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Sonntag, 12. Februar 2012
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Cannes Die Sterne, sie strahlten über Südfrankreich

27.05.2007 ·  An diesem Sonntag werden die Palmen verliehen. Aber die Palmen sind ja nur ein Aspekt des Festivals, für die meisten geht's hier mehr ums liebe Geld. Was bisher geschah: Ein Rückblick auf das 60. Festival von Cannes.

Von Michael Althen, Cannes
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Freitagabend. Das Fest ist fast zu Ende, die Jury in Klausur, und Sonntag Abend werden die Palmen vergeben. Manche setzen auf den Rumänen als Sieger, andere auf Julian Schnabel oder die Coen-Brüder, auch Fatih Akin ist nicht ohne Chancen, und nur wenn man den „Cahiers du Cinéma“ glaubt, dann müssten Béla Tarr, Alexander Sokurow oder sonst ein Obskurant des Weltkinos gewinnen. Aber die Palmen sind ja nur ein Aspekt des Festivals, für die meisten geht's hier mehr ums liebe Geld.

150 Millionen Euro, so hat die Lokalpresse errechnet, blieben unterm Strich in Cannes hängen. Davon könnte man sich natürlich was Hübsches kaufen, aber wenn man bedenkt, wie viele Leute hierher kommen und was schon ein Kaffee kostet, nicht zu reden von den Hotelpreisen, dann scheint die Summe gar nicht so astronomisch.

Je mehr Boote, desto besser fürs Kino

Denn schließlich ist die Croisette in diesen Tagen voll mit Leuten, deren einziges Ziel es zu sein scheint, so viel Geld wie möglich zu verbrennen. Und wenn man nachts hinausblickt auf die Bucht vor Cannes, dann zählt man allein fünfzig Großyachten, die dort ankern und für deren Besitzer es wahrscheinlich keine Rolle spielt, ob sie auf der Terrasse des „Carlton“ zehn Euro für ein kleines Bier zahlen.

Und im Grunde muss man es ja auch so sehen, dass es umso besser fürs Weltkino ist, desto mehr Boote den Blick zum azurblauen Horizont verstellen. Denn dort ist das Geld zu Hause, das sich mit dem Kino vermählen möchte, um sich in seinem Glanze sonnen zu können. Denn der strahlt immer noch heller als die Sonne über Südfrankreich.

Je näher den Stars, desto ferner der Blick

Grundsätzlich gilt: Je näher man den Stars kommt, desto ferner blicken sie zurück. Insofern darf es schon als Höhepunkt gelten, dass beim Champions-League-Finale, zu dem sich alle kurioserweise im amerikanischen Pavillon versammelt hatten, auch Jurypräsident Stephen Frears und der Schauspieler Malcolm McDowell anwesend waren, um vergeblich Liverpool die Daumen zu drücken. Das bringt einem solche Typen doch auch menschlich näher.

Die beiden kamen auch auf die Bühne, als es darum ging, eine Dokumentation über den Regisseur Lindsay Anderson vorzustellen, der hier 1968 völlig zu Recht mit „If . . .“ die Goldene Palme gewonnen hat und seither ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Die Doku von Mike Kaplan besteht im Wesentlichen daraus, dass er Andersons Lieblingsdarsteller Malcolm McDowell dabei filmt, wie der auf der Bühne über seinen Mentor redet und dabei zwar eher selbst im Mittelpunkt steht, es dabei aber trotzdem schafft, Licht auf jemanden zu werfen, der dem englischen Kino neue Wege gewiesen hat.

Der Mann liebt das Kino einfach

Bester Beweis für den Erfolg des Unternehmens war, dass auch Quentin Tarantino gekommen war, der vom Festivalchef Thierry Frémaux dann auch gleich begrüßt wurde mit den Worten, kein offizieller Festivalgast sei in so vielen Filmen zu finden wie er. Der Mann liebt das Kino einfach - und zwar nicht nur jene Exploitation-Filme, denen er mit „Death Proof“ ein Denkmal gesetzt hat, sondern eben alles. Das ist ja auch der ganze Witz an der Cinephilie, und deswegen wird Tarantino auch in Cannes so geliebt. Und natürlich ist es nach der eisigen Arroganz des Vorgängers Gilles Jacob jedes Mal ein Vergnügen, Frémaux zu erleben, der das Kino genauso liebt.

Aber worin diese Liebe besteht, ist natürlich umstritten. Für manche zählt der Ungar Béla Tarr zu den Giganten des Weltkinos, für die anderen war seine Verfilmung von Simenons „L'homme de Londres“ eine selbstgefällige Stilübung, die zwar der Vorlage in manchen Punkten gerecht wurde, aber im entscheidenden Punkt nicht: Simenon hat seine Leser nie gelangweilt.

Wozu einfach, wenn es auch kompliziert geht

Tarr dagegen klettert in der ersten Filmminute mit der Kamera langsam einen nächtlichen Schiffsbug hinauf, als gelte es, die Erstbesteigung des Nanga Parbat zu filmen - und zehn Minuten später tritt der Film immer noch auf der Stelle, mal sieht man Passagiere vom Schiff in einen wartenden Zug steigen, mal Männer auf dem Hafenkai um einen Koffer streiten.

Alles streng abgezirkelt, aber immer nur ferne Schatten und Finsternis im Blick. Man fragt sich, ob dem Mann jemals aufgefallen ist, dass Simenons Romane neben allen anderen Qualitäten sich vor allem dadurch auszeichnen, dass der Leser bereits nach der ersten Seite auf eine Art und Weise mit den Personen und den Umständen vertraut ist, die in der Weltliteratur ihresgleichen sucht. Aber Béla Tarr scheint sich gedacht zu haben: Wozu einfach, wenn es auch kompliziert geht. Und so war sein Film immerhin insofern einzigartig, als er wie kein anderer eitles Kunstwollen repräsentierte.

Neonbleiche Gestalte in Polt-Situationen

Auch der schwedische Künstler Roy Andersson ist ein Regisseur, der an seinen Tableaux endlos feilt und ein vergleichsweise starres Konzept im Blick hat - aber er besitzt Humor. Und den muss man sich ungefähr so vorstellen, als würde Ingmar Bergman „The Big Lebowski“ verfilmen. „Du Levande“ heißt offenbar „Du Lebender“ und handelt vom Menschen allgemein und seinem Elend im Besonderen. Wie in „Songs from the Second Floor“ verfolgt Andersson ein Projekt, das man „Kafka on Acid“ nennen könnte, weil die entsprechenden Situationen mit einer Akribie auf die Spitze getrieben werden, dass man nur noch lachen kann.

Die ganze Welt ist bei ihm grau, allenfalls mit bläulichen und grünlichen Schattierungen, als gelte es, die ganze Welt der Angestellten mit möglichst unauffälligen Anzügen zu versorgen. Und dann sieht man neonbleiche Gestalten in Situationen, die bei uns von Polt sein könnten. Also etwa einen Tubaspieler, der unbeirrt in seiner Wohnung probt, seinen Untermieter, der mit dem Besen an die Decke schlägt, bis der Kronleuchter runterkommt, und dann einen Mann, der auf dem Balkon im Haus gegenüber all das sieht, von seiner Frau gefragt wird, was er macht, und antwortet: Nichts. Das Nichts ist auch Anderssons Thema - und keiner ringt ihm so brüllend komische Szenen ab wie er. Und weil der Film mit einem Goethe-Zitat beginnt, gibt es im Abspann auch noch einen eigenen Credit mit dem schönen Titel „Översetting Goethecitat“.

Coolste Schauspielerin ihrer Generation

Ansonsten gab es einen Film von James Gray über die russische Drogenmafia und ihren Widerpart bei der New Yorker Polizei, in dem alles klang, wie schon tausend Mal gehört, und das meiste auch so aussah. Man blieb in „We Own the Night“ aber trotzdem sitzen, weil Joaquin Phoenix, Mark Wahlberg, Eva Mendes und Robert Duvall die Hauptrollen spielten, auch wenn es am Ende nichts half. Und Catherine Breillat verfilmte in „Une vieille Maîtresse“ einen Roman aus dem frühen 19. Jahrhundert von Barbey d'Aurevilly, der gewissen sexuellen Freiheiten zum Trotz stocksteif blieb.

Dabei hätte die Herausforderung genau darin bestanden, den ganzen Kostümzauber auf noch nachhaltigere Weise aufzumischen als Frears einst in „Gefährliche Liebschaften“. Aber ihre Liebschaften behaupteten immer nur eine Gefahr, die nie spürbar wurde, auch wenn Asia Argento die Hauptrolle spielte.

Auf der Suche nach einem Geldgeber

Eigentlich hätte das ihr Festival sein können, freizügige Rollen bei Breillat, in Abel Ferraras „Go Go Tales“ und bei Assayas in „Boarding Gate“ - aber irgendwie gelingt Dario Argentos Tochter nie der Sprung, aus ihrem Ruf, die coolste Schauspielerin ihrer Generation zu sein, auch wirklich einmal eine Rolle zu gestalten, die dem gerecht wird. So gesehen ist sie hier eine Königin ohne Reich. Aber das ist allemal mehr als die Starlets ohne Rolle, die hier auf ihre Chance lauern.

Und so wie das Festival mit Barbet Schroeders Doku „L'avocat de la terreur“ und Michael Moores „Sicko“ begonnen hat, so hat es auch einen Dokumentarfilm an den Schluss gestellt: „Rebellion: Die Affäre Litvinenko“ von Olga Konskaya und insbesondere Andrei Nekrasov, der sich genauso gerne in Szene setzt wie Moore und der Wahrheit mit ähnlichen Mitteln beizukommen versucht. Um die Polonium-Vergiftung des Agenten spinnt er ein so wirres Netz, dass am Ende zur Paranoia verkommt, was doch womöglich die bittere Wahrheit ist: Dass Litvinenko wie Anna Politkovskaya ermordet wurde, weil er nicht schweigen wollte. Am Ende klingt die ganze Geschichte doch wieder nur wie schlecht erfunden. Als wäre sie auch nur ein Stoff, der darauf wartet, auf einer der Yachten in der Bucht einen Geldgeber zu finden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.05.2007, Nr. 21 / Seite 34
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