http://www.faz.net/-gqz-sibo

Cannes : Die Verwirrung der Gefühle

Lei Hao, Hauptdarstellerin in „Summer Palace” Bild: REUTERS

Tag zwei in „Cannes“: Lou Ye erzählt ein Jahrzehnt chinesischer Geschichte, und Ken Loach widmet sich mal nicht der britischen Unterklasse, sondern dem irischen Unabhängigkeitskrieg der zwanziger Jahre.

          Auch wenn der erste richtige Wettbewerbsfilm nach dem „Da Vinci Code“-Eröffnungsdesaster außer Konkurrenz die Chance nicht nutzen konnte, einen aus Kontextgründen ganz besonders begeisternden Eindruck zu hinterlassen - „Summer Palace“, der vierte Spielfilm des vierzigjährigen Chinesen Lou Ye und einzige asiatische Beitrag im Wettbewerb, nahm sein Publikum wenigstens ernst.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Seine Geschichte streckt sich über gut ein Jahrzehnt und führt uns vom dörflichen Leben in Tumen im Nordosten Chinas ins Peking der Studentenaufstände des Jahres 1989, von dort weiter nach Süden bis Shenzhen und dann vorübergehend nach Berlin, bevor er nach China zurückkehrt. Im Mittelpunkt steht die junge Yu Hong (Lei Hao), deren Tagebuch einen Teil der Erzählung bildet. Sie geht zum Studieren nach Peking, verliebt sich unsterblich, muß man sagen, und quält sich und andere mit Zweifeln und Selbsthaß, die sich auch über die mehr als zweistündige Filmlänge nicht ganz erschließen. Es gibt eine ganze Reihe von sehr ermüdenden Abschnitten und eine Folge sich schier endlos hinziehender Bett- und Sexszenen im Düstern. Und für ein nicht-chinesisches Herz erscheinen die Verwirrungen der Gefühle nicht so außergewöhnlich, ihre Konsequenzen hingegen jenseits aller Verhältnismäßigkeit.

          Das Chaos der Gefühle

          Aber: Lou Ye interessiert sich mindestens ebenso wie für seine Figuren für die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, in denen sie leben. Die Zeit der Studentenaufstände, wie er sie uns zeigt, war eine hochromantische Zeit, was das Chaos der Gefühle in seiner Geschichte halbwegs erklärt, China öffnete sich ein wenig in den Achtzigern, und mit der Musik, zu der die Jugendlichen zögernd zu tanzen beginnen, kam die Sehnsucht nach sexueller Freiheit, die sie sich nahmen, der Illusion anhängend, sie seien freier als die Generation zuvor. Diese Generation spielt hier überhaupt keine Rolle, die Jungen brechen auf und kehren nie zurück. Aber sie sind nicht so frei, wie sie glaubten.

          „Summer Palace“ zeigt in Fernsehbildern, wie der Kommunismus in der Sowjetunion zusammenbricht, wir sehen die Berliner Mauer fallen, Deng Xiaoping Reformen versprechen und Hongkongs Wiedergeburt als Teil Chinas. Und es ist wahrscheinlich der erste chinesische Film, der die Ereignisse auf dem Tiananmen-Platz in einer Mischung aus dokumentarischen Aufnahmen und fiktiven Szenen auf der Leinwand zumindest andeutet, wir hören Schüsse, sehen aber keine Toten, wir werden mitten ins Durcheinander der protestierenden Studenten gezogen, von denen einer für länger als einen Augenblick ein Banner mit der Aufschrift „I love freedom of the press“ in die Kamera hält, und spüren Schrecken und Ernüchterung, als die Auseinandersetzungen vorbei sind. Das alles ist harter Tobak für einen chinesischen Film, und so ist es kein Wunder, daß die Zensurbehörde ihren offiziellen Segen zur Festival-Vorführung bisher nicht gegeben hat. Begründet wird das mit der vorgeblich schlechten Qualität der Kopie, die den Zensoren vorliege. Für Lou Ye könnte das bedeuten, daß sein Film nach der ungenehmigten Vorführung im Ausland später in China nicht gezeigt werden darf.

          Geschichte aus dem Krieg

          Ken Loach brachte keine Geschichte aus der britischen Unterklasse, auf die wir gehofft hatten, in den Wettbewerb, wo er bereits zum achten Mal einen Film vorstellte, sondern eine Geschichte aus dem irischen Unabhängigkeitskrieg der Jahre 1920 bis 1922. Einen Kostümfilm also, der mit dem Problem kämpft, uns im historischen Gewand auch etwas über die Gegenwart erzählen zu wollen. Loach ist Brite, stellt sich hier aber ganz auf die Seite der irischen Unabhängigkeitskämpfer. In den Gefechten ist die Kamera bei ihnen, vor und nach den Kämpfen auch. Die Briten, die nur als Soldaten oder höherrangige Militärs eine Rolle spielen, sind kaum mehr als Abziehbilder, ihre Stimmen kennen keine Zimmerlautstärke, nur Geschrei, sie foltern, brandschatzen, üben Willkür.

          All das zeigt Loach, aber es interessiert ihn eigentlich etwas anderes: Was in der kleinen Gruppe von Unabhängigkeitskämpfern geschieht, wie einzelne dem Druck standhalten, wie sie sich zwingen, ihr ganzes Leben der Dichotomie von Freund und Feind unterzuordnen, und lernen, einen Nachbarn zu erschießen, weil er sie verraten hat. Doch wir kommen den Figuren nicht wirklich nah, so daß wir die inneren Kämpfe, in denen sich die politischen Widersprüche spiegeln, nicht miterleben und am Ende eine Art Lehrstück gesehen haben, einschließlich all der langen Erklärungen der verschiedenen Positionen zum Waffenstillstandsvertrag von 1922. Das ist ein bißchen enttäuschend, mindert aber Loachs Ruf als einer der Großen des britischen Kinos nicht wirklich.

          Weitere Themen

          Ein Clash der Systeme

          Amerika gegen China : Ein Clash der Systeme

          Beim Apec-Gipfel auf Papua-Neuguinea machen sich Amerika und China heftige Vorwürfe – und präsentieren ihre konkurrierenden Entwürfe für eine Weltordnung. Beide Länder stehen jedoch vor dem gleichen Problem.

          Gruppenbild ohne Trump

          Asean-Gipfel : Gruppenbild ohne Trump

          Zum Asean-Gipfel in Singapur schickt der amerikanische Präsident nur seinen Stellvertreter. Die Gastgeber sind enttäuscht. Nutznießer ist Peking.

          Topmeldungen

          Bundestrainer Joachim Löw (links) und Assistenztrainer Marcus Sorg blicken einer ungewissen Zukunft des DFB-Teams entgegen.

          FAZ Plus Artikel: Absturz der DFB-Elf : Willkommen in Wolfsburg

          Deutschland steigt in der Nations League ab. Trotz aller Versuche, dies nicht überzubewerten, ist klar: Wer in vier Jahren vom Thron des Weltmeisters so tief fällt, muss etwas falsch gemacht haben. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.