Home
http://www.faz.net/-hgk-70255
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Filmfestival in Cannes Lebende Regiegeschichte

 ·  Ein ganzer Hof von Erinnerungen öffnet sich - Alain Resnais, der Riese von Cannes, nimmt wieder am Wettbewerb teil und verkündet: Ihr habt noch gar nichts gesehen!

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)
© Festival Resnais bei der Arbeit an seinem neuen Film „Vous n’avez encore rien vu“

Alain Resnais, der Anfang Juni neunzig wird, ist der älteste unter den alten Meistern in Cannes. Zum ersten Mal lief im Jahr 1959 ein Film von ihm im Wettbewerbsprogramm. Es war „Hiroshima, mon amour“, und er gewann nichts. Emmanuelle Riva, die wir in diesem Film so wenig vergessen werden wie als Sterbende in Michael Hanekes meisterhaftem „Amour“, spielte die Hauptrolle, es war ihre erste. Cannes ist in diesem Jahr auch ein Tanz mit den Zeiten. Die Goldene Palme holte damals „OrfeuNegro“ von Marcel Camus, François Truffaut erhielt den Regiepreis für „Sie küßten und sie schlugen ihn“.

Es ist wirklich sehr lange her. Resnais ist immer noch da und arbeitet weiter. Im Jahr 1974 war er mit „Stavisky“ wieder hier, auch dieser Film ging leer aus. 1980 gewann er für „Mon oncle d’Amérique“ immerhin den Großen Preis der Jury. Dann war lange Pause, auch, weil er in den neunziger Jahren nur wenige Filme gedreht hat. Erst 2009 kehrte er zum Festival zurück und bekam einen Spezialpreis für sein Lebenswerk. Der Film, der eigentlich wieder nichts gewonnen hatte, hieß „Vorsicht, Sehnsucht“. Und in diesem Jahr ist Resnais ein weiteres Mal mit einem Film im Wettbewerb, mit „Vous n’avez encore rien vu“.

Sie alle, die unter ihrem richtigen Namen auftreten, erhalten einen Anruf. Ein Freund und Bühnenautor, mit dem sie gearbeitet haben, sei tot und sein Letzter Wille, sie in seinem Haus zu versammeln. Sie reisen an, wobei anreisen bedeutet: Eine Bühnentür öffnet sich, ein Windstoß bläst Herbstlaub hinein, der Butler trägt das Gepäck. Es kommen zusammen: Mathieu Amalric, Pierre Arditi, Anne Consigny, Anny Duperey, Hippolythe Girardot, Michel Piccoli, Sabine Azéma, Lambert Wilson und eine Reihe anderer, es gibt ein großes Hallo und dann, statt der Verlesung eines Testaments, einen Film. Er wird auf einer Bühne abgespielt und zeigt den Verstorbenen (Denis Podalydès), der die Trauernden um einen letzten Gefallen bittet: Sie alle hätten bei ihm in verschiedenen Aufführungen seines Stückes „Eurydice“ gespielt - das bei Resnais eine Kombination von zwei Stücken von Jean Anouilh ist, „Eurydice“ eben und „Cher Antoine“ -, und nun sollten sie bitte die Probenbänder einer jungen Theatertruppe begutachten, die das Stück gerade zur Aufführung bringe.

Was dann geschieht, ist einerseits vorhersehbar, andererseits große Schauspielkunst. Während nämlich der Film im Film mit den Probenarbeiten weiterläuft, fallen die Anwesenden in ihre alten Rollen zurück. Sie spielen mit, sie nehmen Stichwörter auf, sie finden sich zu den Paaren zusammen, die sie einst waren, sie wandern in andere Räume, andere Bühnenbilder. Film und Theater werden eins, die Erinnerung übernimmt die Regie, die Vergangenheit erweist sich als außerordentlich beharrlich. Es ist ein Spiel, eine Spielerei, mehr nicht. Aber es ist ein Film von Alain Resnais.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1955, Redakteurin im Feuilleton.

Jüngste Beiträge