17.05.2004 · Während die Filme von Hans Weingartner und Michael Moore beim Festival von Cannes für Aufregung sorgen, müssen sich die Stars und Sternchen ihre Betten selber machen.
Von Andreas Kilb, CannesIn Deutschland wird die Frage, was ein deutscher Film sei, durch das Filmförderungsgesetz beantwortet. In Cannes fällt die Antwort schwerer. Hans Weingartners Film "Die fetten Jahre sind vorbei" ist zu vier Fünfteln mit deutschem Geld produziert, aber der Regisseur ist zu hundert Prozent Österreicher. Darauf berufen sich seine Landsleute an der Croisette, die den Film für sich reklamieren.
Die Deutschen halten dagegen, daß Weingartner an der Kölner Medienhochschule studiert hat und inzwischen in Berlin lebt. Weingartner selbst sucht den Streit dadurch zu schlichten, daß er sich als Europäer bezeichnet, was aber nicht viel weiterhilft. Wir sind alle Europäer, solange wir nicht miteinander um einen Fußballcup oder einen Festivalpreis konkurrieren. Da hört die Freundschaft dann auf.
Chaos in die Ordnung
In Weingartners Film ist die Freundschaft neben der Liebe und der Revolution das zentrale Thema, denn die "Fetten Jahre" drehen sich um ein Trio: zwei Männer und eine Frau. Peter (Stipe Erceg) und Jan (Daniel Brühl) brechen gemeinsam in Berliner Luxusvillen ein, aber nicht um zu stehlen, sondern um Chaos in die Ordnung der Wohlhabenden zu bringen. Sie stellen die Möbel um, werfen das Meißener Porzellan in die Toilette und hinterlassen einen Mahnbrief ("Sie haben zuviel Geld"), den sie als "Die Erziehungsberechtigten" unterzeichnen.
Als Jule (Julia Jentsch), Peters Freundin, in die Wohnung der Erzieher zieht, kommt das Chaos auch zu ihnen, denn Jule verliebt sich in Jan. Weil das Mädchen bei einem reichen Mann Schulden hat, suchen die beiden dessen Villa heim, aber als sie zum zweiten Mal in dem Haus am Wannsee sind, kommt Hardenberg (Burghart Klaußner) zur Tür herein. Jetzt hat das Trio den Klassenfeind, den es heimlich treffen wollte, am Hals.
Wer kriegt das Mädchen
Wenn man nur die Ahnenlinie des Films betrachtet, sind "Die fetten Jahre" ein reines deutsch-französisches Gemeinschaftswerk, denn seine Vorbilder reichen von Dominik Grafs "Spieler" über Fassbinders "Dritte Generation" und Girods "Trio infernal" bis zu Godards "Außenseiterbande" von 1965. Es geht um den Kampf gegen Ausbeutung und soziale Ungleichheit, aber es geht auch, wie immer in Dreierkonstellation, um die Frage, wer das Mädchen kriegt, warum der Freund den Freund verrät und wie der Verratene reagieren wird.
Wo Godards und Fassbinders Rebellen zur Waffe greifen, da ziehen sich Weingartners Weltverbesserer mit ihrem Opfer in eine Almhütte zurück, um erst einmal den Kopf freizubekommen, was natürlich nicht gelingt. Statt dessen erfahren die drei, daß auch Hardenberg in Wahrheit ein linkes Herz hat, Joints raucht und sich gern an seine WG-Zeit erinnert. Nach etwa eineinhalb Stunden kippt der Film für kurze Zeit ins Burleske, und von da an findet er nie mehr ganz zu dem Ernst und der Präzision, mit denen er begonnen hat, zurück.
Filmisches Dynamit
Wenn es etwa gibt, das man Weingartner vorwerfen kann, dann ist es dieser komödiantische Effekt, mit dem er an ein neudeutsches Genre andockt, dessen fette Jahre längst vorbei sind. Im übrigen aber ist "Die fetten Jahre sind vorbei" ein schöner Film - und ein Wettbewerbsbeitrag, mit dem sich sowohl Deutsche als auch Österreicher in Cannes sehen lassen können. Der Röntgenblick, den Weingartner in seinem Kinodebüt "Das weiße Rauschen" auf den Alltag eines Schizophrenen warf, bewährt sich auch hier, so daß jede Szene ein Doppelgesicht hat, Filmhandlung und Generationenporträt zugleich. Wenn man die makellosen Digitalvideobilder des Films sieht, muß man an Abbas Kiarostamis Lob der Mini-DV-Kamera in "Ten on Ten" denken. So nahe liegen Theorie und Praxis manchmal beieinander.
Der größte Star von Cannes ist diesmal keine langbeinige Blondine aus Hollywood oder Paris, sondern ein drei Zentner schwerer Regisseur aus Flint, Michigan. Schon bevor Michael Moore in Cannes ankam, überschlugen sich die Festivalzeitungen mit Spekulationen über seinen neuen Film "Fahrenheit 9/11", und als Moore sich dann vorgestern mit einigen protestierenden intermittents du spectacle auf der Straße zeigte und beinahe von Mitgliedern der französischen Spezialpolizei CRS zusammengeschlagen wurde, kannte die Vorabhysterie kein Halten mehr. Gerade rechtzeitig zum Festivalbeginn hatte sich der Disney-Konzern, dessen Tochterfirma Miramax "Fahrenheit 9/11" produziert hat, vom Verleih des Films zurückgezogen. In Cannes ist das ein Qualitätsbeweis, und so prügelten sich die Akkreditierten vor dem Kinoeingang um das Privileg, Moores filmisches Dynamit auf der Leinwand explodieren zu sehen.
Mediale Fundstücke
Was dann kam, war eher eine Verpuffung: laut, aber folgenlos. "Fahrenheit 9/11" ist zu großen Teilen eine Verfilmung von Moores jüngstem Buch, das in Deutschland unter dem Titel "Volle Deckung, Mr. Bush" erschienen ist, so daß die internationale Moore-Fangemeinde sich nicht vor Überraschungen fürchten muß. Es geht um die Verbindungen zwischen der Familie des amerikanischen Präsidenten und dem Clan der Bin Ladins in Saudi-Arabien; um die Vergangenheit von George W. Bush, seinen anfänglichen Amtsüberdruß, sein Zögern nach den Anschlägen des 11. September 2001, seine Feldzüge gegen Afghanistan und den Irak, seine Hintermänner, seine Freunde, seine Berater; und um das amerikanische Volk, das sich dies alles bieten läßt. Moore ist ein geschickter Arrangeur medialer Fundstücke, und wenn man Bushs Mienenspiel im Fernsehstudio vor seiner Rede zum Beginn des Irak-Kriegs sieht, versteht man tatsächlich viel von den Realitäten amerikanischer Politik.
Aber je länger dieses Bilderpuzzle dauert, desto weniger wird von der Idee sichtbar, die ihm zugrunde liegt, so daß man sich am Ende fragt, ob es diese Idee überhaupt je gegeben hat. Nach anderthalb von zwei Stunden kommt "Fahrenheit 9/11", wie noch jeder Film von Moore, in der kaputten Industriestadt Flint an, und in diesem Augenblick geht ihm regelrecht die Luft aus.
Ein Stück Propaganda
Er reiht ein Gesicht ans andere, Hausfrauen, Jugendliche, Soldaten, Politiker, ohne daß seine Botschaft, daß der Irak-Krieg ein Verbrechen und ein Fehler ist, dadurch an Klarheit und Dringlichkeit dazugewänne. Wenn man die Welt wie Michael Moore sieht, ist dieser Film eine Tautologie, wenn man sie anders sieht, ein Stück Propaganda. Eine Innenansicht Amerikas wie Moores "Bowling for Columbine", der vor zwei Jahren in Cannes im Wettbewerb lief, ist er jedenfalls nicht. Für den Wahlkongreß der amerikanischen Demokraten, bei dem John Kerry offiziell als Präsidentschaftskandidat nominiert wird, wurde gerade Steven Spielberg als Regisseur verpflichtet. Krach zu schlagen, Bilder zu machen für die richtige Seite, darum geht es auch bei Moore. Die Wahrheit überläßt er den Dokumentaristen.
Ansonsten herrscht Ruhe in Cannes, was nicht bedeutet, daß alles im Lot ist. Nach den intermittents streiken jetzt die Hotelangestellten, was bedeutet, daß amerikanische Filmproduzenten und französische Diven ihre Betten selbst machen müssen. Falls sie zwischen den nächtlichen Parties und den morgendlichen Fototerminen Zeit finden, sich hineinzulegen.