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Cannes : Der stille Don

Komisch und tragisch: Bill Murray trägt Jarmuschs Film Bild: AP

Bill Murray als eingefleischter Junggeselle, der unverhofft Vater wird: Jim Jarmusch bringt in Cannes mit „Broken Flowers“ nach all den von Blut und Sex erfüllten Kinotagen das Publikum erstmals zum Lachen.

          Mehr als die Hälfte des Filmfestivals ist vorüber, und einige Hoffnungen sind begraben worden. Lars von Triers mit hohen Erwartungen beladener Wettbewerbsbeitrag „Manderlay“ löste auch bei Liebhabern seiner Art der Schulmeisterei über ein imaginiertes Amerika kaum heiße Leidenschaften aus - die Amerikaner reagierten polemisch, aber niemand regte sich wirklich auf.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Manderlay“, die Fortsetzung von „Dogville“, gehört wohl kaum zu den Favoriten dieses Festivals. Diese Position belegen immer noch Michael Haneke mit „Cache“ und inzwischen offenbar auch David Cronenbergs Western-Noir-Thriller „History of Violence“. Seit heute früh könnte sich Jim Jarmusch zu ihnen gesellt haben. Er brachte mit „Broken Flowers“ nach all den von Blut und Sex erfüllten Kinotagen das Publikum erstmals zum Lachen.

          Auf der Suche nach den Liebhaberinnen

          Bill Murray spielt den eingefleischten Junggesellen Don Johnston, den seine letzte Geliebte gerade verläßt, als ein rosafarbener Brief bei ihm eintrifft. Darin schreibt eine anonyme frühere Freundin, er habe einen Sohn, der jetzt neunzehn sei und sich auf die Suche nach seinem Vater gemacht habe. Winston, Dons Nachbar und bester Freund, ein Mann mit drei Jobs, fünf Kindern und einer Leidenschaft für Detektivspiele, überredet Don, seinerseits auf die Suche nach seinen vergangenen Liebhaberinnen zu gehen, um unter ihnen die Mutter zu finden.

          Also macht sich Don auf den Weg, durchkreuzt die Vereinigten Staaten und trifft in einem Ranchhaus in irgendeiner Vorstadt als erste Laura (Sharon Stone) und ihre Tochter Lolita, genannt Lo, die aussieht, als gehörte sie in Stanley Kubricks Film. Als zweite besucht er Dora (Frances Conroy), eine kinderlose Hysterikerin mit einem absurden Mann, beide Immobilienmakler, die in einem Musterhaus in einer Mustersiedlung leben. Als dritte sucht er Carmen (Jessica Lange) auf, eine Tierkommunikatorin mit schicker Praxis in einer New-Age-Umgebung, die sich nicht gern an ihn erinnert, und irgendwo im Hinterwald mit einer Gruppe weißer Underdogs findet er schließlich Penny (Tilda Swinton), die ihn zusammenschlagen läßt. Danach kehrt Don nach Hause zurück und begegnet zwei Jungen, die seine Söhne sein könnten, wahrscheinlich aber nicht sind.

          Makelloses Timing

          Natürlich hat Jim Jarmusch mit diesem Film nicht das Kino neu erfunden, worauf Kritiker bei Filmfestivals offenbar immer wieder hoffen, obwohl das Medium doch eigentlich reich genug ist, wenn man sorgfältig mit ihm umgeht. Und natürlich haben wir Bill Murray schon mehrmals in einer Rolle ähnlich der gesehen, die er in „Broken Flowers“ spielt, zuletzt in „Lost in Translation“.

          Doch ist das wirklich ein schwerwiegender Einwand dagegen, ihm noch einmal mit Vergnügen dabei zuzuschauen, wie er mit seinem makellosen Timing eine Figur formt, die komisch ist und auch ein wenig tragisch, der eine Vergangenheit zuwächst, aus der sich für die Gegenwart nichts ergeben hat, die ein wenig verzweifelt ist und nicht ganz ahnungslos über die Gründe ihrer Verzweiflung, die Maßanzüge trägt oder Turnanzüge und die bisher trockensten Dialogsätze des Festivals spricht?

          Punktgenau wie Murrays Minimalismus sind die Leistungen der anderen Darsteller. Gepaart mit der Musikalität des Filmemachers Jarmusch, der hier ohne jede Anstrengung seine Geschichte durch die Zeit fliegen läßt, liefert „Broken Flowers“, was dem Festival bisher fehlte: eine gelungene Komödie.

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