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Filmfestival in Cannes Wie in der Wirklichkeit

 ·  Die Hälfte des Festivals in Cannes liegt hinter uns. Neue Filme von Cristian Mungiu und Abbas Kiarostami bewegen sich zwischen Mühsal und Buhrufen.

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© Festival Tadashi Okuno (l.) und Rin Takanashi in Kiarostamis „Like Someone in Love“

Jean Paul Gaultier, der Modemacher, der in der Jury sitzt, hat kürzlich erzählt, zwei Filme pro Tag sähe er, seit er zwölf ist. Jetzt ist er sechzig, und das Jurypensum mit seinen zwei Filmen pro Tag schreckt ihn nicht. Es versteht sich von selbst, dass weder die Jury als Ganzes noch einzelne Mitglieder das Programm kommentieren, aber Gaultier hat immerhin zu Jacques Audiards Film „Rost und Knochen“ verkündet, er liebe Audiards Filme, sage aber weiter nichts.

Die Hälfte des Festivals liegt hinter uns. Wes Andersons Eröffnungsfilm „Moonrise Kingdom“ und der Audiard-Film sorgten für einen vielversprechenden Beginn, Hanekes „Amour“ hob das Programm auf höchstes Niveau, Seidls Sextouristinnen sorgten für eine kleine Kontroverse, dafür sind seine Filme da. Einen Skandal aber, vergleichbar dem um Lars von Trier im vergangenen Jahr, gab es nicht, und so, wie das Programm der nächsten Tage aussieht, ist auch nicht mehr damit zu rechnen. Zwischendurch dehnte es sich immer wieder etwas, weil die meisten Filme mit der in diesem Jahr beliebten Länge von einer Stunde, fünfundfünfzig Minuten zu lang sind.

Fließendes Wasser und Elektrizität

Auf ganze zweieinhalb Stunden brachte es Cristian Mungius Film „Hinter den Bergen“ über einen tödlich endenden Exorzismus in einem orthodoxen Kloster in Rumänien. Wie in seinem Abtreibungsdrama „4 Monate, drei Wochen, zwei Tage“ (das vor fünf Jahren die Goldene Palme gewann) steht im Mittelpunkt eine intime Freundschaft zwischen zwei jungen Frauen. Die eine ist Alina (Cristina Flutur), sie ist Nonne in jenem Kloster, zu dem eine unasphaltierte Straße führt und das von der Welt, von fließendem Wasser und Elektrizität, abgeschnitten ist. Die Nonnen nennen den Priester „Papa“, und sein Regiment erlaubt keine Widerrede. Allerdings versucht Papa, den grassierenden Aberglauben unter seinen Nonnen einzudämmen.

Die andere ist Voichita (CosminaStratan), die aus Deutschland zurückkommt, um Alina zu besuchen. Voichitas Anwesenheit bringt das Klosterleben aus dem Gleichgewicht. Sie ist nicht gläubig. Sie will Alina mit zurück nach Deutschland nehmen. Sie wehrt sich gegen das Denkverbot, gegen die Körperfeindlichkeit, gegen Gott, wird in gewisser Weise verrückt, schlägt um sich, flucht, läutet die Glocken. Ein klarer Fall von Besessenheit, entscheiden die Nonnen, und Papa macht sich daran, den Teufel auszutreiben. Es gibt in diesem Kloster eine Liste mit 464 Sünden, Voichita hat sie nahezu alle begangen.

Das ist der einzige kurze Augenblick, in dem der Film ein wenig entspannt. Ansonsten wechselt das Tempo zwischen fast vollkommenem Stillstand in den Klostermauern und heller Aufregung auf dem Hof davor, wo die Vögel, die Kamera, die Hühner und die Nonnen herumhasten und der Film plötzlich ein ungeheures Tempo aufnimmt. Wir sehen am Ende ein kleines Stück Welt jenseits der Kirchengrenzen, aber zu wenig davon, um wirklich zu ermessen, wie aus einer persönlichen Entscheidung zum Glauben etwas Gesellschaftliches wird. Mungius Film wirkt unentschieden, formal, aber gleichzeitig restriktiv. Der einzige Ausdruck von Freiheit in diesem Film gehört am Ende einer Ärztin: „Betet bloß nicht für mich.“ Dennoch gilt Mungiu wieder als Preisanwärter.

Festes Vertrauen

Für Abbas Kiarostami gilt das immer. Ich muss bekennen, ich vertraue seinen Filmen so fest, dass ich immer wieder minutenweise einnicke. So auch in seinem Beitrag zum Wettbewerb, „Like Someone in Love“. Der Film des Iraners, der schon lange in Paris lebt, spielt in Tokio und ist mit japanischen Darstellern besetzt. Er bleibt mir ein vollkommenes Rätsel, was, wie mir später bestätigt wurde, nichts mit den verschlafenen Minuten zu tun hat. Ein alter Mann (Tadashi Okuno) und ein junges Mädchen (Rin Takanashi), offenbar eine Art Callgirl. Er ist Professor, vermutlich der Philosophie, seine Wohnung ist voller Bücher. Er hat ein Essen zubereitet, stellt Musik an, aber sie legt sich schlafen. Sie hat einen sehr eifersüchtigen Freund (Ryo Kase), der sie ständig anruft. Der Alte und das Mädchen fahren im Auto herum. Der junge Freund kommt dazu. Sie brauchen eine Werkstatt, er ist Mechaniker. Es wird viel geredet, aber nichts von Bedeutung. Eine Nachbarin steht am Fenster und schwatzt allerlei, das wahr sein mag oder nicht. Nicht wahr ist vermutlich, dass das Mädchen des Alten Enkelin sei, wie sie vermutet.

Es gibt keinen Grund, von einem Film zu erwarten, er müsse mehr Sinn ergeben als unser Dasein. Etwas geschieht, etwas anderes nicht, Verbindungen ergeben sich, andere lösen sich auf. In einer Art narrativen Explosion fliegt am Ende ein Stein durch ein Fenster. Es gab Buhrufe. Das war erstaunlich, hatten wir doch etwas gesehen, das dem Leben sehr ähnlich war.

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Jahrgang 1955, Redakteurin im Feuilleton.

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