood ("Resident Alien") und persönlichen Experimenten einen Mittelweg sucht, zeichnet in seinem Film das Netzwerk der internationalen Weinindustrie nach, von den Produzenten in Frankreich, Amerika, Italien und anderswo über die Kritiker und Weinmanager bis zu den Großhändlern in London oder New York. In dieser Welt, erfährt man, tobt ein Krieg - zwischen den großen Weingütern im kalifornischen Napa Valley oder im Bordelais, für die das Markenimage, und den mittelgroßen etwa im Burgund oder auf Sardinien, für die das Anbaugebiet, das terroir, ihrer Erzeugnisse im Mittelpunkt steht. Das ist interessant anzuschauen, auch wenn man nach eineinhalb von drei Stunden ein wenig den Überblick über all die Weine und Experten verliert, aber es hat in einem Wettbewerb der filmischen Ideen und Geschichten nichts verloren. Wein ist Wein, und Cannes ist Cannes. Das übrige regelt der Wettbewerb.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.05.2004, Nr. 113 / Seite 42
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr