Wenn das Kino die Innenräume verlässt und nach draußen geht, sehen wir, wenn wir Glück haben, ein Stück von der Welt, wie es uns noch nicht bekannt war. Weil wir die Orte noch nie besucht haben. Weil wir die Orte zwar kennen, aber einen anderen Blick auf sie hatten, bisher. Weil wir zu Orten geführt werden, die uns gänzlich unzugänglich sind. Nicht nur in die Traumwelten, die das Kino erschafft, sondern zu realen Schauplätzen. Manchmal ist das, was gleichsam dokumentarisch in filmischer Verdichtung vor unsere Augen kommt, alles, was zählt. Früher war das eine der großen Attraktionen des Kinos als Fenster in die Welt. Heute ist es immerhin noch manchmal so.
Im Dschungel am Amazonas etwa, durch den die Macheten nur für einen Augenblick einen Weg freischlagen, und in den Slums von Buenos Aires mit den halbfertigen Wohnblöcken, in deren oberer Etage sich die Süchtigen niederlassen, während ihre Händler unten, in engen Gassen zwischen Wellblechwändenunter Plastikplanen zusammenkochen, womit die Kinder oben sich zerstören. Oben wie unten bleibt das Regenwasser tagelang stehen. Es ist nicht das erste Mal, dass wir in diesen Slums unterwegs sind, sie sind oft gefilmt worden. Aber Pablo Trapero zeigte sie uns noch einmal ohne zu blinzeln in „Elefante Blanco“ (in der Reihe Un certain regard). Der Film mag eine Art sozialkritisch-religiöse Exploitation sein, es geht um die Glaubenskonflikte eines Geistlichen, Sex im Zölibat, Gewalt unter Drogenhändlern, Chancenlosigkeit im Slum und den Segen der guten Tat- all dies aber steht zurück hinter den Orten, an denen er spielt. Sie brauchen keinen Plot, um zu erzählen, dass die Hölle keine Erfindung der Priester ist.
„Amerika, das ist kein Land“
Niemals wären wir auf die Idee gekommen, einen Badeurlaub in Mohang in Südkorea zu planen, wir wussten nicht einmal, dass dort ein Strand ist. Hong Song-soohat mit Isabelle Huppert dort den Film „Da-reun na-ra-e-suh“ (In einem anderen Land) gedreht, seinen Wettbewerbsbeitrag. „Echos aus der NouvelleVague“ - hätte ich einen Wunsch frei, wollte ich diesen Satz, der im Zusammenhang mit diesem Film immer wieder geäußert wird, nie wieder lesen müssen. Aber der Ort, an dem Isabelle Huppert dreimal eine Frau namens Anna spielt, die verschiedene Leute trifft, die immer dieselben und doch wieder andere sind außer dem Rettungsschwimmer, der immer nur derselbe bleibt, hat eine seltsam hypnotische Ausstrahlung. Es ist gar nichts los in Mohang. Der Himmel ist grau, der Strand klein, das Wasser kalt. Einmal pro Kapitel schwimmt der Strandwächter von rechts nach links durchs Bild. Sonst gibt es jenseits der kleinen Gruppe niemanden dort, nicht einmal eine Landschaft. Leere, durch die eine Straße führt, auf der niemals ein Auto kommt. Das Paradies. Ein Albtraum. Definitiv nicht französisch. Antibes und Cannes. Könnte ein Ort vertrauter sein in diesen Tagen? Bei Jacques Audiard in seinem Film „Rost und Knochen“ glauben wir, wir wären nie hier gewesen. Der Parkplatz irgendwo draußen, auf dem auf Männer gewettet wird, die einander mit nackten Fäusten sehr wehtun, der Vergnügungspark mit maritimen Attraktionen, in dem zu Diskomusik Killerwale ein Ballett aufführen, was passiert an diesen Orten jetzt, während nebenan unter besser angezogenen Menschen auch gelärmt wird?
Selbst Amerika kann im Kino immer noch eine terra incognita sein. Brad Pitt sagt am Ende von Andrew Dominiks Hommage an die Thriller der Siebziger, „Killing Them Softly“: „Amerika, das ist kein Land, Amerika ist ein Geschäft“. Was er meint, ist natürlich richtig, aber was er sagt, ist es nicht. Amerika ist ein Land, das in diesem Jahr (in dem allein im Wettbewerb fünf Filme von dort liefen) manchmal so aussah, als hätten wir es nie gesehen. Im Kino nicht, im Leben nicht.
Drinnen bleiben, lesen
Zum Beispiel auch in Dominiks Film. Im Hintergrund, drinnen, laufen zwar ununterbrochen Nachrichten vom zusammenbrechenden Finanzsystem oder Reden des noch amtierenden Präsidenten George W. Bush und des Kandidaten Barack Obama, in denen von der Größe des Lands, den Chancen für jeden und so weiter gelogen wird. Draußen aber sehen wir aufgebrochene Straßen, über die der Abfall weht, verfallende Häuser, mickrige Bäume. Ein Land, dem Untergang nahe. Und darin, zu einem Geld- und Totentanz stilisiert, einen billigen Überfall auf ein Kasino und die Folgen.
Zum Beispiel in „Beast of the Southern Wild“ von Benh Zeitlin, der im Certain Regard gezeigt wurde. Es gibt einiges, was an diesem Film nicht stimmt, die bombastische Musik zuerst. Aber in welche Welt führt er uns! Bathtub heißt das Slum in einer Senke hinter dem Deich in Louisiana. Es ist ein Ort, der beim nächsten Sturm, bei der nächsten großen Flut untergehen wird. Die Erde ist feucht, Tiere aller Art leben mit den Menschen, alle Annehmlichkeiten der Zivilisation, fließendes Wasser, Strom, dichte Dächer sind weit entfernt. Wie Hushpuppy, eine Sechsjährige, die hier mit ihrem Vater lebt, den Tieren zuhört, durch den Matsch rast, wie die Menschen in große Bottiche mit Krabben und Krebsen greifen, die sie aus dem Wasser ziehen, und wie, als der Sturm dann kommt und wieder abzieht, Hushpuppy mit ihrem Vater in einem viereckigen Boot durch neue Kanäle fährt, das ist unvergesslich, hoffentlich. Und ja, es ist Amerika an einem Ort, an dem die ökologische Katastrophe schon da ist.
Mitten durch dieses Land führt „On the Road“. Jack Kerouac träumte davon, sein Buch mit Marlon Brando verfilmt zu sehen, Francis Coppola hat viel später die Rechte gekauft, aber den Film nie gedreht, Walter Salles hat es dann endlich geschafft (im Wettbewerb). Aber Amerika in den späten Vierzigern, frühen Fünfzigern ist bei Salles nur ein Klischee. Weizenfelder im Sonnenuntergang, Baumwollpflücker bei Sonnenaufgang, weite Schneelandschaften oder Kakteenalleen, wohin die Reise gerade geht. Darüber gesprochen Passagen aus dem Buch, ein verzweifelt wirkender Notbehelf, irgendetwas, das an „On the Road“ immer noch fasziniert - die Sprache -, in den Film zu retten. Drinnen bleiben, lesen, das wäre eine Alternative.