20.05.2005 · Vor dem Abschluß der Filmfestspiele: Cannes bekam, was es eingeladen hatte, und es spricht nicht gegen die Qualität einiger Filme, daß dabei nichts Neues, sondern eben Bekanntes herauskam.
Von Verena Lueken, CannesGroße Überraschungen hatte der Wettbewerb der Filmfestspiele in Cannes nicht zu bieten in diesem Jahr, dafür einige Enttäuschungen neben vielem Erwartbaren. Wahrscheinlich konnte ein Programm, das eine so große Zahl alter Bekannter versammelt wie das diesjährige, gar nicht anders sein.
Daß Regisseure wie Jim Jarmusch oder Wim Wenders, Lars von Trier und letztlich auch Michael Haneke, der weiterhin als Favorit gelten kann, sich in Bereichen bewegen, in die sie uns - wie immer wieder kritisiert wird - schon mehrfach geführt haben, ist kein origineller Kommentar. Festivaldirektor Thierry Fremaux hat sich für eine sehr konservative Auswahl entschieden und damit statt möglicher Desaster eine gewisse Mauheit in Kauf genommen.
Keine Screwball-Comedy von Wenders
Cronenberg wird nie mit einer romantischen Komödie, Haneke nicht mit einer Comic-Verfilmung, Jarmusch kaum mit einem Science-fiction-Spektakel und Wenders wahrscheinlich nie mit einer Screwball-Comedy zu einem Festival anreisen. Cannes bekam, was es eingeladen hatte, und es spricht nicht gegen die Qualität einiger Filme, daß dabei nichts Neues, sondern eben Bekanntes herauskam.
Auch Hou Hsiao-Hsien aus Taiwan, dessen Film „Three Times“ das Wettbewerbsprogramm am Freitag beschloß, ist eine bekannte Größe. Seine Filme gehören zur jährlichen Auswahl jedes besseren Festivals, und auch er brachte auf die Leinwand, was wir schon häufiger bei ihm gesehen haben - wunderbare Bilder, schöne Menschen, verschiedene Zeiten, eine sorgfältige Farbkodierung, begleitet von einer transparenten, sparsam verwendeten Filmmusik.
Ein Film von drei Regisseuren
„Three Times“ ist ein Episodenfilm, der einmal ein Omnibus-Film werden sollte, inszeniert von drei Regisseuren. Aus Kostengründen ließ sich dieser Plan nicht verwirklichen, und so drehte Hou Hsiao-Hsien den Film allein, eine Notlösung, die der Film nicht verbergen kann. Dreimal geht es um Liebe. Die erste Episode spielt in Kaohsiung 1966, die zweite in Dadaocheng 1911 und die dritte in Taipeh 2005.
Hous Episode hätte die erste sein sollen, und im fertigen Film ist sie die einzige, die überzeugt. Es liegt eine Stimmung von Wehmut über dieser kleinen Erzählung von einem Jungen, der kurz bevor er zur Armee eingezogen wird, ein Mädchen in einer Pool-Halle kennenlernt, ihm einen Brief schreibt und es an seinem freien Tag wiedertrifft, nachdem er eine Weile nach ihm suchen mußte.
Zwei Songs aus der Jugend
Die Pool-Mädchen jener Zeit waren offenbar außerordentlich elegante Gestalten, die Kostüme sind hinreißend wie die Darsteller Shu Qi und Chang Chen, die auch die Paare in den beiden anderen Episoden spielen. Dazu hören wir zwei Songs, die Hou offenbar in seiner Jugend begleitet haben, „Smoke Gets in Your Eyes“ und „Rain and Tears“, und das alles zusammen ergibt eine melancholische Sehnsucht, mit der Hou auf dieses Paar blickt, als sei etwas abgeschlossen, das in diesen Bildern noch gar nicht begonnen hat.
In der zweiten Episode von 1911, in der die Kostüme des feudalen China vorgeführt werden, ist die Liebe vor lauter Ritual kaum erkennbar, und gesprochen wird in Zwischentiteln, was das Verständnis nicht erleichtert. Die dritte, zeitgenössische schließlich erinnert sehr an Hous „Millennium Mambo“, und darüber hinaus scheint sie ihn nicht wirklich interessiert zu haben - ein typischer Episodenfilm mit all den Mängeln, die der Form innewohnen.
Während in Cannes also auch von den Chinesen keine atemraubenden Werke zu sehen waren, meldet das Festival in Venedig, sich im September zur Feier des hundertsten Jahrestags des chinesischen Kinos ganz besonders dessen Tradition und Gegenwart zu widmen. Vielleicht bringt der Herbst, was im Frühling fehlte.